Borderline Beziehung – Partner – Teil 2

Borderline Beziehung – Partner
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Hattest du schon mal bei einer Entscheidung ein komisches Bauchgefühl, aber erst später, als du bemerkt hast, dich falsch entschieden zu haben, daran erinnert, dass du vorher ein komisches Bauchgefühl hattest? – Das ist ein Zeichen, dass du mit dir nicht verbunden warst, denn Bauchgefühle sind wichtig und geben Orientierung.

Im Laufe unseres bisherigen Lebens haben wir vieles erlebt und gefühlt. Nicht alles konnten wir verarbeiten und integrieren. Besonders unangenehme Erlebnisse mit den dazugehörigen Gefühlen und Zuständen sind häufig unintegriert oder gar unregistriert irgendwo in uns gespeichert.

Diese bleiben auf unterschiedlichen Ebenen gelagert. Manche werden durch einen Geruch wieder wiederbelebt, manche durch ein Geräusch, einige durch einen Augen-Blick, andere werden durch ein Gespür wieder geweckt.

Manche sind uns bewusst, doch die Mehrheit bleibt im Unbewussten. Wenn diese durch irgendeinen Auslöser wiederbelebt werden, erkennen wir nicht, dass es sich um lang gelagerte und nicht vollendete Emotionen handelt.

Wir suchen die Ursachen in der äußeren Welt, da die innere Welt keine Sicherheit mehr bietet. Wir fühlen uns dann verunsichert, ausgeliefert und hilflos. Es werden die Bereiche in uns berührt, die wir schon längst verlassen mussten, um die Bindung zu den Eltern aufrecht zu erhalten, um zu überleben.

Sven* (Name von der Redaktion geändert) ist ein 40-jähriger Mann, der seit 12 Jahren selbständig und sehr erfolgreich in seinem Beruf ist. Er hat seit 1,5 Jahren mit Lara* (Name von der Redaktion geändert) eine Beziehung. Vor Lara war Sven 13 Jahre mit Judith zusammen. Sie trennten sich friedlich, weil sie sich auseinandergelebt hatten. Ein paar Monate nach der Trennung von Judith lernte Sven Lara kennen. Mit Judith pflegt er einen freundschaftlichen Kontakt.

Als ich Lara traf, traf mich ein Blitz der Glücksgefühle, die ich bis dato nie gefühlt hatte. Es war sprichwörtlich Liebe auf den ersten Blick. Es war eine sehr, sehr innige Liebe und sehr intensiv.

Ich habe Lara das erste Mal in einem Restaurant gesehen. Sie saß ganz allein und las ein Buch. Ich war mit meinem Geschäftspartner Jan zum Essen dort und wir saßen an dem Tisch direkt ihr gegenüber.

Ich konnte nicht aufhören dorthin zu schauen, weil sie auch mir ständig die Blicke zugeworfen hatte, so dass ich am Anfang dachte, es könnte jemand sein, den ich kenne, aber nicht sofort erkennen konnte wer das ist. Genau das Gefühl hatte ich, als sie mich anschaute.

Als Jan und ich fertig mit dem Essen waren, saß sie noch da. Wir bezahlten und gingen hinaus. Als wir draußen waren, musste ich zurück. Warum? Weiß ich bis heute nicht. Ich sagte Jan: „Ich muss noch auf Toilette. Warte kurz auf mich“.

Ich ging wieder rein und wie ferngesteuert marschierte direkt zu ihrem Tisch. „Entschuldigung für die kurze Unterbrechung. Kennen wir uns irgendwo her?“ – hörte ich meine Stimme. Sie schaute mich, mit einem unschuldigen, fast schüchternen Blick an und sagte mit einer leisen angenehmen Stimme: “Nein. Oder vielleicht doch?“ – sie lächelte.

Ich drückte ihr meine Visitenkarte in die Hand und sagte, dass ich gehen muss. Erst dann merkte ich, dass meine Hände zitterten und ich ziemlich durcheinander war. Jan schaute mich an und fing an zu lachen. Er wusste es. Er sagte er hatte schon beim Essen gemerkt, dass ich abwesend war und nur in einer Richtung schaute.

Am gleichen Abend, kam eine WhatsApp Nachricht: „Mein Name ist Lara“ und ein lächelnder Smiley dahinter. Mein Herz fing an zu pochen. So was hatte ich noch nie erlebt. Ich kannte diese Frau nicht mal. Ich sagte mir in den Moment „Sven. Du bist fast 39 und benimmst dich wie ein verliebter Teenager“.

Ich dachte, ich antworte ihr erst morgen, Eigentlich wollte ich Lara erst am kommenden Tag antworten, aber wie ferngesteuert, antwortete ich 10 Minuten nachdem die Nachricht kam. „Die nette lesende Lady?“

Es kam ein Smiley zurück… Dann klingelte mein Handy…

Wir redeten bis 5 Uhr in der Früh. So fing alles an.

Wir verschmolzen förmlich zu einer Einheit waren zu einer Einheit verschmolzen, konnten die Sätze des anderen beenden und waren einfach nur eins. Zu dieser Zeit hatte ich immer nur einen Gedanken, immer und überall: Lara. Nur sie. Alles andere blendete ich total aus.

Jan konnte es kaum noch ertragen, denn ich redete nur noch über Lara. Er sagte: „Wenn man Verliebt sein als Krankheit klassifizieren könnte, wärst du wochenlang krankgeschrieben“.

Ich war fasziniert von ihrer Intelligenz, ihre Begeisterungsfähigkeit, ihrer kindlichen Freude und ihrer Fürsorge. Lara liebt Tiere und sie hat sogar eine Schnecke von dem Wegrand auf die Wiese gebracht, damit niemand auf sie treten kann. Sie tat alles mit einer Selbstverständlichkeit und Spontanität. Ich verliebte mich jeden Tag aufs Neue in sie. Sie gab mir jeden Tag zu spüren, wie sehr sie mich liebte und dass ich der wichtigste Mensch in ihrem Leben sei. Ich war beflügelt und beseelt.

Bevor sie mich kennen lernte, war sie 3 Jahre Single.

Lara erzählte mir schon in der ersten Woche, dass sie Borderline hat und dass es nicht immer einfach sei mit ihr, aber sie arbeite daran, sagte sie. Ich hatte nie von Borderline gehört und dachte mir, was immer es ist, sie ist reflektiert und ehrlich. Was soll da schieflaufen?! Dachte ich… Bis sie das erste Mal ging. Ohne einen ersichtlichen Grund.

Dieses Gefühl werde ich nie vergessen. Ein unerträglicher Schmerz, der sich in meinem ganzen Körper verbreitete. Ein Alptraum.

Kindheit
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Sven berichtet, eine „normale glückliche Kindheit“ gelebt zu haben. Seine Eltern seien liebevoll zu ihm gewesen. Sie stritten selten und beide seien nicht zu emotional gewesen. Svens Vater ist ein sehr erfolgreicher Manager und seine Mutter Ärztin in einer Klinik. Sven hat einen älteren Bruder. Der Vater war oft geschäftlich unterwegs. Wenn er zuhause war, fragte er immer nach der Schule, sonst machte er nicht viel mit den Kindern, weil er meistens beschäftigt war.

Als Kind war Sven sehr ehrgeizig. Er war der Beste in seiner Klasse, was sich auch im Studium fortsetzte. Die erwünschte Anerkennung von seinem Vater blieb aber aus. Sven weiß, dass sein Vater ihn liebt, aber gespürt hat er es selten. Manchmal, als er gute Note bekam, schaute sein Vater ihn liebevoll an und sagte:“ Bravo mein Junge, ich bin stolz auf dich“ – das war aber selten.

Sven erinnert sich, als er einmal weinend nach Hause kam, weil ein paar Jungs aus seiner Klasse ihn gemobbt hatten. Sie nannten ihn Streber.

Sein Vater schaute ihn an und sagte: „Wo hast du einen starken Jungen weinen gesehen? Und ich dachte du wärst ein starker Junge“. Sven fühlte sich schuldig, denn er wollte seinen Vater nicht enttäuschen.

Sven erinnerte sich an eine andere Situation, als er 10 Jahre alt war. Er war in ein Mädchen aus seiner Klasse verliebt. Sie mochte aber jemand anderen. Einen Jungen namens Simon. Das verletzte ihn sehr und er zog sich tagelang nach der Schule in sein Zimmer zurück. Als seine Mutter ihn fragte, was mit ihm los sei, sagte er „Ich fühl mich so hässlich und doof. Simon ist viel besser als ich.“

Seine Mutter nahm ihn in den Arm und sagte: „Sven. Du bist ein toller Junge und doof bist du sicher nicht. Du bist der beste in der Klasse. Mama ist stolz auf dich.“

Die adaptiven Überlebensreaktionen von Kindern und ihr Einfluss auf zukünftige Beziehungen

Aus einer anscheinend normalen Familie, entsteht ein anscheinend normaler Persönlichkeitsanteil, der dominierend ist und bleibt. Die Zustände, Affekte und Empfindungen, die auf keine Resonanz der Eltern gestoßen sind, bleiben als emotionalere Persönlichkeitsanteile (Zustände und Affekte) eingefroren, abgespalten und somit unintegriert.

Nicht alle, aber einige Aspekte von Kindheitserfahrungen können dem Bewusstsein wieder zugänglich gemacht werden.

Sven erinnert sich zum Beispiel an das Gefühl der Scham und Ablehnung, als sein Vater ihn hat weinen lassen. Er erinnert sich, dass er sich schämte, weil er weinte. Sven fühlte sich unverstanden und traurig, aber gleichzeitig auch schuldig, weil er sich so fühlte und glaubte, seine Emotionen wären nicht angemessen in dieser Situation.

„Wenn unsere Umwelt unsere Bauchgefühle und Emotionen nicht unterstützen kann, wird das Kind, um dazu zu gehören und sich anzupassen, automatisch, unabsichtlich und unbewusst seine Emotionen und die Bindung zu sich selbst unterdrücken, um in Bindung mit der pflegenden Umgebung zu bleiben, ohne die das Kind nicht überleben kann. Viele Kinder befinden sich in diesem Dilemma: „Kann ich fühlen und ausdrücken was ich fühle, oder muss ich das unterdrücken, um akzeptabel zu sein, ein gutes Kind zu sein, ein nettes Kind zu sein?“

Als Kinder lernen wir, Authentizität für die Bindung zu opfern. Meistens unbewusst, erkennt die Intelligenz unseres Körpers, dass wir die Bindung zu unseren Eltern verlieren, wenn wir unser volles, lebendiges Selbst sind. Wir können den Anschein einer Beziehung überhaupt verlieren.

Sich auf das einzustimmen, was unsere Eltern von uns erwarten und es dann zu leben, ist eine adaptive Überlebensreaktion. Mit Hilfe unserer eingebauten Überlebensintelligenz erfüllen wir die Umweltanforderungen. Wenn wir uns nicht anpassen, wenn wir Authentizität gegenüber Bindung wählen und uns wehren, können wir als störend, bedürftig, egoistisch, unvernünftig usw. angesehen werden. Und wir können emotional oder sogar physisch bedroht sein.

Dr. Gabor Mate

Sohn und Vater
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Wenn man Svens Erinnerungen unter der Lupe nimmt, kann man folgendes erkennen:

Sein Vater sagte „„Wo hast du einen starken Jungen weinen gesehen? Und ich dachte du wärst ein starker Junge“.

Ein Kind glaubt seinen Eltern und tut alles, um die Bindung zu den Eltern aufrecht zu erhalten: es handelt so wie es den Eltern gefällt, um sie nicht zu enttäuschen.

Sein Vater hatte ihm unbewusst suggeriert, dass das was er fühlte nicht zu dem passte was er war oder sein sollte. In einem solchen Moment spaltete sich das Kind in min. zwei Anteile: Sven der sich verletzt und abgelehnt fühlte, und ein Teil der stark sein musste (innerer Vater) um seinen Eltern zu gefallen und sie nicht zu enttäuschen.

Das gleiche passierte, als ihm seine Mutter sagte: „Sven. Du bist ein toller Junge und doof bist du sicher nicht. Du bist der beste in der Klasse. Mama ist stolz auf dich.“ nachdem er seine Gefühle und Empfindungen äußerte. Diese wurden unterbrochen, nicht ernst genommen. Die Mutter meinte es sicher gut und wollte, dass ihr Kind glücklich ist, aber wie erlebt ein Kind die Reaktion der Mutter?

Die Gefühle und inneren Zustände, die Sven in dem Moment empfand, wurden nicht ernst genommen, sondern unterbrochen. Ein Kind fängt an, solche Emotionen zu unterdrücken, weil es früh lernt, dass diese nicht erwünscht sind. Sie bleiben somit unintegriert.

Die Kinder tun alles, um die Bindung zu Eltern aufrecht zu erhalten.

Bei all dem muss man eines bedenken: Svens Eltern meinten es gut mit ihm. Sie handelten nach bestem Wissen und Gewissen – sie hatten es selbst nicht anders gelernt.

Unterbewusstsein
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Emotionen sind im Grunde immer mit einer Interaktion mit der Welt verbunden und mit anderen Lebewesen verknüpft. Diese Interaktionen finden nicht nur auf einer bewussten Ebene statt, sondern auch auf einer Unbewussten, die kognitiv nicht erfassbar ist.

Emotionen lenken uns hin zu Interaktionen, die sich sicher, vertraut und gewohnt anfühlen.

Diese vertrauten Interaktionen passen zu unserer Erfahrung von uns selbst und unserer inneren Welt. „Vertraut“ und „sicher“ ist oft nicht dasselbe wie „gut“ und „angenehm“. Möglicherweise fühlt es sich vertraut an einen Streit anzuzetteln oder sich anzupassen, um Streit oder Konflikten aus dem Weg zu gehen. Möglicherweise fühlt es sich vertraut an, es jedem Recht machen zu wollen. 

Als Sven Lara das erste Mal sah, hatte er sich „anders“ gefühlt. Wie nie zuvor in seinem Leben, wie er berichtete. Er fühlte sich „ganz“. Unintegrierte Emotionen haben eine starke Anziehungskraft!

Die emotionalen Persönlichkeitsanteile (EPs) von Sven und Lara begegneten sich unbewusst, auf einer Ebene, die kognitiv nicht ergreifbar ist.  Man spürt in solch einem Moment eine tiefe Verbundenheit und Vertrautheit. Dies passiert auf einer tiefen emotionalen Ebene; eine Ein-Stimmung von längst bekannten gewohnten inneren „Melodien“.

Sven musste nichts tun, um Lara zu gefallen. Alle seine Anteile, die damals abgespalten wurden, waren aufgelöst und er durfte einfach so sein wie er ist. Das ist der Grund, dass es sich „ganz“ angefühlt hatte. Das Gefühl „nach Hause“ zu kommen, gesehen zu werden. Er hatte mit ihr rumgealbert, wie er erzählte. Er spürte eine Leichtigkeit in seinem Sein, so wie er diese noch nie gefühlt hat. Eine Unbekümmertheit. Er musste nichts tun um ihr zu gefallen. Sie himmelte ihn an und liebte alles an ihm.  Alles war spontan, leicht, lebendig.

Als Lara das erste Mal diese Bindung unterbrach, fühlte Sven einen großen Schmerz und eine Leere. Ein Schmerz und ein Gedanke:“ Ohne Lara kann ich nicht leben“ gaben den Ton an. Es fühlte sich wie ein inneres Sterben an.

„Als sie ging, konnte ich nicht mehr klar denken. Ich konnte nicht schlafen, nichts essen. Es tat weh. Ich versuchte sie zu erreichen. Erfolglos. Ich spürte einen körperlichen Schmerz und habe mich zurückgezogen. Ich wollte mit niemanden darüber reden. Ich fragte mich ständig, was ich falsch gemacht habe. Wir waren erst 3 Monaten zusammen und ich grübelte über jede Situation, in der ich Fehler bei mir suchte.

Drei Tage danach meldete sie sich. Sie schickte mir einen Text aus ihrem Tagebuch aus dem Jahr 2015. Mein Körper zitterte. Einerseits war ich wieder froh, dass sie sich meldete und auf der anderen Seite las ich die Zeilen, die mich verwirrten und verunsicherten. Ist das Borderline? Ich konnte es nicht einordnen. Die Worte, die ich las, waren für mich etwas, was ich überhaupt nicht begreifen konnte. Wtf? Manche Sätze haben sich wie Messerstiche angefühlt.

Sie rief mich an und fragte ganz leise, ob wir uns sehen können. Als sie an der Tür stand, haben wir uns umarmt und sie fing an zu weinen. Ich habe mir geschworen, diese Frau nie zu verletzen und wollte wissen, wieso sie weg war. Sie schaute mich an mit ihren großen traurigen Augen, küsste mich und sagte: „Lass mich nie mehr los“. Wir landeten im Bett. Hauptsache sie war wieder da. Der Schmerz war weg. Ich war wieder glücklich. Ich habe mir vorgenommen, alles zu tun, um Lara nicht mehr zu enttäuschen und zu verletzen.

Nach dieser schmerzhaften Erfahrung fing ich an mich mit Borderline zu beschäftigen. Es war beängstigend was ich im Internet las. Ich wollte es verstehen, um sie nicht zu verlieren. Es hat sich alles sehr verwirrend angefühlt. Jan sagte mir, dass ich mich verändert hatte. Ich merkte es nicht, denn Lara war Zentrum meines Seins. Meine große Liebe.

Ich tat alles, um sie glücklich zu machen. Ich ging nicht mehr mit Freunden aus, denn ich wusste, dass ihr das nicht guttut. Ich telefonierte immer vor ihr und mein Handy war immer auf dem Tisch. Ich wollte, dass sie mir vertraut. Ich antwortete immer sofort auf ihre Nachrichten.

Leider konnte ich nie wissen, was in ihrem Kopf vorging. Manchmal wurde sie auf einmal still und distanziert. Ich fragte oft, was los sei. Sie sagte meistens nichts. Ich spürte diese Distanz, die mir weh tat. Jedes Mal aufs Neue.

Mehrere Male rastete sie aus, aus dem Nichts heraus aus und warf mir Sachen vor, die ich überhaupt nicht verstanden habe. Ich hätte mit anderen Frauen geflirtet, oder ich hätte andere Frauen bewundert und angeschaut. Einmal warf sie mir vor, ich würde nicht arbeiten fahren, sondern zu einer anderen Frau gehen. Jedes Mal brach eine Welt zusammen.“

Sven erlebt eine Reinszenierung seiner Kindheit. Als kleines Kind IST man authentisch und man fühlt was man fühlt. Mit der Zeit passt man sich den Wünschen und Vorstellungen den Eltern an.

Als Sven Lara traf, spürte er sich. Er war authentisch und überwältigt von seinen eigenen Emotionen. Er fühlte sich GANZ. Durch Laras uneingeschränkte Aufmerksamkeit fühlte sich Sven gesehen und geliebt. So wie er ist; so wie er war, bevor er gelernt hat, wie er sein sollte.

Als Lara sich das erste Mal trennte, fiel Sven in ein tiefes Loch. Lara ging und Sven fühlte die schmerzhafte alte Trennung. Die Trennung von sich selbst, von den eigenen Emotionen. Das nahm er als eine große innere Leere wahr.

Als Lara wiederkam, passte sich Sven an, um sie nicht zu verletzen. Das war eine Reinszenierung, denn als Kind musste er das Gleiche tun. Er musste „ein guter Junge“ sein.

Eifersucht
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„Ich hatte ein bisschen Angst vor diesem Urlaub, da der letzte Urlaub ein Desaster war. Wir waren in Italien gewesen und sie wollte schon am dritten Tag abreisen, weil sie mir ständig vorgeworfen hatte, dass ich jeder Frau hinterher schauen würde. Das stimmte nicht. Ich hatte nur Augen für sie. Es war sehr anstrengend und wir fuhren schon nach einer Woche nach Hause, obwohl wir zwei Wochen bleiben wollten.

Dieses Mal sind wir nach Frankreich gefahren. Ein wunderschöner kleiner Ort. Alles lief gut, bis wir eines Abends im Restaurant saßen. Auf dem Weg dorthin habe ich ihr gesagt, dass ich einen Anruf von Jan erwarte. Es ging um einen großen Auftrag. Am Tisch klingelte mein Telefon. Ich zeigte ihr, dass es Jan war und stand auf, da es im Restaurant etwas laut war, um mit ihm zu reden.

Jan erzählte mir, dass wir den Auftrag bekommen haben, was mich sehr glücklich stimmte. Als ich zurück zum Tisch kam, war Lara sehr wütend und hat mich vor allen Menschen angeschrien. Weil ich so lächelte unterstellte Sie mir, ich hätte mit einer anderen Frau telefoniert. Ich war wie versteinert. Sie ging. Ich saß da und war wie gelähmt. Ich konnte mich nicht mehr freuen und ich war sauer auf sie.

Ich habe eine Stunde gewartet und habe sie angerufen. Ich wurde aufs übelste beschimpft.

Trotz allem habe ich den Mut gefasst ins Hotel am Flughafen, wo sie ein Zimmer genommen hatte, zu fahren.

Sie war wütend und hasserfüllt. Sie wollte, dass ich verschwinde. Sie hat auf mich eingeschlagen und ich ging. Diese Nacht war ein Horror für mich. Ich telefonierte in meiner Not lange mit Jan und wusste nicht mehr ein noch aus. Dieser Schmerz zerriss mich. Was tun?

Jan sagte mir, dass sie mir nicht guttut. Er sagte, dass ich mich sehr verändert habe, seitdem ich mit ihr zusammen war. Ich konnte und wollte so was nicht hören. Ein Leben ohne sie konnte ich mir nicht vorstellen. Ich hoffte, dass alles wieder gut wird.

Am Morgen danach rief ich sie an. Sie war ruhig, leise und distanziert. Sie sagte, sie fliegt nach Hause. Alleine. Sie sagte, sie kann nicht mehr reden. Ich bleib noch drei Tage, um zur Ruhe zu kommen. Sie schrieb mir, dass sie gut angekommen ist. Das hat mir Hoffnung gegeben. Hoffnung, dass alles wieder gut wird, aber auch Bedenken, wie es weitergeht. Ich habe mir vorgenommen, mit Lara offen zu reden.

Ich habe lange mit Judith, meiner Ex, telefoniert. Mit ihr habe ich ein gutes freundschaftliches Verhältnis, was ich etwas vernachlässigt habe, weil ich wusste, dass Lara sehr verletzt wäre, wenn ich mit Judith Kontakt pflegen würde.

Judith erkannte mich nicht wieder. Das Gespräch mit ihr und Jan haben mir etwas Kraft gegeben. Judith sagte „Wo ist der selbstbewusste und selbstbestimmte Sven, den ich kenne?“ – das hat mir zu denken gegeben. Was war mit mir passiert?

Als ich landete, fuhr ich direkt zu Lara. Wie erwartet, war sie sehr distanziert. Dieses Mal habe ich geredet. Ich sagte ihr, dass es nicht so weitergeht und dass ich mich nicht für Sachen beschuldigen lasse, die ich nicht getan habe. Ich war sehr bestimmt und bei mir. Es hat mich viel Kraft gekostet, aber ich war entschlossen, ihr zu erklären, wie ich mich fühlte. Sie hörte mir zu und weinte.

Sie sagte: „Ich weiß, ich bin nicht einfach und ich möchte dir nicht weh tun. Ich arbeite seit Jahren an mir und es ist verdammt schwer zu unterscheiden, was real ist und was nicht.“

Sie erklärte, sie hat ein großes Problem mir zu vertrauen. Überhaupt jemanden zu vertrauen.

„Wenn du gehen willst, werde ich es verstehen.“ sagte sie.

Ich wollte nicht gehen. Ich wollte mit ihr glücklich sein.

Wir entschieden, beide daran zu arbeiten. Das hat mir Kraft und Hoffnung gegeben.

Wir haben ausgemacht, dass wir uns eine Woche nicht sehen und beide erstmal zur Ruhe kommen.

Ich wollte verstehen, was mit mir los ist und wieso ich mich so abhängig von dieser Frau fühlte.

Ich recherchierte wieder im Internet und suchte nach positiven Erfahrungen mit Borderline. Ich war erschrocken, als ich die Berichte vieler Partner gelesen habe. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, ohne Lara zu sein.

In einem Forum wurde mir geraten wegzurennen. Das hat sich nicht gut angefühlt. Ich habe aufgehört zu lesen, denn das alles hat mich noch mehr aufgewühlt.

Gehirn
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Wir erfahren sehr früh, was unsere Eltern von uns erwarten.

Wir kommen auf die Welt und erwarten nichts als Liebe, Fürsorge, Sicherheit, Verständnis und Trost. Das sind unsere Grundbedürfnisse als Kleinkind.

Im Laufe der Zeit erfahren wir, was von uns erwartet wird (auch wenn wir es nicht tun wollen), was die richtige Antwort ist (auch wenn es nicht unsere Wahrheit ist), was akzeptabel ist (auch wenn es von uns nicht akzeptiert wird), was gewünscht wird (auch wenn es uns keine Freude bereitet).

Langsam entfernen wir uns von unserem authentischen Selbst im Austausch dafür, akzeptiert, geliebt, geschützt und zugehörig zu sein. Auf diese Art und Weise lernen wir uns zu binden. Wir lernen sehr früh, wie wir die Bindung zu unseren Eltern aufrechterhalten können.

Wir vergessen, dass solche Vorgänge passiert sind. Und wir vergessen, dass wir es vergessen haben.

So entwickeln sich unsere Bindungs-Mechanismen.

„Verbindungen sind ein wesentlicher Bestandteil unserer neurologischen und chemischen Ausstattung. Wir alle kennen dies aus der täglichen Erfahrung drastischer physiologischer Veränderung in unserem Körper, wenn wir mit anderen interagieren. Die Aussage „Du hast den Toast wieder abbrennen lassen“ ruft bei uns äußerst unterschiedliche Körperreaktionen hervor, je nachdem, ob sie wütend gebrüllt oder mit einem Lächeln gesagt wird.“ – Dr. Gabor Mate

Mutter Sohn
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Wenn wir unsere Bedürfnisse nicht erfüllt bekommen und wenn unsere Empfindungen nicht akzeptiert werden, beginnen wir unser Verhalten anzupassen. Unser primäres Ziel als Kleinkind ist es, die Zuneigung und Verbundenheit unseren Eltern zu gewinnen, das sichert unser Überleben. Denn ohne die Aufmerksamkeit unserer Eltern können wir sterben. Wir sind abhängig.

Vielleicht scheint eine Mutter nur zufrieden zu sein, wenn das Kind ruhig und anspruchslos ist, so lernt das Kind sich selbst zum Schweigen zu bringen und keine Ansprüche zu haben. Manche Eltern reagieren verärgert oder überfordert, wenn das Kind zu emotional wird, und so lernt das Kind emotionalen Ausbrüche zu unterdrücken – egal ob es um Freude oder Traurigkeit geht.

Vielleicht wurde man beschämt, weil man neugierig war. Man hatte das Gefühl zu stören, wenn man als Kind viele Fragen stellt. Vielleicht ist die Mutter depressiv und das Kind fühlt sich verantwortlich sie glücklich zu machen.

Was auch immer es war, die meisten von uns haben diesen Prozess durchlaufen müssen. Wir haben die Verbindung zu unserem Selbst verloren und die Authentizität an der Pforte der Kindheit abgegeben.

Die Seiten in uns, die unsere Eltern nicht gemocht haben, mögen wir auch nicht mehr. Die „riechen“ nach Ablehnung und Scham. Diese mögen wir weder bei uns noch bei anderen Menschen.

„Alles was uns an anderen missfällt, kann uns zu besserer Selbsterkenntnis führen“
– C.G. Jung

Mit unseren Eltern wurden subtile Vereinbarungen getroffen – wenn ich mich selbst aufgebe, wirst du mich lieben; wenn ich mich verstecke, tue, was „richtig“ ist, unsere Beziehung dadurch intakt bleibt, bin ich sicher.

Immer wieder überwältigen die Erwartungen unserer Eltern und unser biologisches Bedürfnis nach Nähe unser grundlegendes Geburtsrecht und unseren natürlichen Impuls, wir selbst zu sein.

Der Konflikt zwischen den beiden Grundbedürfnissen, dem nach Zugehörigkeit und dem nach Selbstbestimmung, durchzieht das gesamte psychosoziale Verhalten.

Sich auf das einzustimmen, was unsere Eltern von uns wollen, und das dann auszuleben, ist eine adaptive Überlebensreaktion.

Ein Kind, das seine Empfindungen unterdrücken muss lernt schnell, weniger auf sein Herz und mehr auf seinen Verstand zu hören – auf Gedanken darüber, was es tun/sein sollte, um Mama, Papa oder den Lehrer glücklich zu machen. Man denkt mehr und fühlt weniger. Diese Überlebenswanderung weg vom Herzen – vom somatischem Bewusstsein hin zum berechnenden Geist ist ein Mittel der Selbsterhaltung und Navigation durch das Leben.

Verwurzelung im und instinktive Lebendigkeit des Gefühlskörpers wird für die Vorhersehbarkeit der Rationalität unterdrückt. Die einst so schöne natürliche kindliche Neigung, ehrlich und offen zu sein, verkümmert. Der natürliche Impuls sich selbst zu vertrauen, was sich richtig anfühlt, ihr innerer Ort der Kontrolle, wird für eine sichere Bindung verweigert.

In der Schule kann das Kind als ehrgeiziger Schüler gesehen werden, “gut erzogen”, die Lehrerin erkennt aber nicht, dass die Neigung, Regeln zu befolgen, ihre Wurzeln im Trauma hat. Bei der Arbeit, in ihren erwachsenen Jahren, können wir ähnliche Muster beobachten.

Die Arbeit zu erledigen, Konflikte zu vermeiden, angenehm und nett zu sein, alle Qualitäten, die von den Kollegen (und der Gesellschaft) geschätzt werden, werden als ihre Persönlichkeit missverstanden (griechisch, von “Persona”, was “Maske” bedeutet), die in Wahrheit in Überlebensanpassungen verstrickt ist.

„So wie du es siehst, ist nicht so wie es ist“ – Milton Erickson

„Ich rede nicht gerne über meine Gefühle, aber dieses Mal hatte ich sehr viel Redebedarf. Ich redete viel mit Jan und Judith. Ich habe ihnen alles erzählt, was ich mit Lara erlebt habe.

Jan sagte, Lara tue mir nicht gut. Judith meinte ich solle mich trennen.
Die ganze Schuld wurde auf Lara geschoben und ich habe mich immer wieder gefragt, ob ich alles richtig gemacht habe. Ich war unsicher und hilflos und genau das machte mir viel Angst.

Ich bin der Mensch, der immer wusste was er will. Ich konnte meine Entscheidungen zielsicher treffen. Was ist mit mir passiert? Seitdem Lara in meinem Leben ist, erkenne ich mich nicht mehr.

Ich habe mit Lara sehr viel geredet und sie sagte, dass sie mich nicht mit Absicht verletzte. Sie hätte Angst. Ich konnte es nicht verstehen. Sie hat mir ihre Zustände einmal so beschrieben:

„Ich fühle mich wie ein Haus, indem es viele Zimmer gibt. Alle Türen sind zu und der Teil, der gerade angetriggert wird, besetzt das ganze Haus. Alle andere Türe bleiben zu. Manchmal öffnen sich alle Türen gleichzeitig und dann bricht das Haus zusammen. Es gibt keinen „Hausmeister“ drinnen, der diese Mitbewohner steuern und organisieren kann. Die Teile von mir stehen in keiner Verbindung zueinander. Es tut mir immer wieder leid, wenn ich im Nachhinein merke und sehe, was ich angerichtet habe.“

Ich gab ihr meistens die Schuld für meine Zustände. Sie wertete mich ab, beschimpfte mich und zog sich zurück. Ich dachte sie manipuliert mich und will mich bestrafen, bis ich verstanden habe, dass sie es gar nicht mit Absicht macht. Manchmal hasste ich sie dafür und dann tat sie mir wieder leid. Ich war hin und her gerissen.

Sie sagte, sie liebt mich und ich wollte ihr das glauben. Sie möchte an sich weiterarbeiten, und wir beschlossen, zusammen zu bleiben.

Die Versuchung besteht darin, auf die anderen zu zeigen, ihnen die Schuld dafür zu geben, wie sie sind. „Hör auf so zu sein.“; „Du bist krank und machst mich krank“; „Du musst dich ändern“ usw. Was wir aber nicht erkennen ist, dass wir auf einer unbewussten Ebene von der Überlebens-Identität dieser Person abhängen, damit wir uns weiterhin in unserer eigenen verstecken können.

Der Schmerz ist so stark. Wir wollen unsere Überlebens-Anpassung eigentlich nicht loslassen, weil das alles ist, was wir selbst kennen. Dahinter stecken enormer Schmerz und Verletzlichkeit, denen wir lieber nicht begegnen wollen. Also ernähren wir uns von der Anpassung an die andere Person, um gepanzert zu bleiben.

Dies ist eine der großen Herausforderungen in intimen Beziehungen – wir bitten unseren Partner, sein störendes Verhalten zu stoppen, aber gleichzeitig sind wir mit dem „Friedensstifter“ in uns verbunden. Wir wollen, dass unser Partner aufhört, so dominant zu sein, aber wir sind nicht in der Lage aus unserer Passivität herauszukommen.

Wir sind eingeklemmt in dem Dreieck zwischen den Schmerz, der starken Überlebens-Identität und dem biologischen Bedürfnis nach Bindung. Im Spannungsfeld dieser drei inneren Zustände, die uns von klein auf begleiten, können wir wenig Ressourcen oder Anleitungen entwickeln, um authentische und sinnvolle Beziehungen zu führen.

Pseudo-Bindungen zu haben, die Authentizität übertrumpfen, ist für viele das Sicherste, wenn nicht das einzig Mögliche: zwei verunsicherte Selbst, die für ihre Existenz voneinander abhängig sind. Zwei verunsicherte Selbst, die ängstlich und nicht fähig sind, eine tiefere Wahrheit der Identität zu offenbaren.

Der Grad des Traumas, das man erlebt hat und das Ausmaß der Entfremdung vom authentischen Selbst hin zu Anpassung und Schutzverhalten sind Schlüsselindikatoren für das Trauma-Bonding (die Trauma-Bindung)

Der Grund, warum es so viele Dysfunktionen in einer Beziehung gibt, ist genau dieser: Es gibt eine grundlegende Trennung zwischen zwei Menschen, die in einer grundlegenden Trennung mit ihrer eigenen Authentizität resultiert. Ohne konzertierte Anstrengungen zur Selbstreflexion lernen Partner, die zusammenbleiben, hinter ihren Schutzmauern zu koexistieren.

Hinter diesen Mauern können Individuen in der Regel miteinander „auskommen“. Doch mit dieser Form der Liebe und Zusammenarbeit, wenn die innere und äußere Verbindung zum authentischen Ich und Du fehlt, wird die Beziehung mechanisch – wahrscheinlich den Großteil ihrer Zeit emotional und geistig gespalten.

„Suche nie, das Wesen eines Menschen danach zu beurteilen,
was in Erscheinung tritt. Halte nie eines seiner Worte
oder einer seiner Handlungen für ein Zeichen seiner Gesinnung.
Es könnte sein, dass derjenige, den du nicht verstehst,
Mühe hat, sich auszudrücken oder verständlich zu machen.“
– Khalil Gibran

Streit Frau Mann
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Viele Menschen, die in einer Beziehung mit einem Borderliner sind/waren, berichten, dass sie sich nicht wiedererkennen können. Viele erleben eigene Wutausbrüche, Ängste und haben das Bedürfnis den Partner zu kontrollieren (Z.B. in sein Handy schauen). Viele sagen: „Ich war früher nie so und würde so was nie tun, aber…“; „Ich erkenne mich nicht mehr“; „Ich war noch nie aggressiv“; usw.

Das unvorhersehbare Verhalten eines Borderliners bringt Menschen dazu, längst unterdrückte Emotionen zum Ausdruck zu bringen. Das ist der Grund, wieso man sich „nicht mehr erkennt“. Man ist sich selbst fremd, weil man sich schon längst von sich trennen musste.

Wir lernten zunächst, Authentizität für die Bindung zu opfern. Das reinszenieren wir immer wieder in unseren erwachsenen Beziehungen. Irgendwann holt uns die Unterdrückung ein. Entweder äußert sich diese durch Erschöpfung, psychosomatische Beschwerden oder Groll und eine chronische Unzufriedenheit bauen sich auf.

Wir haben eine übermächtige Angst vor Kontrollverlust, Verlust des „Ich´s“ das wir selbst kennen. Diese Angst ist so existenziell, dass sie unsere Identität gestaltet und unsere Entscheidungsfindung aus dem Schatten heraus betreibt. Sie hindert uns daran, uns wahrheitsgemäß auszudrücken, Risiken einzugehen, verletzlich zu sein und Unsicherheit anzunehmen – “Nein!” zu sagen und die Bindungen, die uns nicht gut tun zu verlassen.

Es gibt ein Zurück zu uns selbst. Selbstreflexion ist dabei von größter Bedeutung. Es ist der mutige und notwendige Prozess des Lernens, sicher in unserer Selbstwirksamkeit und Authentizität zu stehen. Zu lernen, nicht jedem gefallen zu müssen, auch wenn das bedeutet, ins Unbekannte zu treten. Zu lernen, sich selbst und andere zu akzeptieren. Lernen sich von konditionierten Ideen dessen was Liebe ist, frei zu machen. Lernen die Überlebens-Identität von dem wahren Selbst zu entkoppeln.

„Authentizität ist die tägliche Praxis, loszulassen, wer wir zu sein glauben, und umarmen zu lassen, wer wir sind.“- Dr. Gabor Matè

Es ist sicher nicht einfach, die Überlebens-Identität aufzugeben, denn, wie der Begriff schon verrät, haben wir dadurch überlebt. Die Verbindung zu unserem wahren Selbst bringt uns an einen Ort, an dem wir anderen nicht mehr Vorrang vor uns selbst einräumen können. Wir können unsere Stimme nicht weiter unterdrücken, aus Angst einen anderen wegzuschieben oder zu verlieren. Wir können uns nicht mehr verstecken oder weglaufen. Und so sprechen wir schließlich zu unserem Partner, Freund, Eltern. Wir teilen unsere Wahrheit. Wir erlauben uns authentisch zu sein.

Mann Selbsterkenntnis
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Schweren Herzens entschied ich mich Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich erkannte mich nicht mehr. Etwas musste passieren. Jan machte sich Sorgen um mich. Judith sagte sie erkennt mich nicht mehr. Ich habe meine Hobbies und Freunde vernachlässigt, um Zeit mit Lara zu verbringen. Ich war kurz vor dem Burnout. Etwas musste passieren.

Ich hatte immer ein Selbstbild und dachte ich wäre Selbstbestimmt und Selbstbewusst. War ich das? Ich dachte ich hätte Kontrolle über meinen Emotionen. Denken und Fühlen sind zwei unterschiedliche Welten… Das habe ich durch den Schmerz lernen dürfen.

Ich entdeckte, dass ich in meiner Kindheit viele Emotionen unterdrücken musste, um meine Eltern nicht zu enttäuschen. In meiner Familie hat man nicht viel über Emotionen geredet. Meine Eltern waren gut zu mir, aber ich habe verstanden, dass ich als Kind nicht so sein dürfte wie ich eigentlich war. Ich bin so geworden, wie mich meine Eltern haben wollten.

Ich hatte Angst vor Emotionen.

Ich hatte Angst vor Abhängigkeit. Ich hatte mich immer unter Kontrolle.

Meine lange Beziehung mit Judith war wie die Ehe meiner Eltern. Keine großen Emotionen, ein angenehmes Miteinander. Ein freundschaftliches Verhältnis. Deshalb hatten wir auch nach der Beziehung ein gutes Verhältnis.

Frühere Beziehungen waren kurz, aber nicht leidenschaftlich und emotional. Dann kam Lara und hat meine Welt gedreht. Ich war konfrontiert mit den Teilen meines Selbst, die ich nicht kannte und das war der Grund wieso ich mich so verloren fühlte. Ich war noch nie mit mir verbunden und habe begriffen, dass die Begegnung mit Lara, eigentlich eine Begegnung mit meinen unterdrückten Gefühlen war. Eine Begegnung mit mir selbst.

Ich habe erkannt, dass ich mich Lara angepasst hatte um sie nicht zu verletzten. Kognitiv habe ich vieles verstanden, das alles emotional zu begreifen wird sicher seine Zeit brauchen.

Habe ich Angst vor Lara? Vor Ablehnung? Oder habe ich Angst vor meinen eigenen Emotionen, die dadurch ausgelöst worden sind? Angst vor mir Selbst?

Ich hatte auch Lara angeschrien und angefleht aufzuhören mich zu beschimpfen. Ich war ein paar Mal kurz davor, handgreiflich zu werden. Ich habe sie nie geschlagen, aber mit der Faust gegen die Wand.
Ich erkannte mich nicht mehr.

Ich war nie aggressiv! Auf der anderen Seite habe ich mich von Lara bestimmen lassen, aus Angst sie zu verlieren.

Ich konnte nicht mehr schlafen, nichts mehr essen.

Ich hatte Ängste die ich bis dato nicht kannte und hatte das Problem alleine zu sein zuhause. Ich fühlte mich rastlos.

Ich hörte immer wieder „Sven, du musst Grenzen setzten und dich nicht so behandeln lassen“ – Wo sind die Grenzen? Wie erkenne ich wo sich meine Grenzen befinden? Wer bin ich?

Obwohl ich erkannt und verstanden habe, dass meine Eltern mit ihren eigenen unverheilten Wunden, die ihnen das Leben zugefügt hatte, ihr Bestes getan haben, bin ich mir auch bewusst, dass ich mit einer selbstbezogenen Mutter und einem egoistischen Vater aufgewachsen bin.

Nach langer Überlegung und unzähligen Gesprächen mit Lara, habe ich mich entschieden in der Beziehung mit Lara zu bleiben. Ich möchte nicht wegrennen. Wir beide sind bereit unser Bindungsverhalten zu hinterfragen und daran zu arbeiten. Es wird sicher kein einfacher Weg, aber wir möchten es nicht unversucht lassen.

Wenn in Familien Respekt, Akzeptanz und Validierung der Gefühle fehlen, suchen die Kinder nach Möglichkeiten um die Bindung zu den Eltern aufrecht zu erhalten. In den dritten Teil werde ich näher auf diese Bindungs-Mechanismen eingehen.

Anmerkung: Teil drei folgt in kürze

Suzana Pavic wurde 1969 in Split/Kroatien geboren und lebt seit 1996 in Deutschland. Die Kriegsereignisse im früheren Jugoslawien und die damit verbundenen Grausamkeiten, zu denen Menschen fähig sind, brachten sie dazu, sich eingehender mit der menschlichen Psyche zu beschäftigen und letztendlich die Ausbildung für Psychologische Beratung und Psychotherapie zu machen. Heute ist sie als Heilpraktikerin für Psychotherapie und Psychologische Beraterin tätig mit dem Schwerpunkt der Beratung von Menschen, die sich in problematischen Beziehungen befinden oder Schwierigkeiten haben, mit einer Trennung zurechtzukommen. Aufgrund eigener Erfahrungen beschäftigt sie sich seit 2004 sehr intensiv mit dem Thema Borderline und ist auch ehrenamtlich in einigen Projekten engagiert. Ihr Buch basiert auf ihren Erfahrungen und den Erfahrungen und Erlebnissen anderer Menschen, die sie durch ihre Tätigkeiten kennen lernen und begleiten durfte. Weitere Informationen über Frau Pavic und ihre Arbeit sind auf ihrer Seite www.suzana-pavic.de, www.borderline-spiegel.de und www.borderline-beratung.com zu finden.

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4 Kommentare

    • Ich gehe seit 4 Jahren in die Therapie und dieser Beitrag, beschreibt soviel und spiegelt, was ich schon alles über mich in diesem Zeitraum erfahren und gelernt habe. Ich kann nur sagen sehr sehr gut geschrieben.Ich hätte es , aber nicht so klar bennenen können . Vielen Dank

  1. Danke für diesen Artikel. Ich muss es erstmal verdauen. Durch diesen Text habe ich viel mehr verstanden, als in 3 Jahre Therapie.

  2. Ich war meine Ex Borderlinerin 2,5 Jahre in einer on-off Beziehung. Ich finde mich in jeder Zeile wieder. Ich fühlte mich genauso wie Sven. Ich landete in Burnout und Depression. Leider war meine Ex nicht fähig zu reflektieren. Ich vermisse sie heute noch. Wir sind seit einem Jahr getrennt :(
    Texte in Neuen Mann helfen mir sehr zu verstehen was mit mir passiert ist. Ich weiß, ich bin nicht alleine.
    Dank an den Verfasser

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