Enttäuschung und Kränkung – wie damit umgehen?

Enttäuschung-und-Kränkung Enttäuschung und Kränkung - wie damit umgehen?

„Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben.“ Epiktet

Enttäuschungen und Kränkungen sind mögliche Reaktionen auf Ereignisse, durch die wir uns seelisch verletzt fühlen. Diese Ereignisse sind in der Regel Kritik, Zurückweisungen, Ablehnung, Ausschluss oder ignoriert zu werden, was wir als Entwertung erleben. Und zwar als Entwertung unserer Person, unserer Handlungen oder unserer Bedeutung für einen anderen Menschen. Enttäuschung ist ein subjektives Empfinden. Enttäuschung ist eine mögliche Reaktion auf das, was von außen kommt. Enttäuschung ist das Ende einer Täuschung!

Erwartung und Enttäuschung

„Man ist nicht enttäuscht von dem, was ein Anderer tut (oder nicht tut), sondern nur über die eigene Erwartung an den Anderen!“ Ralf Kunke

Auf Enttäuschung reagieren wir mit Gefühlen von Ohnmacht und Trotz sowie Wut und Verachtung gegen den Kränkenden. Dahinter sind Gefühle von Schmerz, Angst und Scham verborgen, die oft weder gespürt noch ausgedrückt werden. Stattdessen wendet sich die Enttäuschung meist in Form von Gewalt gegen den „Täter“ oder Flucht. Die Wut und Verachtung sind gleichsam Schutzreaktionen vor dem Schmerz der Verletzung. Ihr Ziel ist es, den Schmerz zu beenden und zu neutralisieren.

Enttäuschungen können zum Beispiel dort entstehen, wo Mitarbeiter Sachkonflikte und Kritik im Betrieb zu Beziehungskonflikten machen und das als Kränkung persönlich nehmen – gegen sich gerichtet erleben und sich entwertet fühlen.

Themen in der Zusammenarbeit wie beispielsweise Konkurrenz, Kritik, Diskriminierung, Ungerechtigkeiten, Machtunterschiede und Arbeitsplatzverlust besitzen ebenso ein Kränkungspotential wie organisatorische Strukturen. Dazu zählen unter anderem hierarchische Unterschiede, ein unkollegiales Arbeitsklima, eingeengte Kompetenz- und Entscheidungsbefugnisse, zu geringe Arbeitsanreize oder eine zu hohe Kontrolle.

Enttäuschung und Persönlichkeitsstruktur

Abhängig von der Persönlichkeitsstruktur reagieren Menschen mehr oder weniger kompetent auf Einschränkungen oder Zurückweisungen. Hohe Ängstlichkeit, geringe soziale Kompetenz im Umgang mit Anderen, Selbstunsicherheit, ein mangelndes Selbstvertrauen und eine geringe Durchsetzungsfähigkeit leisten der Kränkungsbereitschaft Vorschub.

Das Streben nach Erfolg, Einfluss, Geld und Karriere oder nur nach dem Erhalt des Arbeitsplatzes beinhaltet in sich schon Konkurrenz, denn in der Regel gibt es Mitbewerber um eine Stelle oder Anwärter auf den eigenen Posten. Gerade in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit wird Arbeit zu einem besonderen Gut, das oft mit allen Mitteln verteidigt wird.

Das Kränkende an der Konkurrenz liegt für viele nicht erst in der Verletzung durch den Gegner und seine unlauteren Mittel wie Schlechtmachen, Verleumden und Anschwärzen, sondern bereits in der Existenz von Konkurrenz an sich. Wer dies schon für eine Zumutung hält, für den bedeutet Konkurrenz ausschließlich die Einschränkung eigener Macht und Einflussmöglichkeiten durch die Konkurrenten und eine Bedrohung seines Selbstwertgefühls.

Je nach Persönlichkeitsstruktur reagieren Menschen in einer solchen Situation entweder aus ihren Minderwertigkeitsgefühlen oder aus der Überheblichkeit heraus. Im ersten Fall herrscht die Angst vor dem Versagen vor, die sich in Selbstzweifeln ausdrückt: „Der andere ist besser als ich?! Ich werde es nicht schaffen, besser zu sein oder zumindest ihm standzuhalten. Ich verliere mein Ansehen und meine Macht!“

Die Person bekommt Angst, wenn andere besser oder gleich gut sind und reagiert darauf mit verstärkter Anstrengung, weil sie glaubt, dass eine gleich gute oder bessere Leistung des anderen die eigene schmälert. Oder sie lässt sich einschüchtern und gibt vorschnell auf. Es kann daher leicht zu Kränkungen kommen, wenn es immer nur ein entweder Du oder Ich gibt und nicht ein Nebeneinander im Sine von: „Ich bin gut, auch wenn du gut bist.“

Enttäuschung und Kränkungen berühren immer das Selbstwertgefühl. Wir fühlen uns nicht respektiert, wertgeschätzt, angenommen und verstanden. Unsere Reaktionen gehen von Selbstzweifeln bis zur Verunsicherung unseres Identitätsgefühls. Sehr unsichere Menschen, die wir im Alltag als „empfindlich“ einstufen würden, sind häufig Menschen mit einem eher unstabilen Selbstwertgefühl. Sie reagieren schnell beleidigt, ziehen sich schon bei geringsten Anlässen zurück und sind für einige Zeit nicht mehr ansprechbar. Allein durch einen falschen Ton in der Stimme, ein barsches Wort oder eine hochgezogene Augenbraue können sie massiv in ihrem Selbstwert verletzt werden.

„Sei dir dessen bewusst, dass dich derjenige nicht verletzen kann, der dich beschimpft oder schlägt; es ist vielmehr deine Meinung, dass diese Leute dich verletzen. Wenn dich also jemand reizt, dann wisse, dass es deine eigene Auffassung ist, die dich gereizt hat. Deshalb versuche vor allem, dich von deinem ersten Eindruck nicht hinreißen zu lassen. Denn wenn du dir Zeit zum Nachdenken nimmst, dann wirst du die Dinge leichter in den Griff bekommen.“ Epiktet

Dagegen werden wir einen Menschen mit einem stabilen Selbstwertgefühl, den wir selbstbewusst nennen würden, nicht so leicht enttäuschen oder kränken. Ein solcher Mensch wird negative Botschaften von seinem Gegenüber zum einen nicht so sensibel wahrnehmen, zum anderen nicht sofort auf sich beziehen und damit nicht in verunsichert werden. Dieser Mensch ist einfacher für die Kommunikation und wir müssen nicht so acht geben, etwas Falsches zu sagen oder zu tun.

Enttäuschung und Wahrnehmung

Es ist eine Tatsache, dass jeder Mensch kränkbar ist, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.
Enttäuschungen und Kränkungen gehören zum Leben, wie auch der Angriff auf unser Selbstwertgefühl einen Teil unseres alltäglichen Erlebens ausmacht. Wir werden kritisiert, abgelehnt, ausgeschlossen, verlassen und zurückgewiesen. Ebenso werden wir auch geliebt, angenommen, gewollt und gelobt. Doch eben nicht immer. Die Auseinandersetzung mit Zurückweisungen bleibt niemandem erspart, so gerne wir das auch hätten.

Auch wenn das Verhalten des anderen möglicherweise gar nichts mit einem selbst zu tun hat, fühlt sich die Person missachtet oder zurückgestellt.

Eine Vortragende nimmt das Gähnen einer Zuhörerin wahr und kann das nun als ein Zeichen sehen, dass ihre Rede langweilig oder als ein Zeichen, dass diese Frau müde ist. Im ersten Fall bezieht sie das Gähnen auf sich, fühlt sich abgewertet und durch das scheinbare Desinteresse der Frau gekränkt. Im schlimmsten Fall lässt sie sich dermaßen verunsichern, dass sie ins Stocken gerät und den Faden verliert. Um eine solche Kränkung zu vermeiden und ihren Vortrag mit Überzeugung zu Ende zu bringen, muss die Rednerin lernen, der Situation eine andere Bedeutung zu geben.

Das kann sie, indem sie einen Perspektivenwechsel vornimmt und die Zuhörer unter einem neuen Blickwinkel wahrnimmt. Beispielsweise kann sie registrieren, wie viele Menschen nicht gähnen und aufmerksam zuhören. Sie kann außerdem dem Gähnen eine neue Bedeutung verleihen, indem sie es nicht ihrer mangelnden Leistung zuschreibt, sondern der Müdigkeit der Frau. Auch kann sie es möglicherweise zulassen, dass diese Frau sich langweilt, muss es aber nicht auf das gesamte Publikum verallgemeinern.

Ein Student konnte dem Unterricht am besten mit gesenktem Kopf verfolgen. Folglich, der Professor verurteilte ihn innerlich – als einen desinteressierten und respektlosen Studenten – bis auf einmal, als der Professor einen Fehler gemacht hat und der Student sofort reagierte. In einem persönlichen Gespräch erklärte der Student, dass er sich mit gesenktem Kopf nicht abgelenkt wird und sich so besser konzentrieren kann.

Du kaufst einen Rasierschaum und er entspricht nicht deinen Erwartungen – die Enttäuschung ist vorprogrammiert! Und wer ist der Täter?!

Wer enttäuscht (kränkt) dich wirklich?

Alexander Pope hat gesagt: „Gesegnet ist der, der nicht erwartet!“

Der Enttäuschte und der Enttäuscher sowie der Kränkende und der Gekränkte – sind Zwei, die sich unbedingt brauchen!

Enttäuschung und Kränkung ist ein relationales Geschehen, bei dem ein Mensch im Austausch mit anderen Menschen und seinem Umfeld steht.
Um enttäuscht und gekränkt zu werden, bedarf es eines Kränkenden oder Enttäuschten, der die Kränkungsreaktion im Anderen auslöst.

Dazu muss er jedoch nicht einmal persönlich anwesend sein wie zum Beispiel bei einem geschlossenen Laden. Allein die Tatsache, dass der Ladenbesitzer nicht lang genug für ihn offen hat, kann den Menschen kränken und ihn auf den Besitzer wütend werden lassen, obwohl er ihn gar nicht kennt. Er stempelt ihn jedoch zum Schuldigen ab, gegen den sich seine Verachtung richtet.

Oder eine sehr bekannte Enttäuschung – der U-Bahnfahrer hat nicht auf dich gewartet!

Umgekehrt gibt es einen Kränkenden nur, wenn es einen Gekränkten gibt. Auf diese Weise sind beide aufeinander angewiesen. Eine unheilvolle Allianz, die in der Regel mit Beziehungsschwierigkeiten endet.

Hund und Spiegel

Es gab in Indien den Tempel der tausend Spiegel. Er lag hoch oben auf einem Berg und sein Anblick war gewaltig. Eines Tages kam ein Hund und erklomm den Berg. Er stieg die Stufen des Tempels hinauf und betrat den Tempel der tausend Spiegel. Als er in den Saal der tausend Spiegel kam, sah er tausend Hunde. Er bekam Angst, sträubte das Nackenfell, klemmte den Schwanz zwischen die Beine, knurrte furchtbar und fletschte die Zähne.
Und tausend Hunde sträubten das Nackenfell, klemmten die Schwänze zwischen die Beine, knurrten furchtbar und fletschten die Zähne. Er regte sich so auf, dass er einen Herzschlag bekam und starb. Hätte er nur einmal mit dem Schwanz gewedelt!

Über Die Objektive (6 Artikel)
Marina Stolz ist 1960 geboren. Sie ist Volkswirtin, Psychosoziale Beraterin, Lebens und Sozialberaterin, Coach, Mediatorin und arbeitet als Marketing und Personalentwicklung Leiterin. Seit Jahrzenten beschäftigt sie sich mit Menschen die eigenen Weg suchen. Der neue Mann ist eine Möglichkeit ihr Wissen und Erfahrung weiterzugeben.
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