Männliche Identitätskrise – Interview mit Roland Kopp Wichmann

Männliche-Identitätskrise
Männliche Identitätskrise – Interview mit Roland Kopp Wichmann

Die Weltauffassung des Rollenbilds “Mann” befindet sich im Umbruch. Der bekannte Psychologe, Roland Kopp-Wichmann, gab uns in einem Interview Einblick in diesen Wandel und in die Männerpsyche.

Hallo Roland. Bitte stellen Sie sich unseren Lesern vor?

Ich bin Führungskräftetrainer und Coach und arbeite seit über dreißig Jahren mit Menschen. Früher hatte ich etliche andere Berufe, bis ich merkte, dass mich Geldverdienen allein nicht zufrieden macht. Dann holte ich mein Abitur nach und begann erste mit 28 Jahren Psychologie zu studieren. Mittlerweile bin ich 68 Jahre alt, also eigentlich Rentner, arbeite aber immer noch gerne.

Das alte Rollenbild des „Mannes“ befindet sich im Wandel, demzufolge machen immer mehr Männer eine Identitätskrise durch. Eine Studie der Emory University im „British Journal of Psychiatry“ sieht eine Welle von Depression auf Männer zukommen. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen der männlichen Identitätskrise?

Es hat viel damit zu tun, dass sich die Frauen sehr verändert haben. Durch die Frauenbewegung erkannten viele, dass sie oft in den patriarchalischen Strukturen steckten und haben sich daraus befreit. Sie sind selbstbewusster geworden und auch fordernder, was ihre Partner angeht.

Das verunsichert viele Männer, weil sie eine ähnliche „Bewegung“ nicht mitgemacht haben und auf die neuen Chancen und Herausforderungen einer Partnerschaft auf Augenhöhe (statt einer patriarchalischen Beziehung) schlechter vorbereitet sind. Männer machen sich auch generell weniger Gedanken über Beziehungen und vor allem, sie reden nicht mit anderen Männern darüber. Das heißt, viele Männer sind mit der ganzen Sache allein – und oft auch überfordert. So schlittern viele in eine Krise, die oft mit einer Depression einhergeht.

Wie erkenne ich als „Mann“, dass ich unter einer männlichen Identitätskrise leide?

Vor allem daran, dass ich unzufrieden bin und das nicht gut erklären kann. Vielleicht hat man alles erreicht, an der Oberfläche sieht auch alles gut aus, aber es bleibt eine nagende Unzufriedenheit.

Es zeigt sich auch an sich wiederholenden Streits in der Partnerschaft über die Themen Haushalt, Geld und Kinder, wenn es dafür keine Lösung zu geben scheint. Vor allem wenn der Mann, wie meistens in der Kinderphase der Hauptverdiener ist, sehen es viele nicht ein, warum und wie viel sie sich auch noch in der Familie engagieren sollen.

Drittes Anzeichen ist eine Affäre oder der Gedanke daran. Verbunden mit der Vorstellung, von einer anderen Frau endlich wieder diese Bewunderung und Bestätigung zu bekommen, die man von der Partnerin schon lange vermisst.

Welche Gefahren birgt die Identitätskrise für einen Mann?

Zum einen das Abrutschen in eine Depression, weil man keinen Ausweg weiß und auch ziemlich verzweifelt und allein ist.

Zum anderen, dass man die bestehende Partnerschaft zerbricht und man hofft, mit einer neuen Frau wird alles anders. Das kann sein, aber da der Mann sich selbst ja mitnimmt in die neue Beziehung ist es eher wahrscheinlich, dass nach ein paar Jahren er vor derselben Problematik steht.

Ist das alte Rollenbild vom „Mann“ noch zeitkonform?

Das kommt auf die Gesellschaft und die Partnerin an.

Das alte Rollenbild ist ja patriarchalisch geprägt. Der Mann bringt das Geld nach Hause und bestimmt, wo’s lang geht. Wenn man die dazu passende Frau hat, die das auch so sieht, kann es gut gehen. Doch es gibt immer weniger Frauen, die das gut finden oder tolerieren wollen. Zumal die meisten Frauen in Deutschland ihr eigenes Geld verdienen. Kritisch ist dann immer, wenn ein Kind kommt, und der Mann tatsächlich für eine bestimmte Zeit der Alleinverdiener ist. Hier bedarf es dann vieler Gespräche und Verhandlungen, damit man nicht in das alte Fahrwasser gerät.

Was empfinden Männer heutzutage als wichtig, um sich als „Mann“ identifizieren zu können?

Für die meisten Männer ist es der Beruf, dann der Sport und dann vielleicht noch Statussymbole. Bei „modernen“ Männern ändert sich das, wenn sie sich zum Beispiel entschieden haben, in Elternzeit zu gehen. Denn plötzlich erleben sie, dass es noch etwas anderes gibt als Erfolg, Geld und Ansehen. Viele genießen das, aber die wenigsten können sich vorstellen, dass mehrere Jahre zu machen, selbst wenn sie eine Partnerin haben, die mehr verdienen würde und es finanziell auch so reichen würde.

Was empfinden Frauen aus heutiger Sicht noch als „männlich“?

Vor allem ein Mann mit einer natürlichen männliche Präsenz, der es nicht nötig hat, sich als Mann „aufzuspielen“. Sondern in vielen Situationen gut kommunizieren kann, nicht zu schnell kränkbar ist bei Kritik und ein verlässlicher, humorvoller und verträglicher Partner ist. Wenn dazu der Sex noch gut ist, wunderbar! Aber gerade diese Vielfalt an „Anforderungen“ überfordert viele Männer.

Wie stärke ich mein männliches Selbstbewusstsein?

Am besten durch den Kontakt zu anderen Männern im Sinne eines neuen Modell-Lernens. Das sollten aber Männer sein, für die die hier angesprochenen Fragen auch wichtig sind und keine Männer, die offen oder heimlich dem alten Männerbild nachtrauern. Auch eine regelmäßige Männergruppe, und ich meine nicht den herkömmlichen Stammtisch, kann eine wertvolle Unterstützung sein. Am schwierigsten ist es, wenn der Mann glaubt, er wäre der Einzige mit diesen Fragen und versucht, es allein aus sich heraus zu lösen.

Worauf sollten Eltern bei der Erziehung von Jungen achten, um die männliche Identität zu stärken?

Der Sohn sollte ausreichend gute Zeit mit seinem Vater verbringen und die Mutter sollte das freundlich betrachten und sich nicht einmischen. Auch der Kontakt zu anderen Jungen und anderen männlichen Vorbildern wie zum Trainern im Sportverein ist wichtig. Mannsein lernt man nur von Männern, nicht von Frauen.

Leider ist es aber heute in der Realität anders. Der Vater arbeitete vielleicht viel und ist selten zu Hause oder zu müde, um etwas mit seinem Sohn zu machen. Und von klein auf ist der Junge von weiblichen Autoritäten umgeben: im Kindergarten, in der Grundschule, im Gymnasium.

Nimmt das überhand, kann es sein, dass für den Jungen „starke“ Männer plötzlich sehr attraktiv werden. Entweder als Held in einem Computerspiel oder in einer „Männer-Gang“.

Wenn Sie in die nächsten 20 Jahre blicken, glauben Sie, dass der Mann seinen Platz in die Gesellschaft wiederfinden wird ohne vermehrt in die männliche Identitätskrise schlittern wird?

Ich denke schon, es tut sich ja schon viel. Auf den Spielplätzen und in den Kindergärten sieht man viele Männer, die sich um ihren Nachwuchs kümmern. Viele nehmen Elternzeit und männliche Kollegen haben aufgehört, darüber zu spotten. Die größte Herausforderung sehe ich in den Partnerschaften. Denn die Frauen werden von ihrem neuen Selbstverständnis nicht zurückgehen. Viele Männer müssen aber noch etwas aufholen, um da auf gleiche Augenhöhe zu kommen.

Danke für das Interview

Unsere Empfehlung:

Wer in Sachen Psychologie es auf den Punkt gebracht haben möchte, sollte sich folgende Bücher von Roland Kopp-Wichmann näher ansehen:

Weiters habt ihr die Möglichkeit ihn auf www.persoenlichkeits-blog.de mitzuverfolgen.

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Darko Djurin (Der Philosoph) wurde am 04.05.1985 in Wien geboren. Er ist diplomierter Medienfachmann und Online Social Media Manager. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Musik Produktion, Visual Effects, Logo- & Webdesign, Portrait und Architekturfotografie und SEO – Suchmaschinenoptimierung. Seine Leidenschaft zum bloggen entdeckte er vor 12 Jahren. Der neue Mann ist nicht nur ein Projekt für ihn vielmehr sieht er es als seine Berufung seine Denkweise und Meinung auf diese Art kundzutun.

1 Kommentar

  1. Eine Geschlechterquote in Erziehungsberufen darf kein Tabu sein. Frauen in die Geschäftsführungen, Männer in die Schulen und Kindergärten. Die “verweibischten” Söhne Alleinerziehender Frauen werden nämlich keine Frau ihres Alters beeindrucken können. Ein Frau wünscht sich einen Mann, mit männlichen Eigenschaften. Nicht ein Frauen-Imitat mit Anhängsel. Die Partnerschaft zwischen Mann und Frau funktioniert durch gegenseitiges Ergänzen und nicht durch Angleichung an den anderen.

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