Borderline Beziehung: Spaltung (Idealisierung / Abwertung)

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Borderline Beziehung: Spaltung (Idealisierung / Abwertung)
  • Man weiß, der Beginn einer Beziehung mit einem Borderliner ist ausgesprochen intensiv und emotional.
  • Man weiß, der Partner gewinnt dabei das Gefühl, seinen Seelenverwandten gefunden zu haben.
  • Man weiß, der Partner fühlt sich dabei mit dem Borderliner symbiotisch verbunden.
  • Man weiß, Borderliner haben Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu regulieren.
  • Man weiß, Borderliner sind instabil in ihren Gefühlen und sprunghaft in ihren Gedanken.
  • Man weiß, Borderliner bedienen sich primärer Abwehrmechanismen wie z.B. der Spaltung, die von Idealisierung und Abwertung unterstützt wird.

Man weiß.
Man schwarz.

Die Welt wird in schwarz-weiß geteilt.

In meiner langjährigen Arbeit und Forschung über Borderline und Beziehungsdynamik*, werde ich von Partnern häufig mit der Frage konfrontiert: „Bin ich jetzt für sie/ ihn (den Borderliner) schwarz?“ Kann ich wieder weiß werden?“

Das Verhalten einer Person, die an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, ist sehr schwer zu verstehen. Alles was er sagt oder tut erscheint so irrational. Von heute auf morgen von einem Borderliner plötzlich verlassen zu werden, schmerzt, vor allem wenn es dafür keinen ersichtlichen Grund gibt.

Was zurück bleibt ist pure Verzweiflung. Man fühlt sich misshandelt, manipuliert und verraten.

Was den Abbruch der Beziehung so schmerzhaft macht ist:

  • der plötzliche und unerwartete Abbruch der Beziehung
  • die eiskalte Art und Weise wie das geschieht
  • der unglaubliche Hass und die Abwertung mit dem sie ihre Ex-Partnerin/Ihr Ex-Partner plötzlich konfrontieren
  • dass Klärungsversuche und der Wunsch noch einmal darüber zu reden rigoros abgeblockt werden

Warum wird die Beziehung meistens abrupt beendet?

Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • die diffusen, frei flottierenden Ängste, die der Borderliner in sich trägt
  • der Wunsch die aufgebaute Spaltung aufrecht zu erhalten
  • Schuldgefühlen aus dem Weg zu gehen, die durch Trennungsschmerz, den damit einhergehenden Verlustängsten und dem Leidensdruck des (Ex)Partners ausgelöst werden könnten.
Am Ende bleibt der Schmerz und die Frage WARUM?: Dynamik einer Borderline-Beziehung (Edition Klotz)

Suzana Pavic, Ed Hellmeier - Westarp - Edition no. 2 (06/12/2017) - Taschenbuch: 202 pages

19,95 EUR

Was ist Spaltung?

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Menschen die an einer Borderline Persönlichkeitsstörung leiden, sind nicht in der Lage ambivalente und vieldeutige Affekte zur selben Zeit wahrzunehmen. In einem Moment wird nur ein einzelner, eindeutiger Affekt akzeptiert. Dies hat zur Folge, dass es für sie auch nur eine einzige passende Kognition gibt, die sie akzeptieren.

So wird eine Bezugsperson beispielsweise als ausschließlich liebevoll und beschützend empfunden und bewertet, obwohl die Beziehungserfahrung mit dieser Person auch andere Qualitäten enthält.

Zu einem anderen Zeitpunkt wird die gleiche Person dann ausschließlich als angsteinflößend und störend wahrgenommen, obwohl sich am Verhalten der Bezugsperson nichts wesentlich verändert hat.

Die Spaltung ist verantwortlich für die emotionale und kognitive „Schwarz-Weiß-Malerei“, die charakteristisch bei Borderlinern anzutreffen ist. Ihnen ist eine zeitliche Integration verschiedener Gefühle, kognitiver Bewertungen, Intentionen, Imaginationen usw. nicht möglich. Grund dafür ist die folgenreiche Unfähigkeit, Ambivalenz oder Zwiespältigkeit zu ertragen.

Der psychodynamische Schutzmechanismus Spaltung wird überaus oft durch andere, unreife Abwehrmechanismen unterstützt. Die häufigsten sind dabei die Mechanismen Verleugnung, Projektion, Projektive Identifikation oder Abwertung und Idealisierung*. Es gibt jedoch noch weitere.

Idealisierung kann auf dramatische Weise ins Gegenteil umschlagen, wenn der Borderliner plötzlich beim Partner „Fehler“ entdeckt und der Glanz der Vollkommenheit schwindet. Borderliner sind sehr sensibel. Es entsteht in ihnen schnell das Gefühl, etwas hätte sich in der Beziehung verändert. Vielleicht kann der Partner auch nicht mehr so viel Aufmerksamkeit aufbringen wie es der Betroffene fordert. Wenn dies der Fall ist, entstehen beim Borderliner überdimensional große Ängste. Verlustängste machen sich breit, die als unerträglich und lebensbedrohlich erlebt werden.

Um sich vor diesem Verlust und dem damit verbundenen Schmerz zu schützen, wird durch Abwertung des Partners versucht, die drohende Trennung emotional zu entschärfen.

Das verheerende dabei ist, es wird nicht nur die momentane Situation bewertet, vielmehr „erinnert“ sich der Borderliner an alles, was ihn vielleicht vorbewusst bereits immer gestört hat. In einer Art „Abwertungsspeicher“ wurden bereits während der Beziehung eifrig Abwertungs-Gründe vorbewusst gesammelt, die nun als großes Paket, in für den Borderliner bedrohlichen Situationen, hervorgeholt werden. Auf diese Weise wird nicht nur die momentane Situation, sondern auch der Partner und die gesamte Beziehung abgewertet.

Ich möchte es anhand eines Beispiels erklären, so dass man besser versteht, was genau in so einem Moment in einem Borderliner vor sich geht.

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Lara und Damian sind seit 6 Monaten ein Paar. Lara leidet an einer Borderline Persönlichkeitsstörung.

DAMIAN: Ich lernte Lara über meine Freunde kennen. So eine tolle Frau hatte ich noch nie zuvor kennen gelernt. Wir konnten über alles reden, hatten die gleichen Interessen…es passte einfach alles. Wir hatten sogar dieselben Lieblingsfilme.

Sie betonte in der Zeit, in der wir zusammen waren, immer wieder, ich wäre ihr Traummann und dass sie noch nie zuvor das Gefühl hatte, endlich am Ziel Ihrer Suche angekommen zu sein. Bei mir war das auch so. Ich sehe mich nicht als besonders leidenschaftlichen Menschen und hätte mich im Gegensatz zu anderen Männern niemals gewagt, ihr ohne unmissverständliche Aufforderung an die Wäsche zu gehen. Doch Lara gab mir das Gefühl genau das zu wollen. Überhaupt hatte sie eine für mich ungewohnt offene Auffassung von Sexualität.

Unsere gemeinsame Zeit war sehr intensiv. Eine so intensive Nähe hatte ich bis dato noch nie erlebt. Schon früh in der Beziehung bemerkte ich ihre Eigenarten. Es fing damit an, dass sie nach Meinungsverschiedenheiten nicht mehr mit mir sprach. Ich lernte schnell dies zu akzeptieren und sie in diesen Momenten in Ruhe zu lassen.

Was nun jedoch passiert ist, hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen. Ich verstehe nicht was passiert ist und bekomme auch keine Antworten.

Aus geschäftlichen Gründen musste ich nach Rio de Janeiro fliegen. Lara hatte mich zum Flughafen gebracht und wir verabschiedeten uns innig. Es war das erste Mal, dass wir uns für ein paar Tage trennen mussten. Der Abschied von Lara war so intensiv, dass ich während des ganzen Fluges nach Rio, an sie denken musste.

Kaum in Brasilien gelandet, griff ich zum Telefon, um sie anzurufen und ihre Stimme zu hören. Ihr Telefon klingelte, doch sie ging nicht dran. Daraufhin schickte ich ihr per Whatsapp eine Nachricht. Ich schrieb ihr, ich wäre gut angekommen und dass ich an sie denke und sie mir sehr fehlt.

Nachdem ich im Hotel angekommen war, bemerkte ich, dass meine Nachricht sie nicht erreicht hatte. Etwas irritiert versuchte ich, sie nochmals anzurufen und diesmal ging Lara ans Telefon.

Sie meldete sie mit eiskalter Stimme und beendete aus heiterem Himmel die Beziehung. Ich solle sie nie wieder anrufen, schrie sie mich wütend an. – Meine Welt brach zusammen.

Noch lange nachdem sie aufgelegt hatte, saß ich entsetzt auf meinem Hotelbett und konnte mich nicht mehr bewegen. Diese Eiseskälte in ihrer Stimme. Schluss – und keine Begründung wie es dazu kommen konnte.

Die Woche in Rio war für mich der reine Horror. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, in den Meetings war ich fahrig und abwesend. Mehrfach habe ich versucht sie zu erreichen, doch erfolglos – ich konnte sie nicht mehr erreichen. Lara hatte mich überall geblockt und gesperrt.
Noch am selben Tag meiner Rückkehr aus Rio fuhr ich zu ihr nach Hause. Den eiskalten Blick den Lara mir zuwarf als sie die Türe öffnete und mich sah, werde ich in meinem Leben nie wieder vergessen.

Ich fragte sie was passiert sei, was los war, warum sie die Beziehung so plötzlich beenden wollte.

„Du fragst noch was los ist! Ich hasse Dich und will nie mehr etwas von dir hören!“ schrie sie mich an. „Von Anfang an betrügst und verarschst du mich. Geh zu deinen Brasilianerinnen oder zu dieser Kellnerin, die du immer so anstarrst und lass mich in Ruhe.“

Ich konnte es nicht fassen, was sie mir vorwarf, aber es ging noch weiter.

„Meinst du ich habe nicht gemerkt, wie du sie angeschaut hast, als wir zusammen essen waren? Du schreibst ja auch immer heimlich Nachrichten über Whatsapp, auch noch mit mehreren Frauen. – Wie konnte ich nur so blöd sein dir zu vertrauen.“

Ich wollte etwas erwidern, doch Lara ließ mich nicht zu Wort kommen.

„Ich hätte es gleich wissen müssen. Du bist nur ein verlogener Versager, überhaupt nicht fähig eine Beziehung zu führen. Wie blöd ich doch war, mich auf dich einzulassen, aber ich habe es letztendlich kapiert. – So etwas wie dich muss ich mir echt nicht antun.“

Konnte ich jetzt schon nicht mehr fassen, was sie mir da alles an den Kopf warf, wurde es noch schlimmer.

„Immer mussten wir deine blöden Filme sehen. Was ich wollte hat dich doch nie interessiert. Nie hast du mich gefragt was ich eigentlich will. Mit so einem ignoranten Scheißkerl will ich keine Beziehung. Ich will dich nicht mal kennen. Hau ab, ich hasse Dich!“

Mit diesen Worten schlug sie mir die Tür vor der Nase zu und ließ mich einfach stehen.

Am Ende bleibt der Schmerz und die Frage WARUM?: Dynamik einer Borderline-Beziehung (Edition Klotz)

Suzana Pavic, Ed Hellmeier - Westarp - Edition no. 2 (06/12/2017) - Taschenbuch: 202 pages

19,95 EUR

Was genau ist da nun passiert?

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In der Idealisierungsphase passte sich Lara Damian, durch projektive Identifikation, voll und ganz an. Alle seine Wünsche, Ziele und Interessen übernahm sie für sich und fühlte es in diesem Moment auch so. So konnte sie die perfekte Illusion erschaffen und Damian war sich sicher seiner absoluten Traumfrau gegenüber zu stehen.

Doch schon in dieser Phase kamen in Lara gelegentliche Zweifel. Es gab bereits Kleinigkeiten, die sie störten, der sie in dieser Phase jedoch nicht große Aufmerksamkeit schenkte. Trotzdem speicherte sie die Dinge vorbewusst ab. Es kann sich um eine unangemessene Bemerkung handeln, oder einen Blick in die falsche Richtung oder sogar ein Geruch.

Wenn sie zum Beispiel über Whatsapp Kontakt hatten und er zwar online war, jedoch nicht sofort antwortete, machte sie sich sofort Gedanken und steigerte sich rein. In ihr kam der Verdacht hoch, er würde in diesem Moment mit einer anderen Frau schreiben.

Sie sprach ihn nie darauf an, denn sie wollte das perfekte Bild, das sie von der Beziehung hatte, nicht durch ihre Eifersucht und Zweifel zerstören.
Es können viele Kleinigkeiten des Alltags sein, die vielleicht für jeden anderen eine Lappalie darstellen, einen Borderliner jedoch verletzen und verstören.

Solange die Liebe noch frisch ist und die verbindenden Gefühle noch sehr stark und intensiv wahrgenommen werden, spielen diese Kleinigkeiten keine große Rolle. Noch sind sie nicht bedeutend genug deswegen die Beziehung in Frage zu stellen. Diese Idealisierungsphase wirkt wie ein Rausch*. Die intensive Verbindung, die überbordenden Gefühle und die Verschmelzung mit dem Partner stehen im Vordergrund.

Diese Phase kann jedoch plötzlich und unerwartet enden und ins genaue Gegenteil umschlagen. Ein schiefer Blick, eine Kleinigkeit kann ausreichen und alles was zuvor über die gesamte Zeit an negativen Eindrücken gesammelt wurde, wird hervorgeholt.

Als Damian nach Rio flog, begann in Laras Kopf, ein Film abzulaufen, der sie wie eine Abwärtsspirale immer tiefer in ihre Abwertung zog. Sie wertet sich in diesem Moment auch selbst ab, weil sie kein gesund entwickeltes Selbstwertgefühl hat und sich kaum vorstellen kann, jemand könnte sie lieben. Außerdem fehlt ihr die Objektkonstanz. Wenn der Partner nicht in der Nähe ist, fühlt sie sich verlassen. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Durch die Trennung und die damit verbundene Verlustangst konnten die Reize von außen nicht mehr gefiltert werden und sie reagierte nur noch direkt aus dem Unterbewussten. Laras Assoziation mit Rio de Janeiro ist: Copacabana – nackte Frauen und ihr Freund mitten unter ihnen. Sie fürchtet ihn zu verlieren und diese Verlustangst wird immer größer je mehr sie darüber nachgrübelt und sich hineinsteigert. Irgendwann ist sie nicht mehr kontrollierbar.

Auf der einen Seite hat Lara große Angst Damian zu verlieren, auf der anderen Seite ist diese Angst so unerträglich, dass sie die Beziehung lieber beendet, als weiter zu leiden. Genau da setzt die Spaltung ein, weil diese starken widersprüchlichen Emotionen nicht auszuhalten sind. Der Borderliner versteht in diesem Moment selbst nicht was genau da in ihm vor sich geht. Es geht letztendlich nur noch darum sich selbst zu schützen.

Sie nimmt die Bilder in ihrem Kopf als Realität wahr. Für sie ist Damian nun ein Mensch, der sich in Rio am Strand mit nackten Frauen vergnügt, der sie mit der Kellnerin ihres Lieblingslokals betrügt und sie noch dazu zwingt blöde Filme anzusehen. Sie fühlt sich verlassen, verletzt, betrogen und abgelehnt. Für sie fühlt sich alles sehr schmerzhaft an und sie erlebt eine große emotionale Krise die sie nur mit Hilfe der Spaltung einigermaßen überwinden kann.

Alles kommt nun aus dem „Abwertungsspeicher“ hoch, so dass sie Damian und die ganze Beziehung nur noch im negativen Licht sehen kann.

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DAMIAN: Ich wusste nicht wie es um mich geschieht. Die Frau die ich liebe, schleudert mir so einen Hass entgegen; Vorwürfe die nicht stimmen. Ich stand minutenlang vor ihrer Tür und konnte mich nicht bewegen. Es hörte sich alles wie ein großes Missverständnis an. Ich habe noch ein paar Male versucht sie zu erreichen, aber sie reagierte auf nichts mehr. Solche Verzweiflung und Hilflosigkeit habe ich bis jetzt noch nie in meinen Leben erfahren. Ich verstand die Welt nicht mehr.

Eine Woche danach kam ein „Hallo“ über Whatsapp. Mein Herz begann zu pochen. Ich wusste nicht, wie ich es einordnen sollte. Sie schrieb weiter: „Wann kann ich meine Sachen abholen?“ Ich war wie in Trance. Automatisch antwortete ich „Wann immer du willst“ in der Hoffnung die Konversation fortzusetzen. „Kann ich heute Abend kommen?“ schrieb sie. „Natürlich!“ habe ich geantwortet, auch wenn ich heute Abend weggehen wollte, um mich abzulenken, aber das war jetzt zweitrangig. Ich wollte Lara sehen und erfahren was los ist.

Als sie vor der Tür stand, sah ich ihre traurigen Augen und wir fielen uns in die Arme. Wir haben uns leidenschaftlich geküsst, so intensiv wie noch nie zuvor und landeten im Bett. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Nach zwei Wochen die so extrem schmerzten, steht sie vor mir, wir sehen uns und sind uns so nah, wie zwei Magneten, die voneinander nicht mehr loslassen können. Diese Nähe hat sich in dem Moment so angefühlt, als wenn wir miteinander verschmelzen und eins werden.

Über das was passiert ist, wollte Lara nicht reden. Sie hat das Thema erfolgreich vermieden und drei folgende Wochen waren sehr harmonisch. Es hing trotzdem in der Luft. Wie ein Riss der präsent war, aber nicht zu greifen.

Als ich sie eines Tages angerufen habe, um ihr zu sagen, dass ich mit Kollegen nach der Arbeit etwas trinken gehe, ist sie auf einmal eiskalt geworden und sagte mir: „Na dann. Viel Spaß.“ Und legte auf. Als ich zurückrief, ging sie nicht ran. Ich habe ihr geschrieben und gefragt, ob alles okay sei. Ich bekam keine Antwort. Die nächsten drei Tage nur Funkstille. Nach drei Tagen kamen wieder Beschimpfungen über Whatsapp: „Ich wusste, dass du ein Lügner bist. Ich bin so naiv gewesen, dir wieder zu vertrauen. Geh aus meinem Leben und lass dich nie mehr blicken! Du hast mich nie geliebt. Du bist ein verlogenes Arschloch. Ich kann nur noch Hass und Verachtung für dich empfinden.“

Am Ende bleibt der Schmerz und die Frage WARUM?: Dynamik einer Borderline-Beziehung (Edition Klotz)

Suzana Pavic, Ed Hellmeier - Westarp - Edition no. 2 (06/12/2017) - Taschenbuch: 202 pages

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Für Lara waren diese zwei Wochen (seine Reise und die Woche danach) sehr schmerzhaft und sie erlebte diese als großen Verlust, als schwere emotionale Krise. Jede Trennung ist für einen Borderliner mit viel Schmerz verbunden und mit der Hilfe der Spaltung schützen sie sich vor diesem. Nach ein paar Tagen tauchten das Vermissen und die Sehnsucht auf. Sie erinnert sich wieder an die schönen Momente der Nähe. Die Sehnsucht nach Damian ist groß, aber die „dunkle Wolke“ ist immer noch da. Das perfekte Bild von Damian ist beschmutzt, doch trotzdem vermisst sie ihn. Sie versucht Kontakt aufzunehmen. Da sie nicht weiß, wie er reagiert, fragt sie nach ihren Sachen. Sie kann sich nicht an alles erinnern, was sie ihm in ihrer Wut gesagt hat (dissoziative Amnesie) und hat Angst, wie er auf sie reagiert. Als sie ihn sieht, ist die Sehnsucht ganz groß und sie fällt ihm in Arme und somit wird die Nähe wiederhergestellt. Nach der enormen Anspannung und Erschöpfung, fühlt sie sich wieder gut.

Zweifel bleiben. Nachdem der „Abwertungsspeicher“ offen ist, hat das perfekte Bild von der Beziehung* und den Partner Risse erhalten und deshalb werden die Abstände zwischen Aufwertung und Abwertung immer kürzer und jedes Mal wird der äußere sowie der innere Konflikt heftiger. Damian wird wieder aufgewertet, aber nicht mehr idealisiert wie am Anfang. Sie kann Damian nicht vertrauen (ein Borderliner kann niemandem vertrauen) und fängt an zu beobachten und auf jede Kleinigkeit in seinem Verhalten zu achten. Als er sagt, dass er mit seinen Kollegen etwas trinken geht, fühlt sich Lara abgelehnt und ungeliebt. In ihrer Wahrnehmung liebt Damian sie nicht und alles andere ist wichtiger als sie. Sie steigert sich rein und erzeugt dementsprechend die Situation, die mit der Wahrnehmung und Realität von Damian nichts zu tun hat. Lara hat ständig Angst verlassen und nicht geliebt zu werden und nimmt viele Gegebenheiten als Ablehnung wahr.

Wie schon erwähnt, der „Abwertungsspeicher“ besteht von Anfang an und wird vorbewusst gefüllt mit jedem Moment, der nicht dem Idealbild entspricht oder als verletzend wahrgenommen wird.

Im Gegensatz zu einer gesunden Beziehung, wo Unzufriedenheit durch Gespräche oder auch Streit aus der Welt geschafft werden („Leerung des Speichers“), bleibt der Speicher bei Borderliner immer voll und füllt sich weiter bis er immer wieder platzt. Man kann sich diesen Speicher vorstellen, wie ein Fass ohne Abfluss, das durch ständig widerkehrenden und neu hinzukommenden Abwertungen so lange gefüllt wird, bis er unweigerlich platzt.

Für den Borderliner gibt es keinen Mittelweg, keinen Spielraum für Kompromisse. Aufgrund der extremen Schwankungen der Wahrnehmung, kann der Borderliner nicht bei einer Sache bleiben. Für Borderliner gibt es keine Emotionen verbundene Vergangenheit, nur das Jetzt. Wenn ein Fehler im Jetzt passiert, kann die ganze schöne oder erfolgreiche Vergangenheit komplett ins Negative umgekehrt werden – in einem einzigen Augenblick.

Aus diesem Grund werden die zwischenzeitlichen neuen Symbiosen (z.B. Versöhnungssex) in ihrer Intensität schwächer und kürzer, weil der Speicher immer mehr in Vordergrund kommt und der Borderliner den Speicher immer mehr spürt und dieser durch neue Situationen, die der Borderliner als Verletzung oder Ablehnung empfindet, immer mehr an Präsenz gewinnt.

Der Eindruck, der durch die Eiseskälte des Borderliners beim Partner hervorgerufen wird, dass eine Beziehung leichtfertig weggeworfen wird, entspricht nicht der inneren Not die ein Borderliner durchlebt. Die Eiseskälte ist eigentlich nur das Endresultat, die inneren schmerzhaften Prozesse, die dazu dienen sich vor dem großen Schmerz und der Angst zu schützen.

Am Ende bleibt die Antwort auf die Frage des Partners „Kann ich wieder weiß werden?“.

Ja – können schon, allerdings nie dauerhaft und konstant, wie es aus einer gewöhnlichen Beziehung erwartet wird. Es bedarf eines enormen Reflektionsvermögens und Trainings, um mit diesen starken, wechselnden Wahrnehmungen umzugehen und die Beziehung aufrecht zu erhalten.

Wir empfehlen zum Thema folgenden Buchvorschlag: Am Ende bleibt der Schmerz*

Das Buch soll der Aufklärung dienen. Es richtet sich an alle diejenigen, die sich mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung auseinandersetzen wollen. Ziel dieses Buches ist es, die Dynamiken einer Borderline-Beziehung zu erklären, auf rationaler, sowie auf emotionaler Ebene. Aufgrund eigener Erfahrungen wissen Suzi Pavic und Ed Hellmeier, dass Aufklärung und Verständnis sowohl für Betroffene, als auch deren Partner wichtig sind, um besser mit dieser komplexen Krankheit umgehen zu können. Die Autoren versuchen dies mit einfachen Worten und bringen Klarheit, was sich hinter den gängigen Fachbegriffen verbirgt. Sie räumen dabei auch mit dem einen oder anderen Klischee auf.

Buchvorschlag: Am Ende bleibt der Schmerz und die Frage WARUM: Dynamik einer Borderline-Beziehung*

Gastautor: @Suzana Pavic – Heilpraktikerin für Psychotherapie – Psycholgische Beraterin – http://www.suzana-pavic.de/

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