Impulsive Borderline-Reaktionen als behandelbare Angstreaktionen

Impulsive Borderline-Reaktionen
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… wie ein Reh im Scheinwerferlicht …

Worauf die Missverständnisse basieren

Eingangsbeispiel

 „Ich hasse ihn. Ich hasse ihn so sehr. Er soll aus meinem Leben verschwinden. Er tut mir nur noch weh. Es tut alles so weh“ – es dauert, bis sich Lara etwas beruhigt. Sie sieht aus dem Sessel mir gegenüber auf und blickt mir ins Gesicht. „Er tut nur noch weh. Ich will keine Ablehnung mehr. Ich will keinen Schmerz mehr. Ich will nur noch sterben.“

Als ich sie frage, was genau passiert ist, fängt sie erneut an, bitterlich zu weinen. In ihrem Gesicht spiegelt sich großer Schmerz, von außen spürbar und greifbar. Ihre Hände umklammern ihr Mobiltelefon. Sie zittern. Laras Stimme ist leise: „Er hat mich geblockt. Auf Facebook, WhatsApp überall.

Erst hat er mich ignoriert, und als ich versucht habe, mit ihm zu sprechen, hat er mich überall gesperrt. Ich will nicht mehr. Er sieht mich nicht. Er versteht mich nicht.“ Immer wieder starrt sie auf ihr Mobiltelefon. „Ich bin immer noch blockiert. Warum?“

Lara ist 38 Jahre alt und leidet unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Beruflich ist sie sehr erfolgreich, verdient gut. Seit sechs Monaten ist sie mit dem 43 jährigen Sven liiert. Sie berichtet.

„Wir sehen uns dieses Wochenende nicht. Sven ist auf einem Seminar in Frankreich. Als ich ihn gestern Abend angerufen habe, ist er nicht ans Telefon gegangen. Dann habe ich Panik bekommen. Auf einmal kamen lauter Bilder in meinem Kopf hoch von ihm und anderen Frauen.

Mir ist eingefallen, dass er mir erzählt hat, er hätte seine Ex in einem Seminar kennen gelernt. Ich habe mehrere Male versucht, ihn zu erreichen, habe ihm auch Nachrichten geschickt. Er hat mich komplett ignoriert, obwohl er die verpassten Anrufe hätte sehen müssen oder die Nachrichten. Er hat sein Handy sonst doch auch immer dabei.

Dann habe ich ihm geschrieben, dass er sich nie mehr bei mir melden muss. Und, dass ich ihn hasse und dass er mir weh tut. Keine Antwort. Er hätte doch einfach schreiben können, dass es nicht stimmt.

Ich bin auf Knien auf dem kalten Küchenboden gesessen. Ich konnte nichts tun, mich nicht bewegen. Ab und zu habe ich geweint, mit dem Kopf auf dem Boden. Und dann bin ich wieder da gesessen mit diesem Schmerz. Ich konnte nicht aufstehen.

Dann hat er auf einmal doch angerufen und gefragt, was mit mir los sei. Was mit mir los sei? Das hab ich ihm doch geschrieben, dass er mir weh tut. Dieser Schmerz, und er fragt nur, was los sei? Da ist mir klar geworden, dass er nichts verstanden hat und nie etwas verstehen wird.

Ich habe aufgelegt und ihm gesagt, dass er mich in Ruhe lassen soll und dass diese Beziehung beendet ist. Er hat dazu nichts gesagt, offenbar wollte er die Beziehung auch schon lang beenden.

Dann habe ich aufgelegt und ihn geblockt. Das hat mich so verletzt. Wenn er mich nicht will, ok. Und nein, ich brauche ihn nicht mehr. Sicher betrügt er mich. Seminar, wer’s glaubt. Wahrscheinlich bin ich ihm langweilig geworden. Es hat ihn ja auch nicht interessiert, wie es mir geht.

Dann war auch der Schmerz weg. Ich habe gar nichts mehr gefühlt. Und am nächsten Morgen bin ich aufgewacht, aber das Aufwachen hat sich angefühlt, als finge der Alptraum erst an.“

Lara sieht auf ihr Mobiltelefon. Ihre Augen sind traurig. „Ich bin immer noch geblockt.“

Borderline persönlichkeitsstörung
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Ich frage sie, wie es weitergegangen ist. Sie fährt fort:

Ich habe ihn dann wieder entblockt und gesehen, dass er online ist. Ich habe gewartet. Er war ein paar Minuten online, aber mir hat er nicht geschrieben. Ich weiß nicht. mit wem er geschrieben hat. Vielleicht mit jemandem, der, oder vielmehr die ihm wichtiger ist.

Dann habe ich ihm geschrieben, dass es meine letzte Nachricht in seinem Leben ist und dass ich ihm hasse und dass er mir fernbleiben soll. Ich habe ihm einen schönen Abend und viel Spaß gewünscht und dann wieder blockiert, damit es aufhört, weh zu tun. Wenn ich ihn blockert habe, dann muss ich auch nicht auf eine Antwort warten, die ohnehin nicht kommt.

Dann habe ich mich wieder auf dem Boden wiedergefunden. Mein ganzer Körper hat gezittert. Der Schmerz war überall. Es war ganz klar. Er ist online und schreibt mir nicht. Ich bin ihm egal. Mir sind dann noch andere Situationen eingefallen, die komisch gewesen sind.

Einmal sind wir im Restaurant gewesen und er ist für eine Ewigkeit auf der Toilette verschwunden. Sein Handy hat er auch dabei gehabt. Ich habe ihn also wieder entsperrt und ihm geschrieben: „Werde glücklich mit der, mit der du damals auf der Toilette geredet hast. Ich bin doch nicht blöd. Leb wohl.“ Und dann habe ich ihn wieder geblockt.

Heute Morgen, als ich ihm schreiben wollte, ging nicht mehr. Er hat mich gesperrt. Überall gesperrt.

Sie nahm einen Schluck Wasser. „Ich habe ihm doch nur gesagt wie ich mich fühle und er versteht es immer noch nicht.“ sagt sie leise. Traurig sieht sie auf ihr Mobiltelefon.

Anmerkung: Wenn im Folgenden die Rede ist von „Borderlinern“, dann dient das dem Textfluss. Es sind hiermit Menschen gemeint, die eine Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickeln mussten, um zu überleben. Der nachfolgende Text erklärt auch die Gründe dafür.

Am Ende bleibt der Schmerz und die Frage WARUM?: Dynamik einer Borderline-Beziehung (Edition Klotz)*
Pavic, Suzana (Autor); 202 Seiten - 12.06.2017 (Veröffentlichungsdatum) - Westarp (Herausgeber)
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Dynamik des Unverständnisses

Borderline Dynamik
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Borderliner fühlen sich oft nicht verstanden. Auf der anderen Seite versteht der Partner oft die Welt nicht mehr, wenn er mit solchen Verhaltensweisen konfrontiert wird. Für ihn erscheint das Verhalten eines Borderliners oft einfach nur irrational. Er fühlt, dass er sich davor schützen muss. Und letztlich wehrt er sich im Konfliktfall nur gegen etwas, von dem er denkt, dass er das nicht verdient hat.

Am Anfang versucht der Partner in der Regel, das „Warum“ zu verstehen. Er versucht zu verstehen, was er getan haben soll, um eine solche Reaktion in seinem Borderliner hervorzurufen. Das bringt ihn aber nicht weiter, da er keinen „Grund“ in diesem Sinne finden kann.

Denn es gibt keinen Grund in ihm oder seinem Verhalten, der die heftige Reaktion des Borderliners zu erklären vermag. In einem weiteren Schritt wehrt er die heftige Reaktion des Borderliners ab, die er nach Bewertung als unangemessen, als übertrieben oder schlicht manipulativ empfindet.

Die Reaktion des Partners ist Schutz seiner selbst. Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Sicherheit.

Jeder Mensch verspürt zunächst den Drang, das „Warum“ eines unangenehmen Verhaltens zu verstehen. Wenn man mit einem unangenehmen Verhalten (z. B. Beschimpfungen) konfrontiert wird, dann versucht man instinktiv zu ergründen, ob man selbst einen Grund für dieses Verhalten gegeben hat.

Das dient zunächst einmal der Gefahreneinschätzung. Es ist Grundbedürfnis eines Menschen, sich sicher zu fühlen. Wenn man mit seinem eigenen Verhalten einen adäquaten Grund für eine Reaktion gegeben hat, dann hat man Einfluss auf eine Situation, ist also auch sicher, weil man die Situation und seine Umgebung mit steuern und beeinflussen kann.

Man hat es dann in der Hand, auf das unangenehme Verhalten Einfluss zu nehmen, z. B. indem man sich entschuldigt oder sich anders verhält. Diese Einflussnahme ist wichtig, weil sie einem erlaubt, die Situation zu kontrollieren und so auch Sicherheit zu erleben.

Hat man hingegen keine Möglichkeit der Einflussnahme, dann wird es um einen herum unvorhersehbar und damit auch gefährlich; das Gefühl der Sicherheit geht verloren. So ist das auch, wenn man keinen Grund gegeben hat für ein Verhalten, hier im Beispielsfall die heftige Reaktion des Borderliners scheinbar „grundlos“ über einen kommt. Denn dann schwindet die Sicherheit. Fehlende Vorhersehbarkeit ist auch fehlende Sicherheit.

Mit seinen heftigen, dem Hier und Jetzt nicht angemessenen Reaktionen provoziert ein Borderliner also defensives Verhalten des Partners. Der Partner verliert das Gefühl der Sicherheit bei den heftigen Reaktionen. Denn ein Borderliner gerät immer wieder aus scheinbar nichtigem Anlass in einen anderen „Zustand“.

Der Zustand des Borderliners ist für den Partner nicht voraussehbar. Denn der Partner hat diesen Zustand nicht verursacht. Hier im Beispielsfall hat der Partner vielleicht Anlass gegeben, indem er sich hier nicht gemeldet hat. Es war aber kein adäquater Anlass. Denn es war kein Anlass, der bedeutend genug war, um eine Reaktion in dieser Heftigkeit auszulösen.

Da der Partner dann in der Folge versucht, sich zu schützen, z. B. durch Kontaktabbruch oder Gegenreaktionen, fühlt sich der Borderliner unverstanden, abgelehnt, und gerät immer tiefer in seinen Zustand. Und so kommt es immer wieder zu Bindungsabbrüchen durch den Borderliner, weil dieser Zustand für ihn nicht auszuhalten ist.

Änderung der Fragestellung führt zu Änderung der Beziehungsdynamik

Borderline Beziehung
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Die Frage nach dem „Warum“ („welchen Grund habe ich als Partner gegeben für die heftige Reaktion meines Borderliners?“) führt zunächst nicht weiter, da ganz viele Teile des kompletten Puzzles fehlen. Die heftige Reaktion des Borderliners aus scheinbar nichtigem Anlass muss für einen anderen auch keinen Sinn machen.

Es ist mit den für einen Partner zur Vefügung stehenden begrenzten Informationen nicht möglich, die heftige Reaktion eines Borderliners zu verstehen, weil der Zustand des Borderliners nicht nur mit dem Hier und Jetzt zu tun hat. Selbst dann, wenn wir ganz viele Details aus dem Seelenleben des Borderliners kennen, wird es nie umfassend möglich sein, die genauen Zusammenhänge zu verstehen.

Wenn man versucht, das „Warum“ zu verstehen, endet man oft in Hilfskonstrukten. Man bewertet das Verhalten und zieht daraus den Schluss, der andere sei „aggressiv“ oder „manipulativ“, oder er wolle „erpressen“ oder wolle, dass „alles nach seinem Willen geht“.

Das stößt natürlich da an die Grenzen, wo man den Borderliner liebt und ganz genau weiß, dass dieser all das nicht möchte, sondern in den guten Phasen lieb und fürsorglich und empathisch ist und lieber öfter einmal zurücksteckt, als zu viel zu nehmen.

Dieser Widerspruch bleibt. Das liegt daran, dass der Borderliner in seinem Wesen eben genau nicht aggressiv oder manipulativ oder erpresserisch ist, sondern dass er sich in diesen Momenten in einem anderen Zustand befindet. Dieser Zustand ist für einen Borderliner nicht steuerbar. Und wenn er in diesen Zustand geraten ist, dann war es für ihn auch nicht steuerbar, überhaupt in diesen Zustand zu geraten.

Wenn man die Frage nach dem „Warum“ für die heftige Reaktion des Borderliners aufgibt, und stattdessen danach fragt: „Wie ist der Borderliner in diesen Zustand geraten?“, dann entsteht ein anderes Verständnis für das Verhalten eines Borderliners. Es entsteht dann auch ein generell anderes Verständnis für das eigene Verhalten und das Verhalten anderer.

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Wie gerät der Borderliner in diesen Zustand?

Borderline-Störung
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Wie aber gerät der Borderliner in diesen Zustand? Um das zu verstehen, muss man zunächst begreifen, wie wir Menschen auf neurobiologischer Ebene überhaupt funktionieren.

Die Borderline-Störung ist eine komplexe Traumafolgestörung. Nach einem Trauma erleben Menschen die Welt mit einem veränderten Nervensystem. Mit diesem veränderten Nervensystem ist die Wahrnehmung von Gefahr und Sicherheit nicht mehr so wie vorher.

Stephen W. Porges, der Begründer der Polyvagal-Theorie und u.a. Professor für Psychiatrie an der University of North Carolina, hat Trauma als chronischen Abbruch der Verbundenheit definiert. Ich finde diese Definition von Trauma sehr treffend. Dieser chronische Abbruch der Verbundenheit führt zu einem chronischen Verlust an Sicherheit.

Bei Trauma geht es nicht um bestimmte auslösende Ereignisse, sondern es geht um die Folgen auf körperlicher, seelischer, geistiger und sozialer Ebene. Das verbindende Kernelement all dieser Folgen ist der chronische Verlust von Sicherheit.

Diese kommt dadurch, dass die traumaauslösenden Folgen im Nervensystem dauerhafte Änderungen verursachen. Das autonome Nervensystem ist dann dysreguliert, man kann auch sagen, geschädigt.

Ein Trauma entsteht, wenn das Gehirn eine Erfahrung nicht verarbeiten kann, wenn seine integrative Kapazität überfordert ist. Solche Erfahrungen können seine Gewalt, Vernachlässigung, Entwürdigung oder seelische Grausamkeiten, wenn diese existentiell bedrohlich erlebt werden und das Gefühl absoluter Hilflosigkeit hinzutritt.

Im Rahmen der Hilflosigkeit ist entscheidend, dass sich die Opfer selbst nicht helfen können (wie das oft bei Kindern der Fall ist, aber auch manchmal bei Erwachsenen), oder das zumindest so erleben, und im Moment der akuten Verletzung keine Hilfe von außen erfahren.

Es findet zum Zeitpunkt des traumaauslösenden Ereignisses eine Unterbrechung der Verbundenheit zu allem, was sicher ist, statt. Das eigene Sicherheitsgefühl bricht ab. Es ist ein Zustand des Nichtgesehenwerdens, des Nichtverstandenwerdens und des Ausgeliefertseins.

Das Gefühl von Selbstwirksamkeit kommt gänzlich abhanden. Es gibt keine Verbindung mehr zu anderen. Und es findet eine Unterbrechung zu sich selbst und seinem eigenen Sicherheitsgefühl statt. Es ist der totale Verlust an Sicherheit.

Ein Trauma kann nicht nur durch singuläre Ereignisse ausgelöst werden, sondern als Entwicklungstrauma auch durch den wiederkehrenden Abbruch der Verbundenheit zu den primären Bezugspersonen in einem Ausmaß, der die integrative Kraft des Gehirns überfordert. Dazu später noch ausführlich.

Trauma ist nicht das, was mit dir passiert, es ist das, was in dir als Ergebnis dessen passiert, was mit dir passiert ist.

Trauma ist die Narbenbildung, die dich weniger flexibel, starrer, weniger gefühlsbetont und verteidigend macht.

Wenn man sich die Zahlen der offenen Traumata ansieht, wie sexuellen Missbrauch in der Kindheit, emotionalen Vernachlässigungsstress in Familien, der Kinder traumatisiert…. es ist weit verbreitet. Nur sehr wenige Menschen wachsen in dieser Kultur wirklich untraumatisiert auf.

Dr. Gabor Maté

Wir müssen uns davon lösen, dass Trauma eine psychische Angelegenheit ist. Trauma ist keine psychische, sondern eine körperliche Angelegenheit.

Die Polyvagal-Theorie von Stephen W. Porges macht uns das auf Basis eines eigenen Verständnisses des autonomen Nervensystems deutlich.

Er erklärt, wie Menschen in affektive Zustände (tiefe Verzweiflung, unmäßige Wut oder heftige Aggressionen) geraten, wie wir sie auch von Borderlinern kennen, auch wenn von außen ein Auslöser oder ein Grund nicht erkennbar ist.

Er erklärt die Beziehung von Trauma und autonomem Nervensystem. Er macht verständlich, dass viele Handlungen automatisch erfolgen, nicht kognitiv gesteuert. Er erklärt all dies: Viele Handlungen werden tief unter dem Radar des Bewusstseins initiiert.

Das Gehirn hat keine Zeit, eine kognitiv fundierte („rationale“) Entscheidung zu treffen, und dann wird Rückgriff genommen auf Automatismen. Diese automatischen Handlungen sind Anpassungsreaktionen an frühere Erfahrungswerte. Der Körper befindet sich in einem anderen Zustand.

Wir alle kennen Zustände, in denen wir glauben, uns in Gefahr zu befinden. In diesen Situationen reagiert unser Körper, ohne dass wir darüber nachdenken müssen. Die Reaktion erfolgt dann nicht bewusst, sondern unterhalb des Bewusstseins rein adaptiv. Wenn es nicht so wäre, wären wir möglicherweise nicht mehr am Leben.

Im Alltag gibt es zahlreiche derartige unbewusste adaptive Reaktionen. Vielleicht mussten Sie zur Seite springen, wenn Sie einem Auto ausweichen mussten, was Sie übersehen hatten.

Vielleicht haben Sie auch erlebt, dass in Ihrer Nähe etwas passiert ist und Sie, ohne darüber nachzudenken, gelaufen sind, schneller als je zuvor. Oder Sie haben in einer vermeintlich sicheren Umgebung auf einmal ein erschreckendes Geräusch gehört und Sie sind voller Angst erstarrt.

Was passiert eigentlich, dass es zu solchen Reaktionen kommt? Und was haben alle Menschen auf diesen Planeten gemeinsam?

Es ist das autonome Nervensystem. Stephen W. Porges hat uns gezeigt, dass das autonome Nervensystem ganz anders funktioniert als bislang angenommen.

Am Ende bleibt der Schmerz und die Frage WARUM?: Dynamik einer Borderline-Beziehung (Edition Klotz)*
Pavic, Suzana (Autor); 202 Seiten - 12.06.2017 (Veröffentlichungsdatum) - Westarp (Herausgeber)
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Das autonome Nervensystem

Das autonome Nervensystem reagiert automatisch. Es ist ein Teil des Körpers. Es erhält uns am Leben, indem es lebenswichtige Funktionen kontrolliert, die wir willentlich nicht steuern können. Es ist ständig aktiv und reguliert unter anderem Atmung, Herzschlag und Stoffwechsel.

Es reagiert auf Empfindungen im Körper und auch auf die Signale aus der Umgebung. Dabei gibt es drei Zustände des autonomen Nervensystems, d.h. drei autonome Zustände:

Sicherheit – Soziales Engagement, Entspannung und Ruhe (Parasympathikus / ventraler Vagus)

Gefahr – Mobilisation und Selbstschutz = Flucht / Kampf (Fight / Flight) – Übererregung (Sympathikus)

Lebensgefahr – Lähmung (Freeze) – Untererregung (Parasympathikus / dorsaler Vagus)

autonome Nervensystem
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Das autonome Nervensystem reagiert in Gefahrsituationen im Dienste des Überlebens. Unbewusst. Automatisch. Autonom.

Jede Wahrnehmung ist ein Impuls an das Gehirn. Diese Information geht zunächst an das Stammhirn. Von dort aus wird sie über die Amygdala an das Großhirn weitergeleitet, welches sinnstiftend filtert und verarbeitet. Das benötigt Zeit. Für zeitaufwendige Verarbeitung im Großhirn ist in Gefahrsituationen keine Zeit.

Eine Stresssituation beginnt mit einem Impuls, der dem Gehirn eine Gefahr anzeigt. Diese Information wird vom Stammhirn nicht gleich an das Großhirn weitergeleitet, das wäre im Anblick der Gefahr zu langsam.

Vielmehr reagiert das Gehirn sofort und versetzt den Körper ohne weitere Plausibilitätsprüfung in einen Überlebens-Modus. Dann gibt es drei mögliche Reaktionen – Flucht, Kampf oder Einfrieren (Fight / Flight / Freeze) –, und die erfolgen automatisch.

Stephen W. Porges betont den Unterschied zwischen der bewussten Wahrnehmung (Perzeption) und der unbewussten Wahrnehmung, der Neurozeption. Die bewusste Wahrnehmung ist mit einem gewissen Gewahrsein verbunden.

Die Neurozeption ist eine unbewusste Reaktion. Sie verändert auf bestimmte Hinweisreize den autonomen Zustand, d.h. lässt uns dem autonomen Zustand „Ruhe, Entspannung“ in den autonomen Zustand „Gefahr“ wechseln.

Mit Hilfe der Neurozeption schätzt das autonome Nervensystem Gefahren ab und wird aktiv, wenn es eine Gefahr zu erkennen glaubt. Mit Hilfe der Neurozeption erfolgt eine Reaktion auf die Reize innerhalb 100 Millisekunden, viel schneller, als jede bewusste Reaktion jemals sein könnte.

Auch die Neurozeption ist lernfähig und verändert sich mit den erlernten Erfahrungen. Wird im Gehirn ein traumatisches Erlebnis gespeichert, können Dinge, die mit dem traumatischen Ereignis in Verbindung gebracht werden, auf einmal zu Gefahrhinweisen (Trigger) werden.

Diese Dinge können vor dem traumatischen Ereignis Hinweise auf neutrale oder sogar auf sichere Umstände gewesen sein. Nach dem traumatischen Ereignis sind sie unter Umständen Gefahrhinweise.

Hat der Körper einmal gelernt, bestimmte Dinge mit einer Gefahr in Verbindung zu bringen, bleibt diese Verknüpfung, selbst wenn die Situation nicht mehr gefährlich ist. Zum Beispiel kann der Geruch eines bestimmten Parfüms eine Panikattacke auslösen, wenn er an ein durchlebtes Trauma erinnert.

“Statt und an den Kategorien des DSM-IV oder DSM-V (ICD 10/11) zu orientieren, sollten wir uns fragen, welche Gemeinsamkeiten zwischen den unterschiedlichsten klinischen Störungen bestehen. Offenbar ist in viele Fällen die Zustandsregulation ein ziemliches Problem – die Fähigkeit, den eigenen behavioralen Zustand zu regulieren.

Wenn wir unseren physiologischen Zustand nicht regulieren können – was eine der Aufgaben des Hirnstamms ist -, können wir einige höhere kognitive Funktionen nicht erreichen, und diesen ist es nicht möglich, Informationen zu verarbeiten.

Zu den wichtigsten Aufgaben eines Therapeuten zählt die Beeinflussung physiologischer und behavioraler Zustände. Ganz gleich, ob es um eine Borderline-Störung, um Autismus oder um ein anderes Problem geht, zu den wichtigsten Fragen zählt stets, ob der betreffende Mensch seinen Zustand selbst regulieren kann. Wie ergeht es dem Betreffenden in einem bestimmten Kontext, und weshalb ist es überhaupt erforderlich, etwas zu verändern?”

Stephen W. Porges “Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit”

Flucht (Flight) / Angriff (Flight) – Sympathikus

Jeder dürfte in seinem Leben eine Situation erlebt haben, in welcher er sich bedroht gefühlt hat und ohne zu überlegen weggerannt ist. Eine Fluchtreaktion, ohne Nachdenken.

Auch hat jeder sicherlich einmal erlebt, dass man in einer Stress- und Gefahrensituation ohne zu überlegen das Richtige getan hat, um sich selbst oder andere zu retten.

Oder dass man in einer Stress- und Gefahrensituation angefangen hat, zu schreien, ohne es kontrollieren zu können:

Beispiel 1: Stellen Sie sich vor: Sie schicken sich an, den Zebrastreifen zu überqueren, um zur Promenade am Meer zu gelangen. Sie sind entspannt, schauen in Richtung des Meers, gehen davon aus, dass kein Auto kommt. Auf einmal sehen Sie im Augenwinkel ein Auto was schon ganz nah ist. Ohne zu überlegen, bringen Sie sich mit einem Sprung in Sicherheit.

Beispiel 2: Stellen Sie sich vor: Sie sitzen entspannt in einer Bar am Meer. Auf einmal hören Sie Schüsse und als sie aufsehen, sehen Sie, dass es am Strand in unmittelbarer Nähe eine Auseinandersetzung gibt. Ohne zu überlegen, springen Sie vom Tisch auf und bringen sich in der Toilette in Sicherheit.

Beispiel 3:  Stellen Sie sich vor: Sie gehen mit Ihrem Kind spazieren. Sie gehen davon aus, es läuft neben ihnen. Auf einmal entdecken Sie, dass das nicht so ist. Vielmehr läuft das Kind gerade in Richtung der Straße auf ein fahrendes Auto zu.

Ohne nachzudenken, hechten Sie hinterher und bringen Ihr Kind in Sicherheit. Direkt danach schreien Sie das Kind an.

In allen drei Beispielen passiert im Körper im Rahmen der Fight/Flight-Reaktion folgendes:

Innerhalb 100 Millisekunden bildet der Körper Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Der Blutdruck steigt, die Atmung wird flacher, und die Leber schickt Glucose an die Muskeln. Das Herz schlägt schneller, die Pupillen vergrößern sich, der Mund wird trocken, der Körper fängt an zu schwitzen.

Blut wird aus dem restlichen Körper in die Muskeln, vorwiegend der Arme und Beine gepumpt. Dies alles dient dem Zweck, die Muskeln jetzt gut mit Sauerstoff zu versorgen, um handlungsfähig zu sein und sich Flucht oder Kampf zu stellen. Das Großhirn wird jetzt nicht mehr optimal mit Sauerstoff versorgt, was das Denken erschwert.

Borderline Gehirn Körper
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Es muss jetzt aktiv gehandelt werden, durch Flucht und/oder Kampf. Das System ist auf Hochspannung. Der Körper ist von Stresshormonen geflutet. Diese Stresshormone müssen „entladen“ werden.

Bewusst steuern kann man diese Reaktion nicht.

Die Reaktionen sind in allen drei Beispielen automatisch. Man bringt sich oder den schutzbedürftigen Dritten durch eine Fluchthandlung in Sicherheit. Im Beispielsfall mit dem Kind wird selbst das schutzbedürftige Kind angeschrien, weil die Hochspannung immer noch da ist und der Impuls besteht, diese zu entladen.

Beispiel: Und jetzt stellen Sie sich vor, jemand fragt Sie in den Moment nach einem Kuchenrezept. Oder nach Ihrem letzten Urlaub.

Sie können diese Fragen in einer solchen Situation nicht beantworten. Wenn Sie überhaupt antworten würden, würden sie den Fragenden anschreien.

Zu einer solchen Stressreaktion kommt es, weil der Körper eine Gefahr wahrnimmt und in den Überlebensmodus übergeht. Die Wahrnehmung verändert sich hier unwillkürlich. Ein bewusstes Denken findet nicht mehr statt.

In diesem Fight/Flight-Modus erscheint uns die Welt bedrohlich, gefährlich und unfreundlich. Freundliche oder neutrale Gesichter werden als feindlich wahrgenommen. Jeder weitere Input ist weiterer Stress.

So kommt es auch dazu, dass jemand, der jetzt noch stört, im Beispiel der Fragende durch seine Fragen, auch als Teil der Gefahr wahrgenommen wird und bekämpft wird durch Anschreien.

Solche Zustände können sich auch chronifizieren. Dann befindet sich jemand ständig latent im Fight/Flight-Modus. Schon kleinste Nichtigkeiten können den Fight/Flight-Modus aktivieren. Diese Menschen erscheinen tendenziell einfach gereizt, ihre Frustrationstoleranz geht gegen Null.

Der Fight/Flight-Modus passt aber nicht in unser normales, zivilisiertes Leben. Die Angst, die Panikattacken, Wutanfälle, Unfähigkeit, sich zu konzentrieren, all dies hat in unserem normalen, zivilisierten Leben wenig Platz und kann zu massiven Schwierigkeiten in Beziehungen, im Beruf und auch sonst überall im Alltag führen.

Lähmung (Freeze) – Parasympathikus / Dorsaler Vagus

Sind Flucht und Angriff in einer Situation, die als lebensbedrohlich empfunden wird, nicht möglich, kommt es zur Lähmung oder Erstarrung (Freeze). Das Gehirn ist überlastet damit, weder gegen die Bedrohung angehen zu können (no fight), noch vor der Bedrohung fliehen zu können (no flight). Dann erstarrt der Körper und fährt herunter (shutdown).

Diese Reaktion des autonomen Nervensystems geschieht wie beim Fight/Flight-Modus automatisch und binnen kürzester Zeit. Deine Fähigkeit zu denken ist maximal eingeschränkt, weshalb man später kaum oder gar keine Erinnerungen an die Situation hat.

Man erstarrt, friert förmlich ein. Die Körperfunktionen werden eingeschränkt, der Blutdruck sinkt und der Herzschlag verlangsamt sich. Die Pupillen werden kleiner und die Augenringmuskeln erstarren. Das Schmerzempfinden ist deutlich herabgesetzt oder aufgehoben. Es ist ein dissoziativer Zustand.

Beispiel: Wird man bei einem Autounfall eingeklemmt, geht der Körper in Freeze Modus. Man spürt gar nichts mehr, ist förmlich „nicht mehr da“. Es gibt keine Hoffnung auf Rettung, es gibt nur Leere.

Beispiel: Und jetzt stellen Sie sich vor, jemand möchte mit dem Eingeklemmten in diesem Zustand über das Wetter reden. Der Smalltalk würde vom Eingeklemmten nicht bewusst wahrgenommen werden, der Eingeklemmte würde nicht oder automatisiert antworten.

Es gibt Menschen, bei denen sich ein solcher Zustand z. B. infolge schwerer Kindheitstraumata chronifiziert hat. Schon bei kleinsten Anlässen wechselt ihr Körper in den Freeze-Zustand. In diesem Zustand erleben sie die Welt dann als leer, tot und dunkel.

Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, im Stich gelassen zu werden, zu müde und erschöpft zu sein, um handeln zu können, oder nicht klar zu denken können, ist dort allgegenwärtig.

Der Weg zurück in die Ruhe und Entspannung

Der Weg in den Zustand der Sicherheit, Ruhe und Entspannung führt vom Freeze-Modus linear über die Mobilisation (Fight/Flight-Modus) zurück. Man kann den Fight/Flight-Modus nicht überspringen. Man muss zwingend über die Zwischenstufe Mobilisation (Fight/Flight-Modus) gehen, was Angst, Panik, Wut oder Hass bedeuten kann. Erst danach ist der Weg offen zurück in den Zustand der Sicherheit.

Dieser Weg kann nicht direkt über Gedanken und Willenskraft bewerkstelligt werden. Ein rein kognitiver Ansatz bringt hier nichts.

Nur indirekt über Körpereindrücke, Nervensystemregulation, Bewegung und Kontaktvertiefung mit anderen vertrauten Menschen ist die Rückkehr in den Zustand der Sicherheit möglich.

Drama und Borderline

Borderline Drama
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Ein häufiges Phänomen in Beziehungen mit einem Borderliner ist deren Drama. Versteht man nun das Drama als Reaktion im Fight/Flight-Modus, kann es auch als verzweifelter Versuch, wieder auf sicheren Boden zu gelangen, verstanden werden. Für einen Borderliner ist es sehr schwer, anders aus seinen Spannungszuständen (Freeze oder Fight/Flight) zu entkommen.

Am Eingangsbeispiel mit Lara, die sich mit Sven streitet, weil er nicht angerufen hat, sieht man auch hier das Drama, was sie aufgrund vermuteten Verlassenwerdens macht. Mangels reinigender Versöhnung spitzt sich das Drama zu, bis sie ihm die Trennung ausspricht. Sie möchte ihn aber nicht verlassen, im Gegenteil, sie wartet verzweifelt auf einen Kontakt durch ihn.

Sie handelt blind, unempathisch und in äußerster Not, jedoch nicht, um ihn zu verletzen, sondern um sich zu schützen, um wieder zurück in Sicherheit und Ruhe zu kommen. In ihrer Not ist sie zu vernünftigen Erwägungen nicht mehr fähig. Die Kompetenzen, anders mit der akuten Gefahr (vermutetes Verlassenwerden) zurecht zu kommen, fehlen ihr.

Zusammengefasst funktioniert unser autonomes Nervensystem adaptiv. Es passt sich an die aktuelle Situation an, schneller als man denken kann. Man kann in solchen Situationen nicht rational entscheiden was man tun kann.

Man reagiert. Automatisch. Im Dienste des Überlebens. Das gilt für jeden, nicht nur für Borderliner. Jeder Mensch verfügt über ein autonomes Nervensystem. Das autonome Nervensystem wechselt bei jedem die Zustände, weil der Körper auf die verschiedenen Reize reagiert. Beim Borderliner ist es nur ein wenig extremer.

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Was passiert, wenn man in früher Kindheit ein Trauma erlebt hat?

Je jünger und unreifer das Opfer ist und je unsicherer seine Bindungen sind, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass es auf Stress, Bedrohung und Gefahr mit Gelähmtheit statt aktiver Abwehr reagiert.

Dr. Peter Levine

Jetzt kann man etwas besser verstehen, was mit Lara in dem Moment geschieht, als Sven nicht für sie erreichbar ist. Sie gerät in einen Überlebensmodus, kann sich aber nicht erklären. Sie versucht zwar, Sven deutlich zu machen, wie sie sich fühlt, aber das scheitert auf ganzer Linie. Ihr Zustand erlaubt es ihr nicht.

Ihr autonomes Nervensystem meldet Lebensgefahr. Sie ist in einem für sie unterträglichen Freeze-Zustand, aus dem sie unbewusst versucht, mit einer Fight/Flight-Reaktion auszubrechen. Ihr Verstand, die Ratio, funktioniert unter diesen Bedingungen nicht richtig, gleichwohl versucht sie, die „Gefahr“ mit dem Verstand zu orten und zu eliminieren. Das kann nicht gut gehen.

Objektiv betrachtet ist sie natürlich nicht in Lebensgefahr. Ihre Neurozeption aber hat Lebensgefahr gemeldet. Sie erlebt die Situation als existentiell bedrohlich. Das liegt daran, dass in ihrem autonomen Nervensystem ein Trauma gespeichert ist, welches getriggert worden ist.

Jeglicher Lösungsversuch über den Verstand muss scheitern. Der Verstand arbeitet nicht richtig, die mit dem Verstand arbeitenden Bewertungsebenen sind in diesem Moment gestört. Sie kann die wahre Gefahr nicht sehen. Sie kann nicht unterscheiden, ob eine Gefahr da ist, oder ob es nur ein Geschehen aus dem Damals ist, das noch nicht einmal bewusst erinnert wird.

„Crawling in my skin
These wounds, they will not heal
Fear is how I fall
Confusing what is real

There’s something inside me that pulls beneath the surface
Consuming, confusing
This lack of self control I fear is never ending
Controlling
I can’t seem
To find myself again
My walls are closing in
(Without a sense of confidence I’m convinced
That there’s just too much pressure to take)
I’ve felt this way before
So insecure

Crawling in my skin
These wounds, they will not heal
Fear is how I fall
Confusing what is real“

Crawling, von Linkin Park

Deutsche Übersetzung (frei übersetzt):

„Innerlich krieche ich auf allen Vieren
Diese Wunden, sie werden nicht heilen
Angst umgibt mich während ich falle
Ich kann nicht unterscheiden, was real ist

Da ist etwas in mir, das unter der Oberfläche zerrt
mich verzehrt und verwirrt
Dieses Fehlen der Kontrolle über mich selbst wird, so fürchte ich, wird niemals aufhören
Es kontrolliert mich
Es scheint mir unmöglich zu sein

Mich wieder zu finden

Um mich herum schließen sich Wände und Decke und kommen immer näher

(Da ich kein Selbstvertrauen habe bin ich überzeugt, dass der Druck einfach zu gross ist)
Schon früher habe ich so empfunden
der totale Verlust jeglicher Form von Sicherheit

Innerlich krieche ich auf allen Vieren
Diese Wunden, sie werden nicht heilen
Angst umgibt mich während ich falle
Ich kann nicht unterscheiden, was real ist“

Im Alter bis zu vier Jahren werden die Grundlagen für unser Bindungsverhalten gelegt. In diesem frühen Alter ist Bindung überlebenswichtig. Störungen der Bindung bedeuten Lebensgefahr. Frühkindliche Traumata prägen das Bindungsverhalten auch noch lange später, bis ins hohe Alter hinein.

Lara ist in früher Kindheit traumatisiert worden. Ihr autonomes Nervensystem kann nicht unterscheiden ob die Gefahr real ist oder „nur“ eine Reaktion auf ein frühkindliches Trauma. Das würde einen Grad an Gewahrsein erfordern, den sie nicht hat und auch nicht haben kann.

Denn frühkindliche Traumata gelangen nicht bis in die bewusste Erinnerung. Wird ein Kind in früher Kindheit traumatisiert, so wird der Teil der Persönlichkeit, der dieses Trauma durchlebt hat, abgespalten und ohne Erinnerung eingefroren.

Diese traumatisierten Anteile sind nicht bewusst, sie sind weder erinnerbar, noch durch den Verstand zugänglich. Sobald sie angetriggert werden, befindet sich der Mensch auch im Erwachsenenalter subjektiv empfunden in Lebensgefahr. Erwähnenswert ist, dass Trigger nicht immer nur von außen kommen müssen. Etwa 20% der Trigger kommen durch den eigenen Körper. Hierfür kann ein Muskelzucken genügen.

Im Eingangsbeispiel wurde Lara angetriggert. Obwohl objektiv nichts passiert, gerät sie durch diesen Mechanismus „nur“ aufgrund eines Triggers in einen subjektiv empfundenen Zustand der Lebensgefahr.

Sie hat in diesem Moment keine Möglichkeit herauszufinden, was wirklich in ihr passiert und weshalb sie so reagiert. Sie sucht mit dem Verstand nach der möglichen Gefahr, aber sie kann sie nicht orten. Sie weiß nicht, wodurch das schreckliche Gefühl verursacht wird.

Der Verstand bietet ihr an, dass es wohl der fehlende Anruf sein muss, der fehlende Anruf kann es aber doch allein nicht sein. Da muss dann etwas dahinter stecken um das schreckliche Gefühl zu erklären. So findet sie weiterführend Erklärungen in vorgestellten schrecklichen Situationen, z. B. dass er ihr fremdgehen könnte oder sie verlassen könnte.

All diese Erklärungen sind aber nicht real, sind sie letztlich nur eine Hilfskonstruktion ihres Verstandes, der in dieser Notsituation nicht richtig arbeitet.

All das ist nur ein automatisiert ablaufender Versuch, über Mobilisation (Fight/Flight) dem schrecklichen Gefühl des Freeze zu entrinnen, durch letztlich blindes Handeln.

Traumatisierte Menschen haben ein physisch(!) anderes Nervensystem als nicht traumatisierte Menschen. Gehirnareale haben andere Größen, sind anders verknüpft und haben einen anderen Aktivierungsgrad, usw.

Menschen mit Entwicklungstrauma haben ein Nervensystem, was sich auf der Grundlage ständiger Lebensbedrohung entwickelt hat. Das Leiden ist erst dann zu Ende, wenn der Neokortex die fragmentierten Erlebnisanteile zu einer kohärenten Geschichte in Zeit und Raum abgelegt hat.

Das bedeutet, eine physiologische(!) Änderung im Gehirn und Nervensystem. Erst jetzt hat das autonome Nervensystem realisiert, dass die Gefahr vorüber ist. Erst jetzt ist das autonome Nervensystem wieder im Hier und Jetzt angekommen. Vorher lebte es quasi ununterbrochen in der traumatischen Situation weiter.

Auch wenn der Verstand erkannt hat, dass es vorbei ist, nutzt es nichts, solange der Rest des Nervensystems das nicht glaubt!

Gopal Norbert Klein

Noch einmal: Es handelt es sich bei der Borderline-Störung um eine komplexe Traumafolgestörung.

Ein Mensch der an eine Borderline Störung leidet, kann diese Zustände nicht regulieren und kann nicht unterscheiden, wann die Gefahr real ist und wann nicht.

Schwierigkeiten in der Regulation für einen Borderliner

Regulation für einen Borderliner
Bigstock I Copyright: Jackie Niam

Ein Borderliner gelangt schon gar nicht so gut und einfach in den Zustand der Sicherheit und Entspannung wie ein Mensch, der nicht schwer traumatisiert ist. Borderliner leben in einer ständigen Dysregulation. Das Nervensystem traumatisierter Menschen ist ständig auf der Hut.

Schon kleinste Trigger können sie in einen Zustand des Fight/Flight, oder schlimmer noch, des Freeze versetzen. Aus dieser hohen Vulnerabilität resultieren die impulsiven Reaktionen, die in der jeweiligen Situation nicht passend sind. Borderliner geraten ganz schnell in Ausnahmezustände, und sie können es nicht steuern.

Auch die Regulation nach einem Gefahrenmoment fällt einem Borderliner schwerer, als einem nicht schwer traumatisierten Menschen. Ein Mensch der nicht schwer traumatisiert ist, kann sich schnell wieder regulieren, nachdem die Gefahr vorbei ist.

Einem Menschen mit Borderline gelingt es nicht. Er kann sich nicht einfach regulieren. Er muss über Fight / Flight zurück in den Zustand der Sicherheit kommen. Das kann mehrere Tage dauern, unter Umständen je nach Schweregrad der Störung und Handlungsmöglichkeiten auch noch sehr viel länger.

Entsprechend passiert sehr oft, dass Borderliner schnelle Entscheidungen aus dem Freeze-Zustand, der (vermeintlichen) Notsituation treffen und es dann nach ein paar Tagen oder Wochen bereuen.

In diesem Freeze-Zustand werden auch Dinge gesagt, die für den Partner nicht erklärlich sind und seine Welt einstürzen lassen, letztlich aber mit der Beziehung zum Partner weniger zu tun haben, als mit dem Freeze-Zustand. Äußerungen wie „Ich fühle nichts mehr.“ Oder „Ich weiß nicht, was ich noch empfinde.“ sind Ausdruck der momentanen emotional aufgewühlten Situation, in welcher der Borderliner keinen Zugang mehr zu seinen normalen Gefühlen hat.

Die normalen Gefühle bzw. die Verbindung zum Partner sind in der Notsituation, die auf Überleben programmiert ist, nicht mehr zugänglich. Auch Trennungswünsche sind so zu verstehen, dass der Borderliner in seiner Not nur dem Freeze-Zustand entkommen will aufgrund seiner Unerträglichkeit, nicht aber dem Partner.

Wie bereits erwähnt, kommen Borderliner nicht gut in den Zustand der Sicherheit und Entspannung. Ruhe und Entspannung sehnen sie schmerzhaft herbei, schaffen es aber nicht, dort hinzukommen. Sie ertragen Ruhe und Entspannung kaum.

Das liegt daran, dass viele Anteile der Persönlichkeit eines Borderliners aufgrund frühkindlicher Traumata eingefroren bleiben, d.h. sind dauerhaft im Freeze-Zustand und nicht bewusst zugänglich. Das Gefühl des Freeze ist unterschwellig immer vorhanden. Und Ruhe bzw. Entspannung sind dem Freeze – der Lähmung in der Hilflosigkeit – verdächtig ähnlich.

Das Perfide ist, dass das autonome Nervensystem selbst erst einmal nicht unterscheidet, ob Ruhe bzw. Entspannung oder Freeze vorliegen, mit anderen Worten Sicherheit oder Lebensgefahr. Der ventrale Vagus sorgt für die Entspannung und Sicherheit und der Dorsale Vagus sorgt für den Freeze-Zustand.

Beide Zustände sind parasympathisch, weshalb das autonome Nervensystem nur schwer den einen von dem anderen Zustand unterscheiden kann. Für das autonome Nervensystem sehen daher Ruhe bzw. Entspannung und Lebensgefahr ähnlich aus und werden von traumatisierten Menschen gleichermaßen als unerträglich empfunden.

So erklärt sich auch, warum die meisten Borderliner schwer zu Ruhe kommen: Das autonome Nervensystem unterscheidet nicht zwischen Entspannung und Freeze (Lebensbedrohung) und sobald der Körper zu Ruhe kommt, meldet das System Lebensgefahr. Das wird nicht bewusst, es wird lediglich als undefinierbares schlechtes Gefühl empfunden.

So versucht ein Borderliner vielleicht, Entspannung durch Liegen dem Sofa zu erhalten, er fühlt sich hierdurch aber dem Tod näher als dem Leben. Normale Entspannungsmechanismen funktionieren nicht. So kommt es auch zu Schlafstörungen.

Viele Borderliner und andere früh traumatisierte Menschen versuchen sich daher instinktiv durch Alkohol oder andere Substanzen zu regulieren, um den Körper in einen Ruhestand zu bringen, ohne dabei ein Gefühl von Gefahr zu erleben.

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Versuche der Selbstregulation von Borderlinern

Weil das Gefühl des Freeze unterschwellig immer vorhanden ist, suchen Borderliner ständig nach Mobilisation, auch um durch Vollendung der traumatischen Situation Heilung durch Sicherheit zu erfahren. Das ist kein bewusster Prozess.

Es führt zur Reinszenierungen (Wiederholungszwang) und wenn die Reinszenierungen misslingen, zur Retraumatisierung. Es ist eine zwanghafte Suche nach Sicherheit gepaart mit einem zwanghaften Drang nach Mobilisation (Fight/Flight).

Die Reinszenierung erklärt, weshalb einige Borderliner, die als Kind sexuell missbraucht wurden, im Erwachsenalter ihren Körper verkaufen. Hier wird die durch Sexualität ähnliche Situation genutzt, um Sicherheit zu erfahren.

Das kann gut gehen unter guten Rahmenbedingungen, dann ist es „nur“ eine Reinszenierung. Es kann aber auch katastrophal scheitern und zur Retraumatisierung führen, wenn etwa eben diese Borderliner in Machtstrukturen geraten, die mit Unterwerfung mittels Gewalt arbeiten.

Alle Beziehungsversuche von Borderlinern sind geprägt von dieser tiefen Sehnsucht nach Sicherheit. Auch in den Beziehungen kann es durch die Partnerauswahl oder eigene Verhaltensmuster zu Reinszenierungen und, wenn diese misslingen, auch zur Retraumatisierung kommen.

 „Menschen erleben diesen Erstarrungszustand als hilfloses Entsetzen und Panik. Dieser Zustand der Abschaltung und Gelähmtheit sollte eigentlich ein vorübergehender sein. Ein wildes Tier mit dieser akuten körperlichen Schockreaktion wird entweder gefressen oder nimmt, falls es verschont wird, sein Leben wieder da auf, wo es durch diese Begegnung mit dem Tod unterbrochen wurde.

Dieses Erlebnis schadet ihm nicht, sondern macht es womöglich sogar klüger. Fortan ist es bei ähnlichen Bedrohungen und damit für frühe Anzeichen von Gefahr wachsamer (nicht zu verwechseln mit hyperwachsam). Ein Reh beispielsweise kann nun bestimmte Felsvorsprünge meiden, nachdem es dem Angriff eines dort lauernden Berglöwen entkommen ist.

Menschen hingegen verharren nach einer Bedrohung, die mit überwältigender Angst oder Entsetzen verbunden war, in einer Art Schwebezustand und lassen sich nicht wieder vollständig auf das Leben ein.

Außerdem haben sie die Tendenz, in Situationen zu erstarren, in denen eine nicht traumatisierte Person lediglich Gefahr wittert oder sogar einen gewissen Abenteuergeist verspürt. Statt die letzte verzweifelte Reaktion auf Bedrohungen zu sein, wird diese Lähmung zur »Standardreaktion« auf ein ganzes Spektrum an Situationen, in denen die eigenen Gefühle in Aufruhr geraten…“

Dr. Peter Levine

In die Suche nach Sicherheit geht eine unerschöpfliche Energie, weil Sicherheit so wichtig ist. Fight / Flight hat viele Gesichter. Um dem Freeze zu entkommen, sind im Rahmen von Fight / Flight aggressives Verhalten, Impulsdurchbrüche oder Flucht, Substanzmissbrauch, „release“ in der Sexualität, Suizidalität und Selbstverletzung oder Hochrisikoverhalten nur Beispiele.

Das Nervensystem entwickelt mit eben jener unerschöpflichen Energie Methoden, um zu überleben. Auch ständiger Aktionismus oder permanentes Arbeiten an der Belastungsgrenze kann zu den Bewältigungsmechanismen gehören.

Versuche der Selbstregulation von Borderlinern in Beziehungen

In Beziehungen ist das Nervensystem in permanenter Kompensationsarbeit inbegriffen. Echte Nähe schafft massive Ängste, sie wird von einem Borderliner als nicht sicher wahrgenommen, sie wird häufig boykottiert durch Dramen und Streitigkeiten um „nichts“, so nimmt es der Partner wahr.

 „Sie wissen zwar nicht warum, aber die Neurozeption Ihres Körpers hat soeben erklärt: „Das ist ein Raubtier oder ein Mensch, bei dem ich mich nicht sicher fühle.“ Anschließend entwickeln Sie eine persönliche Erzählung, die dem, was Sie physisch empfunden haben, entspricht.“

Stephen W. Porges

Leben Borderliner Beziehungen ohne bzw. mit wenig Nähe, vermisst das autonome Nervensystem hingegen die Nähe und die Sicherheit. Es strebt dann dahin, dies zu kompensieren und Nähe zu schaffen. Es wird all das unternommen in einer aktionistischen Weise, was dazu dient, zumindest eine scheinbare Nähe für den Moment zu erreichen, zumindest eine Pseudo-Verbindung herzustellen.

Diese scheinbare Nähe kann zum Beispiel durch übermäßige Liebesbekundungen oder exzessive Sexualität hergestellt werden. Die Sehnsucht nach Nähe und Sicherheit bleibt aber bestehen.

Borderline-Störung als chronische Angsterkrankung

Borderline-Störung als chronische Angsterkrankung
Bigstock I Copyright: Krakenimages.com

Zugleich ist die Borderlineerkrankung wegen des unterschwelligen Gefühls des lebensbedrohlichen Freeze auch eine chronische Angsterkrankung. Viele Situationen im Leben eines Borderliners sind oft hochgradig angstbesetzt, denn in den traumaauslösenden, oft nicht erinnerbaren Situationen hat das Kind starke Angst und/oder Schmerz empfunden.

Die Ängste müssen nicht immer bewusst verspürt werden, eine unterschwellige Unruhe ist oft die einzige Form, wie sie überhaupt spürbar werden. Manchmal zeigt sich die Angst auch in Panikattacken oder im Schweigen. Auch kleine körperliche Reaktionen als Trigger können den Freeze-Zustand wieder akut werden lassen. Borderliner sind in ihrem Körper nicht sicher.

Die Lösung ist das Ziel, sie läge in einer Immobilisation ohne Angst, sie läge in Ruhe und Entspannung in der Sicherheit. Aber genau dies ist für Borderliner oder andere Menschen mit frühen Traumata nicht ohne weiteres zu erreichen. Therapie ist ein wichtiges Hilfsmittel auf dem Weg dorthin.

Zurück zu Lara

Im Ausgangsbeispiel befindet sich Lara zunächst aufgrund eines Triggers in einem subjektiv empfundenen Zustand der Lebensgefahr. Der Verstand sagt ihr nicht, wo diese Gefahr herkommt, sie existiert ja auch nicht im Hier und Jetzt. Der Verstand bietet ihr nur Hilfskonstruktionen an, unzureichende Erklärungsmodelle.

Der erste Anruf war noch situationsangemessen. Als er nicht beantwortet wurde, wurde der Freeze getriggert, das schreckliche Gefühl.

Alle Kommunikationsversuche mit Sven nach Eintreten des Freeze scheitern. Sie sind bei Lichte betrachtet Aktionismus im Rahmen von Fight / Flight. Lara möchte den Freeze auflösen durch Beziehung, Kontakt, Bindung. Das klappt aber nicht mehr. Laras Kommunikationsstrategien sind nicht geeignet, diesen Kontakt herzustellen.

Lara selbst sagt dazu, sie habe Sven erklären wollen, wie sie sich fühlt. Tatsächlich aber ist ihr das nicht gelungen. Sie hat ihn stattdessen angeschrien und beleidigt. In ihrer Wahrnehmung aber ist es anders: Durch das Schreien versucht sie, Sven zu erklären, wie sie sich fühlt. Das ist ein Mittel projektiver Identifikation.

Ein Bindungsschrei. Indem sie schreit (wie ein Baby) erwartet sie, dass Sven versteht, wie sie sich fühlt und entsprechend reagiert, z. B. durch Beruhigen und versichern, dass alles gut ist und es keine andere gibt und er nur arbeiten muss.

Das Nervensystem arbeitet auf dem Prinzip „Show, don´t tell,“. Lara möchte Sven vermitteln, wie sie sich fühlt, so dass er ihren Zustand verstehen und darauf reagieren kann (wenn ein Baby schreit, reagiert die Mutter im Idealfall und beruhigt das Baby). Sie weiß in dem Moment schlicht nicht, dass sie ihn tatsächlich beschimpft und ablehnt.

Weil er aber angeschrien wird und sich hierdurch zu Unrecht angegriffen fühlt, geht er auf Distanz.

In der Konsequenz fühlen sich beide unverstanden.

Indem Sven Lara blockiert, um sich zu schützen, kommt Lara in die Reinszenierung und ein altes Kindheitstrauma wiederholt sich. Lara fühlt sich abgelehnt in einer Wucht, die für sie existenzbedrohlich ist, die sie in den Freeze katapultiert.

Empathie ist in diesem Moment nicht möglich, sie hat keine Ressourcen dafür, sich einzufühlen, wie es wohl Sven damit geht. Sie ist in dieser Situation nicht wirklich ansprechbar oder für sinnhafte Kommunikation empfänglich. Hierzu muss sie erst aus dem subjektiven Zustand der Lebensgefahr herauskommen.

Sicherheit als Baby durch Co-Regulation

Borderline Baby Mutter
Bigstock I Copyright: alexandr_1958

Das Grundbedürfnis, wenn wir in diese Welt treten, ist Sicherheit. Diese erfährt ein Baby durch Co-Regulation mit seiner primären Bezugsperson, in der Regel der Mutter. Im Folgenden wird anstelle von primärer Bezugsperson von Mutter gesprochen, da dies den Text lesbar machen soll. Es kann aber auch ein Vater oder ein Dritter diese primäre Bezugsperson sein.

Baby und Mutter sind durch reziproke (gegenseitige) Co-Regulation miteinander verbunden. Das Baby wendet sich naturgemäß seiner Mutter zu, diese reagiert darauf durch die sogenannte markierte Spiegelung: „Ich fühle mit Dir aber ich fühle nicht das gleiche wie du.“ (P. Fonagy). Die Emotionen der beiden und wirken aufeinander ein. Sie erzeugen gemeinsam einen körperlichen und psychischen Zustand.

Es geht nicht darum, dass die Mutter das spiegelt, was das Kind fühlt. Das wäre nicht gut: Wenn das Kind Angst hat und die Mutter diese Angst spiegelt, wird das Kind ängstlich. Die Mutter spiegelt dem Kind aber im Idealfall, dass sie wahrnimmt, dass das Kind Angst hat und das Kind in dieser Angst annimmt, und dass sie Sicherheit bietet.

Das reife Nervensystem der Mutter synchronisiert sich hier mit dem unreifen Nervensystem des Babys. Es hilft dem unreifen Nervensystem, sich zu entwickeln. So lernt das Nervensystem des Babys den Übergang von Angst (Gefahr) zur Ruhe und Entspannung (Sicherheit). Es wird hier der ventrale Vagus bzw. die vagale Bremse aktiviert und trainiert. Das ist wichtig für die spätere Fähigkeit zur Selbstregulation.

In jeder Mutter-Baby Beziehung gibt es auch Momente des Beziehungsabbruchs. Dies passiert etwa dann, wenn sich die Mutter vom Baby abwendet, um zu telefonieren oder etwas Anderes zu erledigen. Das Baby spürt in diesen Momenten den Verlust der Verbindung und reagiert auch darauf. Instinktiv weint es oder streckt die Arme in Richtung der Mutter aus.

Eine regulierte und eingestimmte Mutter bemerkt dies und stellt die Verbindung zu dem Baby wieder her. Durch diese interaktive Regulation erfährt das Baby wieder Sicherheit. Babys sind existentiell angewiesen auf diese Sicherheit durch die primäre Bezugsperson. Sie brauchen diese Co-Regulation, um zu überleben. Auch langfristig ist Sicherheit durch Co-Regulation für ein Baby wichtig, weil es dadurch auch Selbstregulation lernt.

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Verursachung eines Entwicklungstraumas durch unzureichende Co-Regulation

Es gibt aber nun auch Mütter, die nicht so gut darin sind, auf diese Signale des Babys zu reagieren. Anstatt instinktiv wohlwollend und sicherheitsgebend zu reagieren, reagieren sie nicht adäquat. Eine nicht angemessene Reaktion liegt etwas im Ignorieren des Bindungsverlangens, oder in aggressiven Reaktionen auf das als störend empfundene Weinen.

Das kann etwa dann der Fall sein, wenn eine Mutter selbst dysreguliert ist, z. B. aufgrund einer aktuellen Stresssituation. Eine Mutter kann aber auch chronisch dysreguliert sein. Sie hat dann die Fähigkeiten nicht, oder nur eingeschränkt, um Sicherheit durch Co-Regulation zu vermitteln und wird dann immer wieder nicht adäquat reagieren.

Wenn die Mutter im Moment des Beziehungsabbruchs die Beziehung nicht wiederherstellt, ist das zunächst kein größeres Problem, wenn es nur vereinzelt geschieht. Wiederholen sich die Beziehungsabbrüche aber immer wieder, so entwickelt das Baby eine negative Erwartung bezüglich zukünftiger Interaktionen. Es erwartet dann, z. B. alleingelassen oder zurückgewiesen zu werden, oder gar misshandelt zu werden.

Es leidet zudem auch die Fähigkeit des Babys zur Co-Regulation, d.h. selbst dann, wenn die Mutter versucht, die Beziehung wiederherzustellen, kann das Baby hierdurch nicht mehr ausreichend Sicherheit erlangen.

Hierdurch wird bei auch ansonsten fehlenden Ressourcen ein Entwicklungstrauma verursacht. Wenn die Mutter nicht adäquat reagiert, spürt ein Baby den Verlust der Bindung als existentiell und je nach Dauer oder Intensität als lebensbedrohlich. Das autonome Nervensystem des Babys wird dann in einen Schutzmodus versetzt, das Überleben des Babys hängt dann von der Selbstregulation ab, zu der es noch nicht fähig ist.

Das Baby kann nicht selbst für sein Überleben sorgen. Wenn ein Baby emotionalen Missbrauch oder Vernachlässigung erfährt, befindet sich das autonome Nervensystem des Kindes in einem Zustand der „Konservierung“, bei welchem innerhalb des Systems nicht genug Energie aktiv ist, als dass Regulation möglich wäre. Das ist nichts Anderes als der Freeze-Zustand.

Diese frühe Erfahrung passiert vor dem Denken, der Konflikt bleibt ungelöst. Die Sehnsucht nach Co-Regulation aber bleibt bestehen.

Die Bindungsmuster etablieren sich in den ersten 12 bis 18 Monaten. Das ist lange, bevor unsere Sprachfähigkeit und die bewusste Erinnerung entwickelt ist. Was erlebt wurde, ist tief eingemeißelt in unsere Erfahrungserinnerung. Bewusst kann es nicht erinnert werden. Durch Trigger wird es immer wieder erlebt. Warum die Reaktionen so sind, ist aber nicht bewusst und kann daher von den Betroffenen nicht erklärt werden.

Das autonome Nervensystem wird durch derartige Bindungstraumata nachhaltig verändert. Das autonome Nervensystem entwickelt in den ersten Lebensjahren Methoden und Strategien um zu überleben.

Hier aber ist die Verbindung, die durch die Regulation entstehen sollte, nicht entstanden. Deshalb entwickelt das autonome Nervensystem Ersatzvorgänge, um zumindest eine Peudo-Verbindungen herzustellen und ist fortan immer auf der Suche nach Sicherheit.

Viele beschreiben das Gefühl als eine tiefe Sehnsucht danach, „nach Hause“ zu kommen. Sich verbunden zu fühlen. Oder die geliebte Person wird als „Zuhause“ beschrieben.

Entstehen einer Borderline-Störung nach Entwicklungstrauma

Borderline Kindheit
Bigstock I Copyright: motortion

Eine Borderline-Störung kann entstehen, wenn ein Kind in früher Kindheit keine oder nicht ausreichend Sicherheit in der Bindung mit der Primärperson erfahren hat. Diese Kinder erfahren die Welt so, dass sie niemanden haben, an den sie sich wenden können und keinen sicheren Ort, der ihnen Schutz bietet oder an dem sie sich verbergen können.

Sie erleben eigene überwältigende Emotionen oder Gewalt durch ihre Bezugspersonen oder durch Dritte. Sie versuchen damit klarzukommen, indem sie erstarren, dissoziieren (Freeze) und sich anpassen an die Versorger, oder indem sie sich verzweifelt anklammern an jeden, der ihnen Hilfe anbietet.

Fight oder Flight funktioniert bei Babys und Kleinkindern nicht. Dafür sind sie zu klein. Sie verfügen über die Möglichkeit einer Reaktion des Sympathikus (Schreien), aber Fight/Flight-Möglichkeiten haben sie nicht. Ihr Körper geht in den Freeze, in einen Energiesparmodus durch Rückzug.

Das bleibt dann als chronischer Abwehrmechanismus auch in erwachenem Alter. Auch im Erwachsenenalter zieht sich dann der traumatisierte Mensch nach innen zurück, wo er im schrecklichen Gefühl des Freeze in all seinen Schattierungen gefangen ist. Und wie vorher beschrieben, muss er dann über Fight / Flight linear zurückkommen, anders geht es nicht.

Zurück zu Lara

Beispiel: Lara und Sven sitzen abends in einem Restaurant. Alles scheint gut und harmonisch zu laufen und auf einmal und ohne ersichtlichen Grund versteinert Lara. Ihr Gesicht ist unbeweglich, die Augenringmuskeln gelähmt, der Blick unbewegt. Ihre Stimme wird anders. Lara ist von jetzt auf gleich in Freeze Modus.

Aus dem vorherstehenden Ausführungen wissen wir, dass Laras traumatisiertes Nervensystem Gefahr gemeldet haben muss. Wir wissen auch, dass ihre Neurozeption ständig auf der Suche nach Gefahr ist, immer auf der Hut.

Was aber ist objektiv passiert? Sven hat seinen Blick für einige Sekunden woanders hingerichtet. Mehr ist objektiv nicht passiert. In Lara aber geschieht subjektiv folgendes: Sie fühlt sich schlagartig verlassen, die Verbindung zu Sven ist für sie ohne Vorwarnung abgebrochen.

Sie ist aus der Verbindung herauskatapultiert worden und ihr Körper befindet sich in Gefahr. Sie friert ein. In den Moment ist sie nicht mehr ansprechbar. Nach außen hin ist das Entsetzen, das sich gerade in ihr ausbreitet, nicht sichtbar. Sie wirkt eher kalt und abgeklärt.

Der Weg zurück in einen sicheren Zustand wird auch hier über Flight / Fight gehen. Ihr Verstand arbeitet schon auf Hochtouren. Die kurze Blickabwendung kann das schreckliche Gefühl nicht ausgelöst haben, also fügt der Verstand die Puzzlestücke zusammen, bis sich eine zusammenhängende, plausible Geschichte ergibt.

In Kürze wird Lara Sven vorwerfen, andere Frauen angestarrt zu haben, weil der der Grundgedanke ist, der ihr in diesen Situationen immer kommt. Diese Hilfskonstruktion wird, wie immer, falsch sein.

Lara kann selbst aus den normalen Alltagsreaktionen von Sven nicht mit hinlänglicher Gewissheit erkennen, dass sie geliebt wird und die Verbindung sicher ist.

„Bei derjenigen, die sich nicht daran erinnern können, dass sie sich in ihrer Kindheit jemals geliebt und sicher gefühlt hatten, haben sich im Gehirn die Rezeptoren, die auf menschliche Güte ansprechen, möglicherweise gar nicht erst entwickelt.“

Bessel van der Kolk

Durch diese Erkenntnisse kann man die bis jetzt als irrational bewertete Verhaltensweisen aus einem anderen Blickwinkel betrachten und anders verstehen.

Sicherheit / Sozial Engagement Zustand / Parasympathikus / Ventraler Vagus

Der dritte Zustand, den Dr. Dan Siegel „Window of tolerance“ nennt, ist ein Zustand der Sicherheit.

Wenn wir uns in diesem Zustand befinden, schlägt unser Herz regelmäßig, wir atmen tief und voll. Wir fühlen uns sicher im Kontakt mit anderen Menschen, wir können vertrauen und uns verbunden fühlen. Wir sind aktiv, interessiert, strukturiert und die Welt ist sicher und friedlich. Wir fühlen uns in unserem Körper sicher.

„Verbundenheit ist ein biologischer Imperativ“

Stephen W. Porges

Ein Mensch, der sich gesund entwickelt hat, kann sich in oder nach einer Stresssituation sehr schnell wieder regulieren. Die drei Teilbereiche seines Gehirns Stammhirn, Zwischenhirn und kortikaler Bereich haben sich synchron entwickelt. Er hat ein großes Toleranzfenster („Window of tolerance“, Dan Siegel) bzw. eine gut entwickelte „vagale Bremse“ (Stephen W. Porges).

Wir alle geraten täglich durch äußere Reize in kleinere Stresssituationen. Für unser Wohlbefinden ist es wichtig, dass wir uns dann schnell wieder beruhigen.

Beispiel: Sie fahren Auto, die Musik läuft leise im Hintergrund und Ihre Laune ist gut. Ihr autonomes Nervensystem wiegt Sie in Sicherheit. Auf einmal hören Sie eine Sirene im Hintergrund. Sofort meldet Ihr autonomes Nervensystem Gefahr, Sie sind wachsam, schauen um sich, versuchen die Sirene zu orten.

Ihr Körper befindet sich in diesem Moment in einem Zustand der Gefahr. Wenn sie das Polizeiauto sehen, und ihm Platz machen und es an ihnen vorbeifährt, ist es auch schon vorbei. Sie können sich schnell wieder regulieren, weil Sie realisieren, dass die Gefahr keine reale Gefahr war.

Kleinere Stressreize treten in der Regel mehrfach am Tag auf. Unter normalen Umständen beruhigt man sich schnell wieder. Man reguliert sich selbst. Das könnte man als eine „Top-Down-Reaktion“ beschreiben.

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Impulsive Reaktionen auf Stressreize aufgrund körperlicher Gegebenheiten

Borderline Stress
Bigstock I Copyright: Maridav

Borderliner reagieren eher als nichttraumatisierte Menschen „Bottom-Up“, weil sich das Gehirn wegen früher Überladung nicht so entwickeln konnte, wie bei anderen Menschen. Sie reagieren „aus dem Bauch heraus“.

Bottom-Up: Jeder einschießende Impuls, Affekt, jedes einschießende Körpergefühl bestimmt, was der Mensch denkt.
Bei Angst: Es gibt existenzielle Not, raus hier!
Bei Wut: Ich muss um mein Leben kämpfen.
Bei Trauer: Nichts hilft, es ist alles zu spät, ich gebe auf.
Etc.

Top-Down: Einschießende Impulse, Affekte, Körpergefühle werden moduliert: Das ist von früher, nicht von heute. Ich kann später darauf eingehen, bemerke es aber. Es könnte die oder die Ursache haben.
Bei Angst: Etwas macht mir Angst, was könnte das sein? Ist es wirklich so schlimm?

Bei Wut: Wie kann ich die angemessen äußern?
Bei Trauer: Ist das angemessene Trauer oder zu viel? Sollte ich mich ablenken?

Michaela Huber

Bei Borderlinern hat sich insbesondere die Amygdala nicht richtig entwickeln können. Die Amygdala ist Teil des limbischen Systems, des „emotionalen Gehirns“. Sie ist messbar kleiner bei Menschen mit einer Borderline-Störung im Vergleich zu Menschen ohne Borderline-Störung, und zwar um immerhin etwa 16%. Sie wird bereits durch Alltagsituationen überladen. Es besteht eine erhöhte Sensibilität für äußere Reize.

Es führt auch dazu, dass Impulse einfach durchschießen. Normalerweise erfolgt für Stressreize eine automatische Verbindung zu früheren Erfahrungen im Gehirn, es erfolgt eine Filterung, indem automatisch Bezugspunkte zu früher Erlebten hergestellt wird und so schon Entwarnung gegeben wird, bevor der Stressreiz überhaupt als solcher wahrgenommen wird. Bei Borderlinern funktioniert genau das nicht richtig. Stressreize kommen ungefiltert als Gefahrhinweise an.

So werden zum Beispiel von gesunden Menschen ungefährliche Geräusche oft gar nicht erst wahrgenommen, sie werden gewissermaßen herausgefiltert. Das sieht für einen Borderliner oft ganz anders aus. Geräusche kommen selbst dann, wenn sie im Hier und Heute nicht gefährlich sind, oft als Gefahrmoment in der Wahnehmung an. Hierbei ist nicht jedes Geräusch für jeden Borderliner gleich.

Beispiel: Lara liegt in ihrer Erdgeschosswohnung auf der Couch und sieht Fernsehen. Sie hört, dass die Nachbarn oben herumlaufen. Ihr Magen zieht sich schmerzhaft zusammen. Jeder Fußtritt auf dem Boden in der Wohnung darüber fühlt sich an wie ein Tritt in ihren Bauch.

So sind Fußtritte auf einer Treppe oder im Geschoss darüber etwas, was jemand, der in einem Haus mit anderen Menschen wohnt, in der Regel gar nicht mehr registriert.

Für einen Borderliner aber setzt dies möglicherweise jedes Mal einen Stressreiz – selbst dann, wenn ihm bewusst völlig klar ist, dass keine Gefahr vom Fußtritt ausgeht, dass das Hier und Jetzt sicher ist. Die Neurozeption meldet Gefahr aus Gründen, die nicht bewusst erinnert werden.

Es kann in der Kürze der Zeit keine Verbindung hergestellt werden zu bisherigen bewusst erinnerbaren Erfahrungen, die zeigen könnten, dass Fußtritte ungefährlich sind.

Der Impuls schießt durch. Es erfolgt eine Adrenalinausschüttung im Körper, mit der Folge Fight / Flight. Dann wird z. B. mit dem Nachbarn geschimpft, obwohl dieser nur ein normales Wohngeräusch gemacht hat. Oder man betrinkt sich, um die Wohnsituation ertragen zu können.

Es kann hier um jegliche Art von Stressreiz gehen. Es ist auch sehr unterschiedlich, wie Borderliner einzelne Stressreize empfinden. Die Gründe dafür sind letztlich ohne Belang. Es wäre z. B. denkbar, dass im Damals auf die Geräusche von Fußtritten alsbald eine Bestrafung folgte, darauf kommt es aber nicht entscheidend an.

Es geht im Jetzt und Hier darum, dass ein Geräusch von der Neurozeption „gefährlich“ gemeldet wird, und dass die Reaktion sofort, unmittelbar und schon auf körperlicher Ebene ohne Filtermöglichkeit erfolgt. Es erfolgt eine in Bezug auf den auslösenden Reiz unverhältnismäßige emotionale Reaktion.

Diese Art unkontrollierbarer emotionaler Reaktion wird als „Amygdala-Hijack“ beschrieben. Der Psychologe Daniel Goleman hat diesen Begriff geprägt.

„Man muss bedenken, dass der Reiz das Gefährt der Emotion ist und dass der Ursprung jedes Impulses ein weitgreifendes Gefühl ist, das während der Handlung ausgedrückt werden will.“

Daniel Goleman

Der Amygdala-Hijack ist eine sofortige und in Bezug auf den Reiz, der ihn ausgelöst hat, unverhältnismäßige emotionale Reaktion, weil dieser als eine Bedrohung hinsichtlich der Integrität wahrgenommen wird.

Mangelnde Wirksamkeit rein kognitiver therapeutischer Ansätze

Das ist der Grund, warum viele therapeutische Top-down-Ansätze leider nicht funktionieren. Traumata, die „vor dem Denken“ passiert sind, sind meistens nicht erinnerbar. Die sich wiederholenden Reaktionen aufgrund dieser Traumata im erwachsenen Alter sind durch und mit dem Verstand nicht regulierbar.

Denn das Trauma befindet sich im Körper und nicht in den Kopf. Deshalb sind die Bottom-Up Ansätze bzw. eine Kombination von Top-down und Bottom-up viel effektiver.

 „Ist Ihnen klar was in den meisten Therapien tatsächlich geschieht?

Häufig vermitteln sie den Klienten, ihr Körper verhalte sich nicht, wie er eigentlich sollte, und sie sollten anders sein als sie sind. Sie müssten sich verändern. Eine Therapie wirkt also schon an und für sich sehr wertend auf Klienten. Und durch Wertungen und Urteile werden wir in einen defensiven Zustand versetzt und somit aus dem Zustand, in den wir uns sicher fühlen, herausgerissen.“

Stephen W. Porges / Polyvagal-Theorie

„Immobilität und Übererregtheit sind Antworten des Organismus auf Bedrohungen und anhaltenden Stress. Sie werden aktiviert, wenn ein Individuum eine Gefahr (bei Angriff oder Flucht) oder ein drohendes Verhängnis (verbunden mit Immobilität) wahrnimmt – ganz gleich, wie die äußere Situation tatsächlich aussieht.

Das menschliche Nervensystem unterscheidet nicht ohne Weiteres zwischen einer potenziellen äußeren Gefahrenquelle wie einem plötzlich auftauchenden Schatten und dem inneren Schmerz über eine Situation, die längst Vergangenheit ist.

Wird der Schmerz innerlich ausgelöst (durch Muskeln und innere Organe), empfindet das betroffene Individuum den zwanghaften Drang, die Quelle der Bedrohung zu lokalisieren oder (sollte das nicht möglich sein) eine solche zu konstruieren, um sich selbst klarzumachen, dass eine erkennbare Gefahrenquelle existiert.“

Dr. Peter Levine

Hilfestellung für den Partner eines Borderliners

Sicher fragen sich Partner von Borderlinern, wie sie mit den plötzlichen Reaktionen ihres oder ihrer Liebsten umgehen können, und was sie generell tun können.

Aus meiner langjährigen Erfahrung als Beraterin und Therapeutin heraus würde ich sagen, dass Verständnis am Anfang steht.

Es ist ganz wichtig, zu verstehen, wie das Nervensystem funktioniert, und dass die als unvorhersehbar anmutenden Verhaltensweisen nicht nur mit dem Hier und Jetzt zu tun haben, sondern mit dem Damals, ohne dass dieses näher beschrieben werden müsste.

Erst dieses Verständnis ermöglicht es dem Partner, sich nicht persönlich angegriffen zu fühlen.

Dieses Verständnis eröffnet auch sonst neue Möglichkeiten für den Partner, mit seinem Borderliner zu interagieren, z. B. diesem Sicherheit zu geben, auch und gerade wenn er selbst nichts dafür kann, dass diese Sicherheit gerade nicht da ist.

Es ermöglicht dem Partner auch, die Bedrohungsszenarien, die sein Borderliner gerade in seiner Welt durchlebt, nicht durch defensives Verhalten (z. B. Rückzug) zu verstärken.

Die jeweils aktuelle Situation lässt sich eher auflösen durch die Rückversicherung, dass alles gut ist, dass der Partner den Borderliner liebt und dass es auch in Zukunft nichts zu befürchten gibt.

Es ist daher wichtig, dass sich der Partner über die Borderline-Störung informiert (Psychoedukation) und die Störung als gegeben akzeptiert.

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Unterscheidung zwischen realer Gefahr und gefühlter Gefahr als Herausforderung für Borderliner

Borderline Gefühle
Bigstock I Copyright: Tinnakorn

Es ist sicher nicht einfach für einen Borderliner zu lernen, sich zu regulieren.

Ich glaube, dass die große Herausforderung für einen Borderliner darin besteht, die reale von der gefühlten Gefahr (die längst vergangen ist) zu unterscheiden. Und das ist äußerst schwierig.

Denn wenn das Nervensystem Gefahr meldet, kann der Kopf auf Verstandesebene nicht unterscheiden ob das, was man denkt (Filme die gerade durch den Kopf gehen), dem entspricht, was real ist oder nicht. Das braucht viel Zeit und Übung.

Man kann sich so vorstellen: Man hat den Sensor einer Alarmanlage am Fenster (Amygdala), die gegen Einbrecher schützen soll. Sobald die Alarmanlage aktiviert ist und jemand das Fenster öffnet, geht der Alarm los. Man weiß dann, dass ein Einbrecher da ist.

Bei einem Borderliner ist die Alarmanlage daueraktiviert. Und der Alarm geht schon los, wenn ein Windhauch vorbeistreift, sich ein Schatten auf das Fenster legt, oder sich ein Grashalm bewegt. In den Moment ist der Borderliner bereits in einem Zustand der Gefahr – als ob es einen Einbrecher gäbe.

Die Gefahr ist für ihn real, der Verstand malt die schlimmsten Szenarien aus und es gibt keine Chance in den Moment, den Borderliner zu überzeugen, dass er sich tatsächlich in Sicherheit befindet. Wenn er sich wieder beruhigt, man kann ihm zeigen, dass es nur ein Grashalm war, aber dieser Alarmzustand verbindet sich mit dem Film, der währenddessen abgelaufen ist, und beim nächsten Mal geht es wieder von vorne los.

In Ausgangsbeispiel – Sven hat ist nicht ans Telefon gegangen und hat nicht zurückgerufen – spürt Lara die Gefahr, als wäre diese real. Die Emotion des Verlassenwerdens ist aus dem Damals, wirkt aber wie ein Scheinwerfer, der die Situation des Hier und Jetzt so beleuchtet, dass sie der beängstigenden Situation des Damals gleicht.

Nun wird auch die Situation aus dem Hier und Jetzt in den gleichen dunklen Farben gespeichert. Aus dieser neuen Situation aus dem Hier und Jetzt wird nun eine existentielle Verlassenserfahrung, und sie wird beim nächsten Trigger wieder hochkommen, als reale Erinnerung.

Jede gefühlte Verbindungunterbrechung wird immer wieder auf neu existenziell erlebt, und jede wird gespeichert. Auch kleine Augenblicke der Veränderung werden als existenzielle Gefahr erlebt. Die Neurozeption eines Borderlines reagiert auf jeden Reiz. Manchmal ist es genug wenn der Partner z. B. ein neues Wort in seinem Wortschatz zu haben scheint, um den Trigger für die Lawine auszulösen.

Der Körper des Borderliners befindet sich dann sofort im Überlebensmodus – in existentieller Gefahr – und im Kopf läuft das schlimmstmögliche Szenario als Film ab: „Wo hat er das Wort her? Von wem hat er es? Früher hat er das Wort noch nie benutzt. Sicherlich hat er sich mit jemandem getroffen, ohne dass ich es wusste. Er hat etwas zu verheimlichen. Innerlich hat er sich bestimmt schon getrennt von mir. Es ist vorbei.“

Der Verstand sucht Gründe und produziert eine Geschichte, die zu den angetriggerten Emotionen des Borderliners passt. Wieder handelt es sich nur eine Hilfskonstruktion des Verstandes, nicht um Realität. Für einen Borderliner fühlt sich diese Hilfskonstruktion real an, sie ist subjektiv real. Der Borderliner sieht nicht, dass es sich nur um eine Angstphantasie handelt.

Retraumatisierung durch Konflikte

Wenn die angstauslösende Situation nicht aufgelöst wird, bekommen auch diese neuen gefühlten Verbindungsunterbrechungen Traumaqualität, weil sie mit dem Gefühl aus dem Damals vernetzt werden. Sie können jetzt selbständig angetriggert werden.

So lässt es sich auch erklären, wie es dazu kommt, dass Borderliner dazu neigen, all das, was bisher in der Beziehung schlecht gelaufen ist, in einem Streit (einer Verbindungsunterbrechung) wieder hervorzuholen.

Ein Borderliner „sammelt“ nicht etwa bewusst, um die Erinnerungen im Streitfall bewusst hervorzuholen und den Partner damit zu quälen. Mitnichten. Die schlechten Erfahrungen werden nur im Streit wieder angetriggert und quälen den Borderliner, der versucht, seinem Leid Ausdruck zu verleihen.

Schwierigkeiten im Vertrauen

Durch diese permanenten existentiellen Unterbrechungen der Verbindung gelingt es einem Borderliner auch nicht, zu vertrauen. Auf Basis dieser Erkenntnisse ist ebenfalls gut nachzuvollziehen, warum.

Im Angesicht dieses Schmerzes ist die generell hohe Bereitschaft von Borderlinern zu Vergebung und Neuanfängen umso höher zu schätzen. Borderliner tendieren dazu, mit einer unermesslichen Großzügigkeit alles zu vergessen und zu vergeben. Leider werden diese Erfahrungen im nächsten Beziehungskonflikt oft wieder getriggert und dann „aufgewärmt“.

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Fazit

Auf Basis dieser neurobiologischen Erkenntnisse kann man daher mit Fug und Recht sagen:

  • Die folgende Aussage ist grundfalsch: „Obwohl wir uns nicht aussuchen können, was mit uns passiert, können wir immer entscheiden, wie wir reagieren.“
  • Richtigerweise muss man sagen, wenn man weiß, wie Trauma funktioniert: „Wir können über unsere Reaktion auf äußere Reize nicht immer frei entscheiden.
  • Fight – Flight – Freeze sind unbewusste Reflexreaktionen
  • Wir müssen aufhören, den Mythos aufrechtzuerhalten, dass wir immer die bewusste Kontrolle über unsere Handlungen haben. Es tut weh und beschämt viele Kinder und Erwachsene.

Top-down und Bottom-up-Ansatz

Die Polyvagal-Theorie ist ein wichtiges Fundament. Sie ermöglicht ein tieferes Verständnis dafür, wie unser Körper in Verbindung mit psychischen Prozessen funktioniert. Hierdurch eröffnen sich viele Wege, die man mit vielen Therapieansätzen kombinieren und ergänzen kann.

Top-down (von oben nach unten) und Bottom-up (von unten nach oben) sind zwei komplementäre therapeutische Herangehensweisen, die sich während einer therapeutischen Sitzung im Idealfall fließend abwechseln.

Der Top-down-Ansatz ist ein handlungsorientierter Ansatz, in welchem der Alltag und die Rolle der Klienten im Vordergrund stehen. Aktivität und Inhalte sind in Mittelpunkt. Es wird auf kognitiver Ebene gearbeitet, im Gehirn werden kortikale Bereiche angesprochen.

Der Bottom-up-Ansatz ist ein funktionsorientierter Ansatz, in welchem Körperfunktionen und Strukturen (unwillkürliche Prozesse, Vorgänge im Körper, Emotionen) im Vordergrund stehen. Aktivitäten (Verhaltensweisen) spielen erst dann eine Rolle, wenn Basisfunktionen wiedererlangt werden. Erst werden Schuld- oder Schamgefühle, oder auch andere traumainduzierte Gefühle entkoppelt, und dadurch werden „von innen nach“ die nach außen dringenden Verhaltensweisen verändert. Zunächst wird Sicherheit im Erleben und in der Wahrnehmung geschaffen.

Wenn sich der Klient nach Bottom-Up in einem Zustand der Sicherheit und des social engagement befindet, kann wieder ergänzend und ineinander übergehend Top-Down gearbeitet werden. Dann können kognitive Prozesse mit den körperlichen Reaktionen verbunden werden, und so kann sich auch der Klient sychronisieren.

Unbewusste Prozesse und bewusste Prozesse sind wieder verbunden, es wird Kongruenz im Fühlen und Denken hergestellt.

Wenn ich zum Beispiel versuche, einem Klienten etwas zu erklären, dann ist das ein Top-Down-Prozess. Es geht dann um die Vermittlung bewusster Inhalte. Es geht um Dinge, die im Bewusstsein sind und beschrieben werden können. Die Absicht, die bewussten Inhalte zu vermitteln ist ein Top-Down-Prozess.

Ob es aber so ankommt, wie ich es transportieren möchte, das entzieht sich meiner Kontrolle, wenn ich nur Top-Down arbeite.

Entscheidend dafür, ob sich mein Klient auf meine Absicht, ihm Inhalte zu vermitteln, einstimmen kann, ob er die Erklärungen also annehmen und etwas für sich daraus machen kann, ist, ob er mir in diesem Moment vertraut. Wenn er in einem angespannten Fight/Flight-Modus ist, kann ich ihn nicht erreichen.

Deshalb ist ganz wichtig für meine therapeutische Arbeit mit meinen Klienten, dass ich ein Gefühl des Vertrauens und der Sicherheit vermitteln kann. Das geschieht Bottom-Up, hierüber gibt es keine kognitive Kontrolle.

So kann ich Vertrauen und Sicherheit nur vermitteln, wenn ich selbst authentisch bin. Das, was sich in meinem Inneren abspielt, muss zu dem passen, was ich nach außen hinzeige. Auch ich muss Kongruenz im Handeln und Fühlen haben.

Borderline Therapie
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Das entscheidet darüber, ob ich in der Wahrnehmung meiner Klienten vertrauenswürdig bin. Denn frühtraumatisierte Menschen haben eine sehr wachsame Neurozeption. Unstimmigkeiten werden schnell bemerkt und auch möglicherweise als Gefahr wahrgenommen.

Wenn es z. B. dem Therapeuten nicht gut geht, er aber versucht, es zu überspielen, kann es passieren, dass der Klient spürt, dass etwas nicht stimmt, und dann erlebt er die Situation als bedrohlich. Das geschieht nicht auf bewusster Ebene, sondern unwillkürlich. Vor weiterer Therapie muss zuerst wieder ein Zustand der Sicherheit hergestellt werden.

Die Neurozeption mit ihren Reaktionsmustern ist auch hier ein vielfaches schneller, als jeder bewusste Prozess. Um zu verstehen, dass die unwillkürlichen Prozesse schneller und stärker sind, verwende ich gerne eine kleine Übung.

Mitten im Gespräch reiche ich meinen Klienten die Hand – wie bei einer Begrüßung – und sage „Schauen Sie“. 99% der Klienten geben mir automatisch die Hand. Ich stelle dann die Frage: „Wieso haben Sie mir jetzt die Hand gegeben?“ Als Antwort kommt dann in der Regel: „Weil man es so macht.“

Das ist für sich genommen richtig, aber doch nicht mitten im Gespräch. Der Kontext passt ja nicht zum Händeschütteln. So schnell arbeiten die gespeicherten Muster in uns, vor allem in Paarbeziehungen.

Während der Therapie lernt ein Klient, seine Zustände wahrzunehmen (Bottum-Up), und zwar mit seiner Neurozeption. Wenn er sie wahrnimmt, kann er von dort aus wieder in einen Zustand der Sicherheit gebracht werden (Bottum-Up). So kann ein Klient beginnen, zu lernen, durch Co-Regulation in die Selbstregulation zu gehen.

Im Zustand der Sicherheit kann dann auch wieder auf kognitiver Ebene gearbeitet werden (Top-Down).

Aus dem Zustand der Sicherheit kann der Klient auch wieder in einen anderen Zustand wechseln, dann wieder in Sicherheit gebracht werden und aus dem Zustand der Sicherheit die neue Ebene auch kognitiv bearbeiten.

Therapie umfasst nicht nur eine Ebene, sondern mehrere Ebenen. Und immer wieder wechseln während der Therapie Top-down und Bottom-Up.

Therapie ist wie ein Tanz, der sich über mehrere Ebenen erstreckt. Schritt für Schritt lernt ein Klient, die Tanzschritte selbst zu bestimmen. Es ist ein komplexer Prozess. In diesem kann ein Klient sehr viel lernen, z. B. auch, dass der Zustand des Therapeuten nichts mit dem Zustand des Klienten zu tun hat.

Auch Selbstregulation und Selbstwirksamkeit können gelernt werden durch die Kombination von Bottom-up und Top-down-Ansätzen, die sich wunderbar ergänzen.

In der therapeutischen Arbeit wird einem Klienten auch die Möglichkeit gegeben, und er aber auch gefordert, Zustände im Körper (z.B. Fight / Flight) wahrnehmen zu können, ohne sie bremsen zu müssen und zu frühzeitig abzublocken oder daraus zu reagieren.

Durch den präfrontalen Kortex werden diese Zustände häufig gebremst. Es braucht einiges an Übung, um etwas spüren und beobachten zu können, ohne es zu früh zu stoppen oder aus diesem Zustand heraus zu reagieren. Das geschieht in therapeutische Begleitung und Anleitung.

Es geht darum, im Körper zu bleiben und die Prozesse im Hier und Jetzt zu durchleben, aber ohne das ursprünglich damit verbundene Angstempfinden. Dann bleibt das Trauma irgendwann als Erinnerung, aber die Reaktion wird nicht mehr in ihrer ganzen Schärfe getriggert.

Das, war im Körper gespeichert ist, wird behutsam und in Sicherheit gelöst. Das erfordert ein sehr behutsames und aufmerksames Herangehen durch den Therapeuten, auch damit es nicht zur Retraumatisierung kommt. Das ursprüngliche Angstempfinden wird nicht vollständig entkoppelt, aber gemildert.

Das Existentielle der Angst wird entkoppelt. In der Folge muss ein Klient muss auch nicht mehr mit allem, was er hat, defensiv über Freeze und Fight / Flight reagieren, sondern er kann sich Zeit geben und seine Reaktionen abmildern.

Dort, wo ein Klient aus seiner Not heraus früher nach außen hin mit Schuldzuweisungen reagiert hat, wird er in die Lage versetzt, konstruktiv mit Situationen umzugehen, die ihn triggern. Er muss nicht mehr unwillkürlich die Quelle der Gefahr orten und sie bekämpfen. Die Ursprungsreaktion wird noch getriggert, aber sieht fühlt sich nicht mehr so existentiell an, und es muss nicht mehr sofort daraus gehandelt werden.

Ein Klient kann dann nach innen schauen, seine Zustände erkennen und und als gegeben akzeptieren, und sich die Zeit geben, damit konstruktiv umzugehen. Wenn ein Klient so mit seinen Zuständen umgehen kann, dann gibt es weniger Leid und auch weniger Konflikte mit der Umwelt.

Ein Klient muss sich z. B. bei einem gefühlten Verbindungsabbruch in seiner Not nicht mehr sofort auch nach außen hin zum Partner trennen, sondern er kann es aushalten, bleiben und versuchen, Lösungen zu finden. Hierdurch können insbesondere Beziehungsabbrüche reduziert werden. Nach außen hin kann ein Klient damit scheinbar kaltes Verhalten oder aggressives Verhalten deutlich mildern.

So lernt ein Klient Selbstregulation. Nicht alle unwillkürlichen Reaktionen verschwinden, aber Trigger und die Reaktion werden erkannt und nicht mehr als existentiell erlebt.

Schlusswort

Ich hoffe, dass dieses Verständnis Akzeptanz und einen anderen Umgang ermöglicht – für Borderliner einen anderen Umgang mit sich selbst und mit ihren Partnern, aber auch für den Partner einen anderen Umgang mit „seinem“ Borderliner.

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Gastautor: @Suzana Pavic – Heilpraktikerin für Psychotherapie – Psycholgische Beraterin – http://www.suzana-pavic.de/


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3 Kommentare

  1. Herzlichen Dank für diesen Beitrag !
    Er hilft mir als Partner/Ex-Partner(im dauerhaften Wechsel)das Verhalten meiner Borderlinerin ein bisschen mehr zu verstehen. Ich erlebe dies genau so wie beschrieben, nur dass sie die Beziehung nach jedem Freeze in der Flight/Fight-Phase in einem Riesen Drama gleich beendet. In diesen Situationen verträgt sie auch kein Umarmen und Beruhigen. Sie kommt dann jeweils 3 Tage später wieder zurück, insgesamt bisher über 40 x.
    Was ich aber immer noch nicht kapiere ist die Tatsache, dass sie ausserhalb der Beziehung, also im Berufsleben, Familie, Freunde etc. völlig unauffällig funktioniert. Und Trigger gibt’s ja überall oder entstehen sogar aus dem Nichts.
    Wenn dieses Verhalten unbewusst ausgelöst und nicht kontrolliert werden kann, wie ist es dann möglich, dass es ausserhalb der Beziehung nie zu diesen extremen Wutanfällen führt ?

  2. Wunderschön geschrieben, aus allem heraus und echt! selten so intensiv und tief :-)
    Bin selbst diagnsostizierter BPSler, doch meine Vermutung ist doch eher Autist, da wir ähnliche Eigenschaften besitzen, sobald wir in einer Fantasie gefangen sind von etwas, das nicht möglich ist… kawumm!!! und dann nur noch naja… auf die Erde geknallt und wieder den Blick nach oben gerichtet. Meine These, dass Menschen mit so einer Eigenschaft, sich oft verloren und einsam fühlen, doch je länger je mehr kommt mir der Gedanke, dass wir doch nicht so einsam sind auf dieser kleinen Kugel. Was mir fehlt, dass solch angeblich verlorene Seelen, wie man es in der Gesellschaft nun mal so ausdrückt, sich nicht gegenseitig erkennen – ein kurzer Blick und natürlich Beobachtungsgabe seiner selbst. Kann es auch vorkommen, dass man jemanden begegnet bzw. vielen ohne viele Worte gewechselt zu haben und das Gefühl bekommt, jene hat vermutlich ähnliches miterlebt und dadurch eine bis dahin unerklärliche Anziehung, die einen nicht mehr loslässt. Emotional ist man sonst eher zurückhaltend und kann sich nicht wirklich einlassen sowie auch hier in diesem Text, zu viel Nähe, jedoch obwohl man sie sich wünscht, wäre des wirklichen Näherkommens Todes… Nunja für mich nicht mehr von Wichtigkeit, doch generell, wie ist es mit dem Erkennen von Gleichgesinnten? Denn Normalos sind einfach – einfach……. langweilg…. obwohl selbst auch nur langweilig im eigentlichen Sinne, nur sobald, wäre ich in einer Beziehung – alles auf brrrrr…..

    Emails gehen ins Nirvana – somit egal – habe einen Favorit gelegt, falls mal eine Nachricht eingehen sollte.

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