Faszination Borderline – Tanz zwischen Assoziation und Dissoziation

Faszination Borderline
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In meiner mehrjährigen Praxis zeigen sich immer wieder Gemeinsamkeiten in den Schilderungen der Partner einer Borderline Beziehung:

Partner von Borderliner berichten:

Sie erzählen einerseits von einer vorher nicht gekannten Intensität und Verbundenheit:

„Die Beziehung mit ihr war sehr intensiv.“

„So starke Emotionen und eine solche Verbundenheit habe ich vorher noch nie gefühlt.“

„Ich habe das Gefühl, dass ich ohne sie nicht leben kann.“

„So einen Schmerz, habe ich noch nie erlebt (nachdem sie sich getrennt hat).“

„Ich weiß, dass mir diese Beziehung nicht guttut, aber ich kann nicht danach handeln. Ich will weg, aber es geht nicht.“

Andererseits berichten sie von Verhaltensweisen bei Auseinandersetzungen, die sie nicht verstehen:

„Von jetzt auf gleich – ohne ersichtlichen Grund – wird sie wütend.“

„Plötzlich wird sie eiskalt. “

„Mein Freund erinnert sich nicht wie er mich beschimpft hat.“

„Der Tag nach dem Streit ist so, als hätte es den Streit nie gegeben.“

Und sie können nicht verstehen, wie man sich so unterschiedlich verhalten kann:

„Meine Freundin verhält sich total anders, wenn sie mit anderen Menschen redet. Ich kenne sie so gar nicht. Als ob sie nicht die ist, die ich kennengelernt habe, sondern auf einmal jemand anders.“

Borderliner berichten:

Auch Borderliner erzählen von der großen Intensität und Verbundenheit am Anfang, aber dann auch immer von Schmerz und Angst oder plötzlicher Gefühllosigkeit:

„Am Anfang ist die Verbundenheit ganz stark. Ein Seelenverwandter. Die große Liebe.“

„Später kann ich sie nicht mehr empfinden. Wenn diese Verbundenheit schwindet, bekomme ich Angst oder ich fühle nichts mehr.“

„Am Anfang denke ich immer, mein Partner ist der Richtige, aber irgendwie werde ich dann immer verletzt und enttäuscht.“

„Wenn ich jemanden liebe, habe ich das Gefühl, dass ich ohne ihn nicht leben kann.“

„Häufig bekomme ich schon Angst, wenn er arbeiten geht. Dann denke ich, er vergisst mich, kommt nicht mehr zurück, findet jemanden, den er mehr mag als ich mich oder er geht einfach so, ohne Grund. Wenn er nicht da ist, ist er nicht greifbar für mich. Wenn er nicht gleich antwortet, wenn ich ihm eine Nachricht schicke, spüre ich, dass ich ihm nicht wichtig bin. Das zerreißt mich innerlich.“

„Er geht und er ist aus den Augen und aus dem Sinn. Er ist weg und dann vergesse ich ihn. Als ob ich ihn nie gekannt hätte. Wenn wir uns Tage später wiedersehen, ist er mir zunächst fremd. Wie ein schöner, fremder Mann.“

„Den Trennungsschmerz erlebe ich meist als existenziell. Der Schmerz ist unerträglich, und er fühlt sich in dem Moment an, als würde er nie mehr weggehen.“

„Manchmal brauche ich sehr lange um über das Ende hinweg zu kommen, manchmal geht es aber auch sehr schnell.“

Die Konflikte in der Partnerschaft nimmt ein Borderliner als unkontrollierbar und existentiell wahr:

„Schon bei Kleinigkeiten flippe ich aus. Ich glaube, das passiert, wenn ich mich verletzt fühle. Es kann nur ein Wort oder ein Geruch sein, was das auslöst.“

„Ich fühle dann keinen Schmerz. Ich fühle nur die Wut. Eine heiße, brennende Wut.“

„Ich tue ihm weh, damit er den Schmerz spürt und mein Schmerz aufhört“.

„Manchmal sehe ich mich von außen, wenn wir streiten. Wie aus Sicht eines Dritten.“

„Manchmal habe ich keine Erinnerung an das, was ich in meiner Wut gesagt habe. Es ist dann einfach weg.“

„Ein Streit mit meinem Freund kostet mich viel Kraft. Danach bin ich ganz zerschlagen. Wie nach einem Krieg, bei dem es nur Verlierer gibt.“

„Am Tag nach dem Streit bin ich wieder ruhig, der Streit ist vergessen, als ob er nie stattgefunden hätte und alles ist wieder gut.“

Ihr Verhalten in Anwesenheit Anderer schildern sie so:

„Wenn viele Menschen da sind, bin ich unsicher. Ich versuche, so zu sein, wie sie. Das ist anstrengend.“

„Meine größte Angst ist, dass sie sehen, dass ich anders bin und nicht dazu gehöre.“

„Echte Gespräche kann ich nur unter vier Augen führen.“

„Ich fühle mich häufig unwohl, wenn ich meinem Partner unterwegs bin und wir anderen begegnen. Ich weiß dann oft nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich kann mich nicht auf mehrere Personen gleichzeitig einstellen.“

Ein Borderliner hat eine enorme Anziehungskraft, der man sich schwer entziehen kann. Um sie wirklich zu verstehen, muss man Assoziation und Dissoziation verstehen. Die Besonderheiten eines Borderliners auf der assoziativen Ebene wiederum hängen mit seinen instabilen Ich-Grenzen zusammen. 

Ausgangspunkt

Wer als Kind das Glück hatte, sich gesund zu entwickeln, der hat schließlich ein reifes Ich, ein reifes Über-Ich und einen guten Kontakt zum „Es“.

Das klingt etwas abstrakt. Vereinfacht gesagt: Man entwickelt einen Sinn für das, was man ist und möchte, und kann mit seinen Emotionen gut umgehen. Man wird nicht von eigenen Affekten beherrscht, sondern kann sich selbst steuern.

Genau dies stellt sich für einen Borderliner als Herausforderung dar.

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Jeder Mensch hat mehrere Anteile in sich.

Borderline Anteile
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Zunächst einmal muss man verstehen, dass ein Mensch nicht ein einheitliches Wesen ist. Jeder Mensch trägt verschiedene Seiten und innere Anteile in sich.

Schulz von Thun hat die Metapher des „inneren Teams“ verwendet. Unsere inneren Anteile haben unterschiedliche Aufgaben, Kompetenzen und Meinungen. Es gibt Anteile, die gut zusammenarbeiten und sich unterstützen und welche, die sich widersprechen und sogar im Weg stehen.

Nicht jeder Persönlichkeitsanteil ist bewusst. Manche Persönlichkeitsanteile bleiben so tief im Unterbewussten, dass sie die Schwelle zum Bewusstsein nie überschreiten. Auch Menschen, die sich gesund entwickelt haben, haben verdrängte, abgelehnte, unterdrückte und ungeliebte Teile in sich, die das Unterbewusste möglicherweise nie verlassen. Das ist eine Anpassungsleistung. Jedes Kind will von seinen Eltern geliebt werden, es will ein gutes Kind sein, weshalb es alles tut, um diese Liebe zu erhalten. Vor allem passt es sich an. Fast jeder von uns hat etwas in sich ablehnen müssen, um den Wünschen und Vorstellungen der Eltern zu entsprechen. Ein Beispiel aus dem Alltag: Einem kleinen Jungen wird vermittelt, dass Jungs nicht weinen. Um dem zu entsprechen, was die Eltern von ihm erwarten, wird der kleine Junge versuchen, nicht zu weinen. Er lehnt dann diese Seite in sich ab. Ursprünglich wollte er Gefühle wie Trauer und Schmerz zeigen. Er zeigt sie dann aber nicht mehr, weil seine Eltern die Erwartung an ihn haben, dass er sie nicht zeigt. Der kleine Junge muss so handeln, weil sein Überleben ja davon abhängt, dass seine Eltern ihn lieben. Das geht so tief, dass er hierüber gar nicht mehr bewusst entscheiden kann. Er kann diese Emotionen dann einfach nicht mehr zeigen. Zurück bleibt dann nur eine diffuse und nicht recht greifbare Sehnsucht nach dem Bedürfnis, dass diese Emotionen anerkannt und angenommen werden.

Steuerungsinstanz „Ich“

Wie in jedem Team, gibt es auch in unserem inneren Team einen Chef – das „Ich“. Es ist der Kern unserer Persönlichkeit. Es sorgt für Struktur, es ist dafür verantwortlich, dass das innere Team gut zusammenarbeitet und es trifft die Entscheidungen.

Das „Ich“ ist die Steuerungsinstanz in uns, der Filter zwischen dem Bewussten und Unbewussten. Mit der Entwicklung des „Ichs“ bildet sich ein Filter zwischen dem Bewussten und Unterbewussten. Dieser kritische Filter entscheidet, was in unser Bewusstsein gelangt. Ohne diese Filterfunktion wären wir schlichtweg überfordert. Wir müssten alle Informationen, die konstant durch unsere fünf Sinne auf uns einprasseln, einzeln bewerten und in Relation zueinander setzen. Dies ist eine Aufgabe, die wir nur mit diesem Filter meistern können. Zum einen hilft uns der Filter abzuwehren, dass die viele Dinge gar nicht erst in unser Bewusstsein gelangen Wir würden sonst vor lauter Informationen gar nicht mehr wissen, wohin wir eigentlich wollen.

Anderseits hilft uns aber der Filter auch bei der Abwägung der verschiedenen Anteile. Er bestimmt, welche Anteile unserer Persönlichkeit bei der Entscheidungsfindung mitwirken und mit welchem Gewicht. Daher entscheidet dieser Filter auch darüber, was alles in die Entscheidung mit hinein soll und mit welchem Gewicht.

Wir können natürlich auch bewusst Einfluss nehmen, aber das was hier an der Grenze zwischen Bewusstem und Unbewussten geschieht, bestimmt die Grundausrichtung, ohne dass wir darauf Einfluss nehmen können.

Steuerungsinstanz „Ich“ beim Borderliner

Borderline Kind
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Ein Mensch, der an Borderline leidet, hat schon im frühst-kindlichen Stadium keine gesunde und emotional „ausgewogene“ Entwicklung genießen dürfen.

Vielmehr hat er sich den Bedürfnissen seiner Bezugspersonen anpassen müssen, um zu überleben.

Das Wort „überleben“ ist hier tatsächlich in seiner ureigensten Bedeutung zu verstehen.

Psychischer als auch physischer Missbrauch der Eltern als Bestrafung für ein Fehlverhalten („Du bist böse“ „Schlechtes Kind“ „du machst die Mama sehr böse“) und die damit verbundene ureigenste Angst, die bislang einzig bekannte und geliebte Bezugsperson zu verärgern oder gar zu verlieren, verhindert oder erschwert die Entwicklung eines gesunden „Ich“ erheblich.

Es bilden sich somit nur einzelne Fragmente, die zwar Teile des Ich’s sind, aber keine gemeinsame Steuerungsinstanz haben.

Ein Beispiel für ein Ich-Fragment ohne Steuerungsinstanz liegt in abgespaltenen Traumaerinnerungen. So haben sich bei Kindern, die traumatisiert sind, einzelne Teile des Ichs abgespalten. Sie sind nicht mehr durch diese zentrale Steuerungsinstanz abrufbar. So erinnern sich kindliche Missbrauchsopfer häufig nicht an die Missbrauchserfahrungen.

Auch bei Borderlinern funktioniert das „Ich“ als Steuerungsinstanz nur mit Einschränkungen.

Bei einem Borderliner lassen sich innere Anteile der Persönlichkeit nicht ohne weiteres mit anderen Anteilen verbinden, weil die gemeinsame Steuerungsinstanz eben nicht die Anteile gleichzeitig adressieren und steuern kann. Entsprechend wird hier auch oft von Fragmentierung der Persönlichkeit gesprochen. Das es Fragmente oder Anteile gibt, ist normal. Aber das, was einen Borderliner von anderen Menschen unterscheidet, ist die – je nach Ausprägung – nur eingeschränkte Fähigkeit, diese Anteile zu verbinden, zu steuern und nach Abwägung eine sichere Entscheidung zu finden. Damit kann man ambivalentes Verhalten eines Borderliners besser verstehen.

Borderliner können nicht gleichzeitig die verschiedenen Anteile ihrer Persönlichkeit adressieren und integrieren, gegebenfalls nur mit großen Einschränkungen. Es gelingt ihnen nur der Zugriff auf jeweils einen Anteil ihrer Persönlichkeit.

Es fehlt also an der Zusammenführung der Anteile. Das Bewusstsein springt daher von Persönlichkeitsanteil zu Persönlichkeitsanteil. Borderliner sind in der Regel voll assoziiert mit dem Anteil, um den es gerade geht. Sie sind entweder voller Liebeskummer oder voller Begeisterung für das neue Rezept, total vertieft in das neue Thema auf der Arbeit etc. Aber beim kleinsten Impuls springen sie in das nächste Thema, wodurch sie mit diesem Neuen voll assoziiert sind. Da gibt es keine Kontinuität im üblichen Sinn. Von außen betrachtet, stellt sich dies als Sprunghaftigkeit dar.

„Normale“ Menschen sind im Gegensatz dazu immer nur mit einem kleinen Teil assoziiert, und nicht so intensiv und total mit dem jeweiligen Zustand verbunden. Sie fühlen eher die Zusammensetzung aus mehreren verschiedenen Anteilen. Sie haben eine höhere Kontinuität in ihrem ganzen Sein, in ihrem Ich-Verständnis und in ihrem Empfinden. Sie setzen Schwerpunkte, verlieren dabei aber nicht ihr ganzes restliches Sein völlig aus den Augen.

Man kann sich das so vorstellen, dass ein Borderliner im Schmerz aktuell keinen Zugriff auf glückliche Erfahrungen hat. Auf der emotionalen Ebene empfindet er es in diesem Moment so, als wären diese nie da gewesen. Er ist vollständig mit dem Schmerz assoziiert. Auf der anderen Seite verblasst für einen Borderliner im Glück Unschönes in seinem Leben zur völligen Unkenntlichkeit. Im Falle des Erfolges ist früheres Scheitern ohne jede Bedeutung. In seinem Empfinden existiert nicht beides gleichzeitig.

Bei einem Borderliner hält die Steuerungsinstanz die verschiedenen Anteile und Fragmente der Persönlichkeit nicht so zusammen, wie bei „normalen“ Menschen. Das „Ich“ ist nicht reif, es erfüllt seine steuernde Funktion nicht hinreichend. Es fehlt entsprechend auch an Schutz. In manchen Situationen fehlt ihnen jedwede „emotionale Haut“. Wenn sich der Borderliner gerade mit einem bedürftigen Anteil assoziiert, ist er völlig schutzlos, weil er keinen Zugriff auf eine erwachsene, schutzbietende Seite der Persönlichkeit hat.
Daher werden Borderliner auch als so intensiv empfunden. Es ist dieses Totale, was Nicht-Borderliner gleichzeitig abschreckt und – im Falle positiver Gefühle- fasziniert.

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Was ist Assoziation?

Assoziation Borderline
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Ein Mensch im assoziierten Zustand lebt im hier und jetzt. Er geht völlig auf in dem, was jetzt gerade, in diesem Moment, im hier und jetzt geschieht. Nur das ist von Bedeutung. Assoziiert zu sein bedeutet, mit allem Sinnen im hier und jetzt zu sein, sich voll und ganz mit der Situation zu identifizieren und der Emotion, die jetzt in diesem einzigen Moment herrscht. Jemand, der assoziiert ist, ist fokussiert auf dieses einzige Gefühl.

In angenehmen Situationen kann diese Art assoziierten Erlebens vollen Genuss und Freude bescheren. Es wird in diesem Zusammenhang auch von „Highs“ gesprochen.

Umgekehrt aber kann aber auch der ganze Horror, die Enttäuschung und der Schmerz einer Situation mit ungekannter Wucht auf jemanden eindringen, ihm die Luft zum Atmen rauben und auch den Willen zu leben.

Es handelt sich um eine Art „Vollkontakt“ mit den eigenen Gefühlen. Das bringt nicht nur Intensität, sondern auch Authentizität mit sich. Ich halte es nicht für einen Zufall, dass von einigen der besten Schauspieler bekannt ist, Borderliner zu sein. Diese Assoziation mit einem Gefühlszustand führt dazu, dass dieser Gefühlszustand auch glaubwürdig transportiert werden kann – weil er eben echt ist. Und für einen Borderliner auch besonders intensiv. Das macht ihn lebendig.

Das beinhaltet aber auch, dass auch kleine Anlässe genügen können, um den Fokus auf eine andere Situation und auf andere Gefühle zu richten. Dann ist der letzte Moment vergessen, und es herrscht nur das neue Gefühl vor. Im Extremfall führt diese Flexibilität zum Beispiel zu „gleichzeitigem“ Lachen und Weinen. Von außen wird es als gleichzeitig wahrgenommen. In Wahrheit ist das Symptom eines extrem schnell wechselnden emotionalen Erlebens.

„Normale“ Menschen sind meist nur teilassoziiert. Es fehlt die Totalität des momentanen Erlebens, was auch gesund ist und für mehr Kontinuität sorgt. Es führt zu Stabilität. Ein Minimum an Assoziation ist ebenfalls wichtig für die Glaubwürdigkeit – und auch für die Eindringlichkeit des Eindrucks bei anderen. So ist zum Beispiel ein Dozent, der sich mit seinem  Thema identifiziert und erwärmt, deutlich fesselnder, als derjenige, dem es nichts bedeutet.

Wie kann man Dissoziation verstehen?

Das Gegenteil der Assoziation ist die Dissoziation. Ein dissoziativer Zustand liegt dann vor, wenn jemand Abstand zum eigenen Erleben und zur eigenen Wahrnehmung hat. Dies kann sich etwa so darstellen, dass man die eigene Person wie aus einer Zuschauerperspektive wahrnimmt. In diesem Zustand kann man die eigenen Gefühle nicht wahrnehmen. Man fühlt daher „nichts“.

Dissoziation wird oft unbewusst eingesetzt, um bei unangenehm empfundenen Situationen wieder Kontrolle zurück zu erhalten. Bei einem dissoziativen Prozess werden ungewollte Gefühle, Wünsche oder Erinnerungen ins Unbewusste zurückgedrängt. Sie sind dann in diesem Moment nicht verfügbar.

Bei einem Borderliner könnte sich das so darstellen, dass er erst voll assoziiert mit einem Gefühl der Wut und des Schmerzes ist, und plötzlich schaltet er um auf „eiskalt“. Das bewahrt ihn davor, dass der Schmerz oder die Wut die Kontrolle über ihn übernehmen. Schmerz, Angst und Schrecken sind dann nicht mehr verfügbar.

Gegebenfalls kann ein Borderliner sich nicht mehr erinnern, z.B. an Missbrauchserfahrungen (siehe oben, Fragment ohne Steuerungsinstanz).

Manchmal kommen diese ins Unbewusste verdrängten Gefühle und Erinnerungen auf körperlicher Ebene heraus, z.B. können in Situationen, die an das ursprüngliche Trauma erinnern, auf einmal Herzrasen, Durchfall oder Übelkeit auftreten, oder ein unkontrollierbares Zittern – („Kriegszitterer“ vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Kriegszitterer). Manchmal schiebt der dissoziative Prozess also nicht nur Dinge ins Unterbewusste, sondern er macht aus seelischen Problemen körperliche Beschwerden.

Sehr schnelle emotionale Reaktionen ohne Relativierung

Borderline Emotionen
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Nach den Erkenntnissen der Hirnforschung sind unwillkürliche (unbewusste) Prozesse immer schneller und stärker als willentliche. Das gilt für alle Menschen. Bei jedem Menschen entscheidet das Unbewusste viel schneller als das Bewusstsein. Bewusste Prozesses sind sehr langsam im Vergleich damit, wie das Unterbewusstsein entscheidet. Wer kennt das nicht, dass man gleich zu Anfang ein Bauchgefühl hat, was sich später als richtig herausstellt. Unwillkürliche Prozesse sind auch stärker als bewusste Prozesse. Gegen sein Bauchgefühl kann keiner langfristig leben.

Normalerweise wird das Unbewusste kontrolliert durch die Steuerungsinstanz „Ich“. Wie vorher ausgeführt, entscheidet der Filter auch darüber, was alles in die Entscheidung mit hinein soll und mit welchem Gewicht.

Ein Borderliner hat, wie oben dargestellt, hier Schwierigkeiten, weil sein Filter nicht so stark ausgeprägt ist wie bei anderen. Bei einem Borderliner funktioniert das Zusammenführen und Gewichten der Anteile nicht so gut, wie oben dargestellt. Er kann die Gefühle nicht in gleicher Weise kontrollieren, er kann sie nicht zusammenführen. Das, was bei anderen automatisch geschieht, funktioniert bei ihm umso weniger, je stressiger er die jeweilige Situation erlebt.

Das Resultat sind sehr schnelle emotionale Reaktionen. Je intensiver diese sind, desto weniger schafft es der Borderliner diese abzubremsen und sein momentanes Erleben in den Kontext seiner bisherigen Erfahrungen zu stellen. Genau dies geschieht bei einem Borderliner nicht in gleichem Umfang, weil die Persönlichkeitsanteile in gleicher Weise miteinander verbunden sind durch eine Steuerungsinstanz.

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Hebbsche Regel

Diese Grundproblematik der schnellen und unregulierten Emotionen wird häufig durch die Erfahrungswerte eines Borderliners erschwert. Häufig bringen Borderliner viele Erfahrungswerte mit, was Schmerz, Angst oder Ablehnung betrifft. So werden kleine Zurückweisungen aus dem hier und heute potenziert durch die Macht der unmittelbar und plötzlich in diesem Moment erinnerten Gefühle. Ein einfaches Nichtgrüßen kann den ganzen Schmerz des Ausgeschlossenseins und der Einsamkeit aus frühen Erfahrungen aktivieren und der Borderliner kann dies nicht adäquat steuern. Infolge kleinster Anlässe rutscht er  in krisenhafte Zustände.

Die sogenannte Hebbsche Regel erklärt, wieso es für das Bewusstsein überhaupt möglich ist, so schnell und unmittelbar in Gefühlszustände zu gelangen, die mit dem hier und jetzt nur ganz am Rande etwas zu tun haben. Es geht um Lernwerte, die sich selbst verstärken.

Die Hebbsche Regel besagt, dass Zellen, die zusammen feuern, sich zugleich auch weiter vernetzen: „Cells that fire together wire together“. Auf neuronaler Ebene verhält es sich so, dass ein Neuron um so bevorzugter auf ein anderes reagiert, je häufiger es mit diesem aktiv ist. Das ist die Grundlage menschlichen Lernens. Je mehr Übung, desto eher werden sich Verhaltensmuster einschleifen. Verhaltensmuster kann man als assoziative, meist häufig wiederholte Verkoppelung von Erlebniselementen aus allen Sinneskanälen, definieren.

Was heißt das jetzt im Alltag?

Nehmen wir an: Sie fahren mit dem Auto zur Arbeit und ein Lied kommt im Radio. Das Lied haben Sie vor Jahren immer wieder gehört als Sie verliebt waren. Sie haben es oft gehört. Auf einmal kommen Gefühle von damals hoch und nicht nur die schönen Gefühle, sondern alles und alle, die Sie mit genau diesem Lied verbinden. Die Vernetzungen die durch dieses Lied entstanden sind, kommen hoch: Menschen, Ereignisse, Gefühle usw.

Oder ein anderes Beispiel: Wenn man als Kind immer wieder geschlagen oder missbraucht wurde, vernetzen sich die Zellen. Man kann es ein „Verletzungs-Netzwerk“ nennen. Es ist nur eine Kleinigkeit nötig, um dieses Netzwerk zu beleben: ein Ton, eine Stimme, ein Geruch. Sofort und unmittelbar ist man damit assoziiert.

So kann man auch Flashbacks verstehen: wenn das Gegenüber nur eine Ähnlichkeit in (Mimik, Blick, Geruch etc.) mit jemanden hat, der einem Gewalt angetan hat, dann werden Erfahrungswerte aktiviert und man landet in diesem neuronalen Netzwerk. Das passiert unwillkürlich und in Bruchteilen von Sekunden. In der Gegenwart wird es als Opfererfahrung erlebt, aber nicht, weil das Gegenüber ein Täter ist, sondern weil über dieses Prinzip der Vernetzung in der Gegenwart das gesamte Netzwerk aus der Vergangenheit aktiviert wird.

Das gilt für Gefühle mit Trauma Qualität, aber auch für schöne Gefühle.

Unterschiedliche Menschen tragen unterschiedliche Erlebnis Netzwerke in sich. Je nach Assoziation werden diese aktiviert. So funktioniert unser Gehirn. Wir können also nur eingeschränkt beeinflussen, wie wir die Botschaften anderer oder andere unsere Botschaften wahrnehmen.

Wenn man ein Steuerungs-Ich entwickelt hat, kann man zum einen das emotionale Erleben in den Kontext setzen und zum anderen abgestuft reagieren. Der freie Fluss der Emotionen wird geregelt. Man hat Wahlmöglichkeiten. Wenn man zum Beispiel etwas erlebt, was einen wütend macht, nimmt man das wahr und kann zudem meist auch wählen bzw. regulieren, ob man wütend wird, oder ob man das Gefühl anders nach außen transportiert.

Für einen Borderliner tut sich das kleine Fenster in die andere Erlebenswelt schneller auf, als er denken kann und so huscht er hindurch in diese andere Erlebenswelt. Das geschieht innerhalb von Bruchteilen von Sekunden. Einen Weg zurück gibt es in diesem Moment nicht, weil das Steuerungs-Ich nicht ausreichend funktioniert. Erst muss die Intensität des momentanen Zustandes abklingen, bevor ein Zurück möglich ist.

Es geht auch hier um Assoziation und Dissoziation. Im Prinzip assoziiert man, indem man ein Gefühl bzw. ein Erleben in die Gegenwart holt. Unser Gehirn lebt ausschließlich in der Gegenwart, also im hier und jetzt.

Was wir Vergangenheit oder Zukunft nennen, sind nur Bilder, die wir jetzt – in der Gegenwart – zum Hauptfilm machen bzw. uns damit assoziieren. Um Vergangenheit zu erleben, holen wir uns die Bilder von damals in die Gegenwart und die Erinnerung lebt in unserem Gefühl. Dann sind wir mit der Vergangenheit assoziiert. Um die Erinnerungen an die Vergangenheit loszulassen, bringen wir sie wieder auf Abstand – wir dissoziieren. Es funktioniert in gleicher Weise mit der Zukunft. Wir holen die Ängste und Befürchtungen ins hier und jetzt und assoziieren uns damit. Dann schicken wir sie wieder weg, indem wir den Abstand vergrößern und unseren Fokus woanders hin lenken.

Die Geschehnisse von außen sind Einladungen (Trigger), die das unbewusste Erleben aktivieren. Man „springt hinein“ und empfindet es als Wirklichkeit. Auch der Körper reagiert, als ob es wirklich wäre.

Man kann es mit dem Zustand des Träumens vergleichen. Wenn wir träumen, wissen wir nicht, dass wir träumen. Es ist real für uns. Wir sind mit dem Traum voll assoziiert. Unser Körper reagiert unmittelbar auf dieses Erleben. Unser Herz schlägt schneller, wenn wir Alpträume haben, wir schwitzen und auch der Hormonhaushalt verändert sich. Während wir träumen, sind wir im Traum mit der Situation total identifiziert,  die gerade unser Unterbewusstsein produziert. Wir assoziieren mit dem traumhaften Erleben.

Dabei ist nicht von Bedeutung, ob wir uns dann anschließend an die Träume erinnern oder nicht.

So ist es auch mit den Erfahrungen der Vergangenheit. Ein kleiner Trigger aktiviert das Netzwerk und man ist – gefühlt – mitten in dem Erlebnis, das meist mit hier und jetzt nichts zu tun hat, außer dass es eine Ähnlichkeit hatte, die zur Aktivierung geeignet war.

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Anziehungskraft

Borderline anziehend
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Ein Borderliner hat eine enorme Anziehungskraft, der man sich schwer entziehen kann. Was haben nun Assoziation und Dissoziation damit zu tun?

In der Regel hat ein Borderliner schon als Kind gelernt, die Bedürfnisse von anderen zu erkennen und sich diesen anzupassen. Die Erfahrungen seiner Kindheit haben ihn diese Sinne schärfen lassen – bei insgesamt erhöhter Empfindlichkeit gegenüber den Eindrücken seiner Umwelt.

Wenn er Menschen begegnet, spiegelt er sie und assoziiert sich mit Ihnen. Das geht nur deshalb, weil er keine eigenen, stabilen Ich-Grenzen hat. Ein Funke genügt, um diesen Prozess in Gang zu setzen. Er fühlt das, was sein Gegenüber fühlt, auch das, was bei diesem unterdrückt ist. Und dann spiegelt er diese Gefühle, Hoffnungen und Sehnsüchte. Für einen Borderliner finden Kontakte auf dieser Ebene statt, es ist seine unterbewusste Art, in Kontakt zu treten.

Kommt man in Kontakt, führt das zu einem Gefühl von Verbindung auf einer ganz tiefen Ebene. Man fühlt sich auf eine Weise verbunden, die in dieser Tiefe besonders ist.

Der potenzielle Partner fühlt sich berührt und kommt in die Assoziation mit seinen eigenen verdrängten Emotionen. Daher kommt auch das Gefühl, noch nie so intensiv gefühlt zu haben. Das „Ich“ wird auch beim Partner sozusagen lahmgelegt. Auch der Partner ist voll assoziiert mit der vorherrschenden Emotion und fühlt sich verbunden mit dem Borderliner und zwar innig verbunden. Symbiotisch. Man kann es auch als „co-assoziiert“ bezeichnen.

Der Borderliner spiegelt den Partner. In diesem Moment werden alle anderen Fragmente und Anteile abgespalten und der Borderliner fühlt sich – in diesem Moment – glücklich und genauso tief verbunden mit dem Partner. Die äußere Wirklichkeit wird ausgeblendet solange man in dieser Verbundenheit, bzw. Assoziation bleibt. Beide Partner sind assoziiert mit dem bedürftigen Teil der Persönlichkeit, der irgendwo in den Tiefen verborgen war. Deshalb fühlen sich beide ganz. Angekommen.

Auf diese tiefe Ebene kommt man nur, wenn man die Ich-Grenzen aufgibt. Das macht die Beziehung zu einem Borderliner so besonders. Nur dann fallen auch die letzten Schutzmauern und zwar auf beiden Seiten.

Dieser Effekt kann auch dann eintreten, wenn ein Partner kommt, der dem Borderliner im ersten Moment Angst macht. Wenn eine Traumaerinnerung reaktiviert, aber sogleich wieder abgespalten wird, kann es passieren, dass der Borderliner diesen Symbiosemechanismus auch zugleich anwendet, um hierdurch Sicherheit zu bekommen. Er assoziiert sich dann mit dem Partner, der eigentlich ursprünglich entweder eine Gefahr darstellt oder die Erinnerung an eine Gefahr reaktiviert hat. Indem die Schutzmauern abgebaut werden, wird ein Empfinden von Schutz durch den symbiotisch verbundenen Partner erzeugt. Abspaltung und Symbiose laufen daher oft parallel bzw. ergänzen sich. Die Prozesse, die hier ablaufen, sind komplex.

Traurig ist, dass dieser symbiotische Zustand nicht von Dauer ist.

Ein Borderliner hat keine Sicherheit gelernt und somit auch keine Stabilität. Daraus resultieren massive Ängste – vor dem Verlust von Nähe, vor der Nähe, vor Allem. Nach Ende der assoziativen Phase treten diese Ängste wieder an die Oberfläche. Ein kleiner Trigger genügt dann, dass der Borderliner in einen anderen Zustand katapultiert wird. Dann assoziiert er sich mit einem anderen Ich-Fragment und sieht die Situation aus einer völlig anderen Perspektive mit ganz anderen Gefühlen.

Für einen Borderliner ist es somit unmöglich dem Partner mitzuteilen was genau in diesen Momenten mit ihm los ist. Es passiert ganz plötzlich. Ein Reiz oder ein Trigger genügt um das Erlebnis Netzwerk zu aktivieren und zugehörige Emotionen auf einmal und ungefiltert an die Oberfläche erscheinen. Der Borderliner reagiert impulsiv und direkt ohne Filter aus dem Unterbewussten heraus, denn es gibt keine Steuerungsinstanz, die das reguliert.

Es genügt also ein kleiner Funke und der Borderliner assoziiert sich mit einem Fragment seines Ichs. In diesem Moment sind alle anderen Fragmente bzw. Anteile ausgeblendet. Sie sind dissoziiert. Im Prinzip kann der Borderliner sich in diesen Momenten auf emotionaler Ebene nicht erinnern, dass er jemals anders gefühlt hat.

Das hinterlässt den Partner überrascht, verwirrt und überfordert. Der Partner eines Borderliners kann nicht nachvollziehen, wieso auf einmal alles anders sein soll. Er nimmt nur von außen zur Kenntnis, dass sich der Borderliner in seinem Verhalten auf einmal rapide verändert. Gesichtsausdruck und Stimme verändern sich plötzlich. Er hat vielleicht sogar das Gefühl, einem anderen Menschen gegenüber zu stehen.

Das Verhalten eines Borderliners verändert sich tatsächlich von jetzt auf gleich. Es ist ihm nicht möglich dies zu steuern. Unmittelbar mit dem Trigger assoziiert er sich mit dem Netzwerk, welches angetriggert wird.  Alles andere wird dissoziiert und verschwindet. Das geht extrem schnell  und geschieht sofort, weil es sich um einen unwillkürlichen Prozess handelt und nicht um eine bewusste Entscheidung.

Es kann aber auch geschehen, dass ein Borderliner komplett dissoziiert. Wenn etwas sehr bedrohlich oder verletzend erscheint, dann kann es dazu kommen, dass alle Anteile dissoziiert werden. Ein Borderliner spürt dann nur noch eine innere Leere. Er spürt sonst nichts.

Praktisches Beispiel

Borderline streit
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Lara ist Borderlinerin. Mit ihrem Partner Sven ist sie schon mehrere Jahre zusammen. Sie sind ständig in Kontakt, aber in Lara steigen immer wieder Zweifel und Ängste empor, dass Sven sie betrügen könnte. Obwohl es keine Anzeichen dafür gibt, wird Lara ihre Ängste nicht los, hält sie aber einigermaßen unter Kontrolle. Eines Abends verabschieden sie sich freundlich zugewandt, ein Herzchen hier, Gutenachtwünsche da per WhatsApp.

Eine Stunde später sieht Lara Sven online.

Innerhalb eines Sekundenbruchteils erlebt Lara die Welt mit anderen Augen. Sie sieht all ihre Ängste in diesem Moment bestätigt. Er schreibt mit einer anderen Frau und sie fühlt sich betrogen und angelogen. Für Lara erfühlt sich in dem Moment Ihre gefühlte einzige und absolute, unumstößliche und schmerzhaft qualvolle Wahrheit. Sie muss sich trennen, und zwar sofort.

Was ist geschehen?

Innerhalb kürzester Zeit ist Lara durch einen Auslöser in einem anderen Ich-Fragment (Erlebnis Netzwerk) gelandet und der Film lief ab. Alle Anteile, die mit Sven verbunden waren, werden abgespalten. Sven ist jetzt nicht mehr gut und geliebt. Sie lebt in einem anderen Erlebnis Netzwerk – Sven ist jetzt böse, er ist ein Betrüger, er wird ihr weh tun, wenn sie ihn lässt. Ein Gespräch ist sinnlos, Fragen nutzen nichts, es würden ohnehin nur Lügen dabei herauskommen. Es ist höchste Zeit, die Beziehung zu beenden, am besten flüchtet sie gleich.

In den Moment kann sie nicht wahrnehmen, dass die Beziehung harmonisch läuft, dass Sven sie liebt und treu ist.

Diese Sprünge von einem Zustand in einen anderen (von einer Assoziation in eine andere) kann ein Mensch, der das nicht kennt, nicht nachvollziehen. Für den Partner ist es eine Achterbahn, die er nicht versteht und die er ohne Kenntnis dessen, was da passiert, nicht beeinflussen kann.

Durch die überraschende Verhaltensveränderung wird auch der Partner über den Faktor Empathie genauso wie der Borderliner aus einem Zustand in den Anderen katapultiert. Auch der Partner hat in diesem Zustand keine Zeit zu handeln, zu überlegen oder bewusst zu entscheiden. Verständnis kann vom Partner in dieser akuten Stresssituation nicht erwartet werden. Selbst wenn er versucht das Erlebte zu verstehen, geht es nicht wird es für ihn unmöglich sein, weil sein Gehirn durch die unmittelbare Konfrontation mit den überbordenden Gefühlen des Borderliners überladen ist. Der überforderte Partner assoziiert sich nunmehr selbst mit unterschiedlichen Zuständen. Auch er empfindet die unterschiedlichen Emotionen sehr stark und hat keine Handlungsmöglichkeiten. 

Zusammenfassend kann man meiner Meinung nach, sagen, dass das Verständnis von Assoziation und Dissoziation ermöglicht, die gesamte Interaktion mit einem Borderliner besser zu verstehen – von der magischen Anziehung am Anfang und über die Mechanismen, die in einer Beziehung wirksam werden bis zum Zustand nach Beziehungsende.

Dieser Artikel wurde maßgeblich inspiriert durch Dr. Gunther Schmidt, dessen hypnosystemische Ansätze und Erkenntnisse mir einen neuen Blick auf Borderline ermöglicht haben. 

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Wir empfehlen zum Thema folgenden Buchvorschlag: Am Ende bleibt der Schmerz*

Das Buch soll der Aufklärung dienen. Es richtet sich an alle diejenigen, die sich mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung auseinandersetzen wollen. Ziel dieses Buches ist es, die Dynamiken einer Borderline-Beziehung zu erklären, auf rationaler, sowie auf emotionaler Ebene. Aufgrund eigener Erfahrungen wissen Suzi Pavic und Ed Hellmeier, dass Aufklärung und Verständnis sowohl für Betroffene, als auch deren Partner wichtig sind, um besser mit dieser komplexen Krankheit umgehen zu können. Die Autoren versuchen dies mit einfachen Worten und bringen Klarheit, was sich hinter den gängigen Fachbegriffen verbirgt. Sie räumen dabei auch mit dem einen oder anderen Klischee auf.

Buchvorschlag: Am Ende bleibt der Schmerz und die Frage WARUM: Dynamik einer Borderline-Beziehung*

Gastautor: @Suzana Pavic – Heilpraktikerin für Psychotherapie – Psycholgische Beraterin – http://www.suzana-pavic.de/

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