10 berühmte Narzissten der Geschichte

Berühmte Narzissten

Wer sich mit Macht beschäftigt, stößt unweigerlich auf berühmte Narzissten der Geschichte. Dieser Beitrag ordnet zehn Persönlichkeiten ein, deren Selbstinszenierung, Größenfantasien und Kontrollbedürfnis historisch belegt sind, ohne nachträgliche Diagnosen zu stellen.

Bestimmte Herrscher, Feldherren und Staatslenker kehren in Listen auffällig oft wieder. Ihre Namen stehen für Personenkult, monumentale Bauten, manipulierte Geschichtsschreibung und einen brutalen Umgang mit Gegnern. Aus heutiger Sicht erkennen Psychologen und Historiker in diesen Mustern Züge, die wir mit Narzissmus verbinden. Der Begriff stammt aus der griechischen Sage, gelangte über Sigmund Freud in die Fachsprache und beschreibt heute eine Bandbreite von Verhaltensweisen, die vom gesunden Selbstbewusstsein bis zur klinischen Persönlichkeitsstörung reichen.

Wichtig bleibt eine klare Trennung. Eine Persönlichkeitsstörung lässt sich nur am lebenden Menschen nach den Kriterien von ICD-11 oder DSM-5 feststellen. Verstorbene Herrscher sind dieser Methode entzogen. Was bleibt, sind Quellen, Bauten, Briefe, Reden und Augenzeugenberichte. Diese ergeben ein Bild, das psychologisch interpretierbar ist, ohne den Anspruch auf eine Diagnose zu erheben. Genau in diesem Rahmen bewegt sich der folgende Überblick.

Was bedeutet Narzissmus im historischen Kontext?

Der österreichische Psychoanalytiker Otto Kernberg und der amerikanische Psychologe Heinz Kohut haben den Begriff im 20. Jahrhundert entscheidend geprägt. Sie beschreiben Narzissmus als ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Selbst, das durch übersteigerte Selbstbezogenheit, ein chronisches Bedürfnis nach Bewunderung und einen Mangel an Empathie auffällt. Hinzu kommen extreme Kränkbarkeit, ein Hang zur Abwertung anderer und eine fragile Innenwelt hinter einer glänzenden Fassade.

In der historischen Betrachtung zählen weniger Diagnoseraster, sondern beobachtbare Muster. Dazu gehören die Konstruktion eines monumentalen Eigenbildes, der Personenkult, die Kontrolle der eigenen Darstellung in Kunst und Propaganda, die Ausschaltung kritischer Stimmen und die Bereitschaft, ganze Gesellschaften für die eigene Größe einzusetzen. Wer Macht über Leben und Tod besitzt, kann diese Muster ungehindert ausleben. Genau deshalb fallen Herrscher in der Geschichte besonders häufig auf.

Wodurch unterscheidet sich gesunder Narzissmus von destruktivem Narzissmus?

Ein gesundes Selbstwertgefühl, Ehrgeiz und der Wunsch nach Anerkennung sind menschlich. Sie helfen dabei, Ziele zu erreichen und Verantwortung zu übernehmen. Destruktiver oder maligner Narzissmus zeigt sich erst dort, wo dieses Streben über andere Menschen hinwegrollt. Dann verbindet sich die Selbstüberhöhung mit Misstrauen, Aggression und einer sadistischen Komponente. Gerade in diktatorischen Systemen entwickelt sich diese Mischung oft ungebremst, weil Korrektive fehlen.

Ramses II. und der Steinkult der ewigen Größe

Ramses II. regierte etwa von 1279 bis 1213 vor Christus über 66 Jahre lang das Neue Reich Ägyptens. Kaum ein anderer Pharao hinterließ so viele Bauwerke, Statuen und Inschriften. Abu Simbel mit den vier kolossalen Sitzfiguren des Königs ist nur das bekannteste Beispiel. In Karnak, Luxor und Theben ließ er bestehende Bauten vereinnahmen und mit eigenen Kartuschen versehen. Selbst Statuen seiner Vorgänger wurden überarbeitet und ihm zugeschrieben.

Besonders auffällig ist seine Inszenierung der Schlacht von Kadesch gegen die Hethiter. Tatsächlich endete der Feldzug 1274 vor Christus militärisch unentschieden. In der ägyptischen Propaganda wurde daraus ein triumphaler Sieg, gemeißelt in Tempelwänden und literarischen Dichtungen. Ramses kontrollierte sein Bild für die Nachwelt mit beispielloser Konsequenz. Die Kombination aus Größenfantasien, manipulativer Geschichtsschreibung und Kontrollbedürfnis macht ihn zum Prototyp eines herrscherlichen Narzissten.

Nero und der Künstler auf dem Kaiserthron

Nero regierte von 54 bis 68 nach Christus. Antike Autoren wie Tacitus, Sueton und Cassius Dio zeichnen ein dichtes Bild. Sie beschreiben einen Kaiser, der sich für einen großen Sänger, Schauspieler und Wagenlenker hielt. Er erzwang öffentliche Auftritte und ließ sich von einer eigens dressierten Claque von rund 5000 Männern, den Augustianern, frenetisch bejubeln. Wer den Saal verlassen wollte, riskierte sein Leben.

Nach dem großen Brand Roms im Jahr 64 begann er auf den Trümmern den Bau der Domus Aurea, eines goldenen Palastes mit künstlichem See, Kolossalstatue und einem Areal von rund 80 Hektar. Politische Gegner, darunter seine Mutter Agrippina, ließ er beseitigen. Hinter der theatralischen Fassade lassen Quellen einen kränkbaren, paranoiden Herrscher erkennen. Diese Mischung aus Selbstüberhöhung, Empathiemangel und Kontrollwahn passt zum Bild eines historischen Narzissten.

Kleopatra VII. und die Inszenierung als lebende Göttin

Kleopatra herrschte von 51 bis 30 vor Christus als letzte Königin des ptolemäischen Ägypten. Sie sprach mehrere Sprachen, war intellektuell hochgebildet und beherrschte die politische Bühne ihrer Zeit. Ihre Begegnungen mit Julius Caesar und Marcus Antonius waren keine bloßen Affären, sondern strategische Inszenierungen. Bei der berühmten Ankunft in Tarsos 41 vor Christus erschien sie auf einem vergoldeten Schiff, gekleidet als Aphrodite. Der römische Feldherr sollte vor der lebenden Göttin sprachlos werden.

Münzen zeigten sie mit der Ikonografie der Isis. Tempel und Reliefs unterstrichen ihren göttlichen Status. Politische Konkurrenten innerhalb der Familie, darunter ihre Geschwister Ptolemaios XIII. und Arsinoë IV., wurden ausgeschaltet. Diese systematische Selbstvergöttlichung, gepaart mit der bedingungslosen Verteidigung der eigenen Macht, lässt narzisstische Züge erkennen. Zugleich bleibt sie ein Beispiel dafür, dass Selbstinszenierung in der Antike auch ein politisches Werkzeug war.

Ludwig XIV. und der Sonnenkönig als Marke

Ludwig XIV. saß 72 Jahre auf dem französischen Thron, von 1643 bis 1715. Seine Regierungszeit gilt als Höhepunkt des europäischen Absolutismus. Das berühmte Staatsporträt von Hyacinthe Rigaud aus dem Jahr 1701 zeigt ihn in Hermelin, mit Zepter und ausgestelltem Bein, eine sorgfältig komponierte Allegorie absoluter Macht. Die Sonnenikonografie machte ihn zum Mittelpunkt des Universums, um den der Hof kreiste.

Versailles wurde nicht nur Schloss, sondern Bühne. Etwa 1000 Höflinge und 4000 Bedienstete lebten dort, jedes Detail war zeremoniell durchchoreografiert. Der König nutzte Kunst, Theater, Musik und Architektur als Propagandainstrumente. Das berühmte Wort vom Staat, der mit ihm identisch sei, ist überliefert, wenn auch nicht authentisch belegt. Der Personenkult, das Bedürfnis nach absoluter Kontrolle und die rücksichtslose Bereitschaft, Frankreich für militärischen Ruhm finanziell auszubluten, zeichnen einen Herrscher mit deutlich narzisstischen Zügen.

Napoleon Bonaparte und der Mythos vom selbst gekrönten Kaiser

Napoleon Bonaparte stieg während der Wirren der Französischen Revolution vom korsischen Offizier zum Kaiser der Franzosen auf. Seine Krönung am 2. Dezember 1804 in Notre-Dame ist eine der bekanntesten Selbstinszenierungen der europäischen Geschichte. Vor den Augen von Papst Pius VII. setzte er sich die Krone selbst auf. Die Botschaft war eindeutig. Niemand sollte über ihm stehen.

Napoleon ließ seine Feldzüge auf Gemälden glorifizieren, etwa in Jacques-Louis Davids Bild „Napoleon beim Übergang über die Alpen“. Er installierte Geschwister als Könige in eroberten Ländern und schuf ein dynastisches System um seine Person. Der Russlandfeldzug 1812 mit hunderttausenden Toten zeigt eine Bereitschaft, Menschenleben dem eigenen Größenanspruch zu opfern. Die Mischung aus militärischem Genie, monumentaler Selbstdarstellung und Empathieferne macht ihn zur Schlüsselfigur unter den berühmten Narzissten der Geschichte.

Wilhelm II. und der gekränkte Kaiser

Wilhelm II. war von 1888 bis 1918 deutscher Kaiser und König von Preußen. Zeitgenossen beschreiben ihn als sprunghaft, eitel und dauerhaft auf öffentliche Bewunderung angewiesen. Er sammelte Uniformen, posierte in martialischen Posen und liebte den theatralischen Auftritt. Schon der frühe Bruch mit Reichskanzler Otto von Bismarck im Jahr 1890 zeigt das Muster. Ein erfahrener, mächtiger Berater wurde entlassen, weil der junge Kaiser keine Konkurrenz duldete.

Seine Reden waren oft impulsiv und außenpolitisch heikel, etwa die Hunnenrede von 1900 oder das berüchtigte Daily-Telegraph-Interview 1908. Der Historiker John C. G. Röhl hat in seiner umfangreichen Biografie zahlreiche Belege für extreme Kränkbarkeit, autoritäre Wutausbrüche und ein chronisch fragiles Selbstbild zusammengetragen. Wilhelm II. trug Mitverantwortung für das politische Klima, das in den Ersten Weltkrieg führte. Seine Persönlichkeit gilt als Lehrstück über die Gefahren narzisstischer Strukturen in Erbmonarchien.

Josef Stalin und der industrialisierte Personenkult

Josef Stalin führte die Sowjetunion von Mitte der 1920er Jahre bis 1953. Sein Personenkult war einer der dichtesten der Geschichte. Städte trugen seinen Namen, darunter Stalingrad, Stalinabad und Stalinsk. Riesige Porträts hingen in Schulen und Fabriken, Schriftsteller und Historiker mussten ihn als unfehlbaren Genie-Führer darstellen. Die Geschichte der Bolschewiki wurde umgeschrieben, sodass Stalin zentrale Rollen einnahm, die er nie gespielt hatte.

Die Großen Säuberungen ab 1936 kosteten Hunderttausende Menschen das Leben. Alte Weggefährten Lenins wurden in Schauprozessen liquidiert, weil sie als Bedrohung für sein Selbstbild galten. Familienangehörige fielen ebenso seiner Paranoia zum Opfer. Die Verbindung von absolutem Kontrollbedürfnis, eiskalter Empathielosigkeit und der Inszenierung als historische Erlöserfigur ergibt das Bild eines malignen Narzissten, in dessen Schatten Millionen Menschen starben.

Benito Mussolini und der Erfinder der modernen Diktator-Ästhetik

Benito Mussolini regierte Italien von 1922 bis 1943 als faschistischer Duce. Er prägte die Bildsprache, die viele spätere Diktatoren übernahmen. Der vorgereckte Kiefer, die geballte Faust, der martialische Balkonauftritt am Palazzo Venezia, das alles war sorgfältig kalkulierte Selbstdarstellung. Mussolini ließ sich beim Pflügen, beim Boxen, beim Skifahren und beim Reiten fotografieren. Der Duce sollte allmächtig, jugendlich und männlich erscheinen.

Politisch knüpfte er an das Erbe des Imperium Romanum an. Bauten, Aufmärsche und Filme inszenierten Italien als auferstandenes Weltreich. Der Überfall auf Abessinien 1935 mit Einsatz von Giftgas zeigte die rücksichtslose Seite dieses Größenwahns. Selbst sein Ende am Mast einer Tankstelle in Mailand 1945 wurde später politisch weiter ausgeschlachtet. Mussolini bleibt das Lehrbeispiel dafür, wie narzisstische Selbstinszenierung und moderne Massenmedien zusammenwirken.

Adolf Hitler und der totalitäre Größenwahn

Adolf Hitler stieg vom gescheiterten Kunstmaler zum Reichskanzler des Deutschen Reichs auf. Schon „Mein Kampf“ von 1925 ist ein Dokument grenzenloser Selbstüberhöhung und ideologischer Verachtung. Die Reichsparteitage in Nürnberg, choreografiert von Albert Speer und Leni Riefenstahl, machten den Führerkult sichtbar. Architekturpläne wie die geplante Welthauptstadt Germania sollten Berlin in eine monumentale Bühne für Hitler verwandeln.

Politisch und militärisch war Hitler bereit, ganze Völker für sein Bild von einem germanischen Großreich zu opfern. Der Vernichtungskrieg im Osten und die Shoah sind ohne diese Verbindung aus malignem Narzissmus, paranoider Ideologie und absoluter Verachtung anderer nicht zu erklären. Selbst im Bunker 1945 dachte er nicht an die Verantwortung für die Toten, sondern an seinen Nachruhm. Hitler bleibt das extremste Beispiel dafür, wohin destruktiver Narzissmus in einer modernen Diktatur führen kann.

Mao Zedong und der unfehlbare Steuermann

Mao Zedong gründete 1949 die Volksrepublik China und führte sie bis zu seinem Tod 1976. Sein Personenkult erreichte mit der Kulturrevolution ab 1966 einen weltweit beispiellosen Höhepunkt. Die „Worte des Vorsitzenden Mao“, das berühmte rote Buch, erschienen in hunderten Millionen Exemplaren. Sein Porträt hing in jedem Klassenzimmer, sein Wort galt als unfehlbar. Wer ihn kritisierte, wurde verfolgt, in Lager gesteckt oder hingerichtet.

Die Politik des Großen Sprungs nach vorn von 1958 bis 1962 führte zu einer Hungerkatastrophe mit Schätzungen von 30 bis 45 Millionen Toten. Die Kulturrevolution zerstörte Familien, Bildungseinrichtungen und Kulturgut über ein Jahrzehnt hinweg. Mao opferte ganze Generationen für ein Gesellschaftsbild, in dessen Zentrum er selbst stand. Die Verbindung von utopischer Ideologie, totaler Kontrolle und einem unangreifbaren Selbstbild macht ihn zu einem der folgenreichsten Narzissten der Weltgeschichte.

Welche Muster verbinden diese zehn Persönlichkeiten?

Wer die Beispiele nebeneinander legt, erkennt wiederkehrende Strukturen. An erster Stelle steht die Inszenierung. Bauten, Bilder, Münzen, Filme und Aufmärsche dienen der Verstärkung eines übersteigerten Selbstbildes. An zweiter Stelle steht die Ausschaltung von Kritik. Konkurrenten, Kritiker und einstige Verbündete verschwinden, weil sie das fragile Selbstwertgefühl bedrohen. Drittens fällt die Bereitschaft auf, ganze Gesellschaften für persönliche Größenfantasien einzusetzen. Krieg, Hunger und Verfolgung erscheinen als akzeptabler Preis.

Auffällig ist viertens das Bedürfnis, das eigene Bild für die Nachwelt zu kontrollieren. Geschichtsschreibung wird umgeschrieben, Denkmäler werden errichtet, Niederlagen werden zu Siegen umgedeutet. Diese Liste zeigt damit weniger Einzelfälle, sondern ein wiederkehrendes Muster, das von Pharaonen über Kaiser bis zu modernen Diktatoren reicht. Die Frage ist nicht, ob diese Persönlichkeiten Narzissten waren, sondern welche Bedingungen ihre narzisstischen Züge so wirkmächtig werden ließen.

Warum tauchen narzisstische Züge in Machtpositionen so häufig auf?

Wer in einem System aufsteigt, in dem Sichtbarkeit, Selbstbewusstsein und Härte belohnt werden, hat als narzisstisch geprägter Mensch Vorteile. Die fehlende Empathie schützt vor Skrupeln, die Selbstüberzeugung wirkt charismatisch, das Bedürfnis nach Bewunderung passt zum öffentlichen Auftritt. In autokratischen Systemen ohne wirksame Kontrolle können sich diese Züge entfesseln. Demokratische Institutionen, freie Medien und Gewaltenteilung wirken hingegen als Korrektiv.

Kernfakten im Überblick

Aspekt Wesentliches
Definition Narzissmus beschreibt eine übersteigerte Selbstbezogenheit mit Bedürfnis nach Bewunderung und mangelnder Empathie.
Methodische Grenze Eine klinische Diagnose ist nur am lebenden Menschen möglich, nicht rückwirkend.
Typische Muster Selbstinszenierung, Personenkult, Empathiemangel, Kontrolle der Geschichtsschreibung.
Historischer Querschnitt Von Ramses II. über Ludwig XIV. bis Mao reicht ein durchgehendes Muster narzisstischer Macht.
Politische Lehre Demokratische Korrektive begrenzen die destruktive Wirkung narzisstischer Persönlichkeiten.

Fazit

Die zehn vorgestellten Persönlichkeiten zeigen, wie eng Macht, Selbstinszenierung und narzisstische Züge in der Geschichte verbunden sind. Von der monumentalen Bauwut Ramses II. über den Sonnenkönigskult Ludwigs XIV. bis zum totalitären Größenwahn des 20. Jahrhunderts wiederholen sich die Muster mit erstaunlicher Konstanz. Sichtbar wird, dass Narzissmus in Machtpositionen besonders gefährlich wird, weil Korrektive fehlen oder beseitigt werden. Wer die berühmten Narzissten der Geschichte versteht, lernt nicht nur etwas über einzelne Herrscher, sondern auch über die Mechanismen von Personenkult, Propaganda und Gewaltbereitschaft. Wichtig bleibt die methodische Vorsicht. Historische Figuren lassen sich nicht klinisch diagnostizieren. Die Verhaltensmuster sprechen jedoch eine deutliche Sprache und liefern Stoff für eine bis heute aktuelle Debatte.

Häufig gestellte Fragen zum Thema „10 berühmte Narzissten der Geschichte“

Lassen sich historische Persönlichkeiten heute überhaupt seriös als Narzissten bezeichnen?

Eine seriöse Einordnung verzichtet auf den Anspruch einer Diagnose. Klinische Kriterien nach ICD-11 oder DSM-5 setzen direkten Zugang zur Person voraus, einschließlich Anamnese, Beobachtung und Tests. Bei Ramses II. oder Napoleon ist das ausgeschlossen. Möglich ist hingegen eine quellenbasierte Beschreibung von Verhaltensmustern. Wenn Bauten, Reden, Briefe und Augenzeugenberichte in dieselbe Richtung weisen, spricht vieles für narzisstische Züge. Verantwortungsbewusste Autoren formulieren deshalb in der Sprache der historischen Plausibilität, nicht in der Sprache der Psychiatrie.

Welche Rolle spielt das Geschlecht bei der Bewertung narzisstischer Herrscher?

Die Wahrnehmung weiblicher Herrscherinnen war über Jahrhunderte stärker moralisch geprägt als die ihrer männlichen Kollegen. Kleopatra wurde von römischen Autoren als verführerisch und unmoralisch gezeichnet, Männer mit ähnlichem Machtverhalten erschienen als entschlossen und groß. Diese Schieflage wirkt bis heute nach. Eine ausgewogene Betrachtung berücksichtigt deshalb die zeitgenössischen Stereotype und prüft, welche Verhaltensweisen tatsächlich belegbar sind. Andernfalls werden Frauen schneller pathologisiert als Männer, obwohl die Verhaltensmuster vergleichbar bleiben.

Wie unterscheidet sich Narzissmus von Psychopathie und Soziopathie bei historischen Figuren?

Narzissmus, Psychopathie und antisoziale Persönlichkeitsstörung gelten in der Psychologie als die sogenannte dunkle Triade, oft erweitert um Machiavellismus. Im Zentrum des Narzissmus steht die übersteigerte Selbstbezogenheit. Psychopathie bezeichnet vor allem fehlende Schuldgefühle, Skrupellosigkeit und Affektkälte. Bei Diktatoren wie Stalin oder Hitler treffen mehrere dieser Züge zusammen, weshalb Forscher von malignem Narzissmus sprechen. Bei reinen Selbstdarstellern wie Wilhelm II. oder Ludwig XIV. tritt die psychopathische Komponente schwächer hervor. Die Begriffe ergänzen sich, ersetzen sich aber nicht.

Welche typischen Fehler treten bei der populärwissenschaftlichen Einordnung berühmter Narzissten auf?

Häufig werden komplexe Persönlichkeiten auf eine einzige Etikette reduziert. Damit gehen historische Kontexte verloren, etwa religiöse Selbstdarstellungspflichten antiker Könige oder die Logik des barocken Hofzeremoniells. Ein zweiter Fehler liegt in der moralischen Aufladung. Narzissmus wird als Schimpfwort genutzt, nicht als analytische Kategorie. Drittens werden modische Diagnosen auf Figuren wie Sisi oder Coco Chanel projiziert, ohne ausreichende Quellenbasis. Eine professionelle Einordnung trennt Beschreibung, Quellenkritik und psychologische Deutung sauber voneinander und verzichtet auf vorschnelle Urteile.

Welche Lehren ziehen moderne Demokratien aus dem Verhalten historischer Narzissten?

Demokratien profitieren von Strukturen, die narzisstische Selbstüberhöhung begrenzen. Dazu gehören Gewaltenteilung, eine unabhängige Justiz, freie Medien, regelmäßige Wahlen und parlamentarische Kontrolle. Wo diese Institutionen geschwächt werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass narzisstisch geprägte Persönlichkeiten Macht auf sich konzentrieren. Historische Beispiele wie Mussolini, Stalin oder Mao zeigen, wie schnell Personenkult, Propaganda und Gewalt entstehen, wenn Korrektive verschwinden. Wer die Geschichte berühmter Narzissten kennt, sieht heutige Warnsignale früher und kann demokratische Institutionen bewusster verteidigen.

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Über Der Philosoph 2654 Artikel
Darko Djurin, bekannt als „Der Philosoph", wurde 1985 in Wien geboren und ist diplomierter Medienfachmann sowie Online Social Media Manager. Mit mehrjähriger Erfahrung in GEO (Generative Engine Optimization) und über einem Jahrzehnt Erfahrung in SEO (Search Engine Optimization), Content-Strategie, Logo- und Webdesign, Visual Effects sowie Portrait- und Architekturfotografie vereint er technisches Know-how mit kreativem Gespür. Seit jeher faszinieren ihn die Dynamik zwischen Männern und Frauen, die Tiefen der menschlichen Psychologie sowie die stetige Entwicklung moderner Technologie - drei Welten, die auf den ersten Blick unterschiedlich wirken, sich aber im Alltag des modernen Mannes ständig überschneiden.

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