Persönlichkeitsstörung – Borderline bei Männern

Borderline bei Männer
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Im heutigen Interview werden wir uns mit dem Thema Borderline bei Männern beschäftigen.

Suzana Pavic ist als Heilpraktikerin für Psychotherapie und als psychologische Beraterin mit den Schwerpunkten Borderline und Partnerschaft / Destruktive Beziehungen / Trennungsschmerz tätig. Komplexe Mechanismen einer Borderline Persönlichkeit und deren Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen gehören zu ihrem Spezialgebiet. Sie ist Autorin des Buches: „Am Ende bleibt der Schmerz und die Frage WARUM: Dynamik einer Borderline-Beziehung“.

Rob T. ist ein Betroffener. Bei ihm wurde 2001 nach einer schweren Beziehungskrise eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung festgestellt. Erst neun Jahre und ein Burnout später wurde bei ihm dann schließlich eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert.

Hallo Suzana, oft lese ich in verschiedenen Beiträgen, dass eine Borderline-Persönlichkeitsstörung als Frauenkrankheit betrachtet wird, würdest du dem zustimmen oder hast du andere Erfahrungswerte?

Suzana: Nach meiner Erfahrung gibt es genauso viele Männer wie Frauen, die an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden.

Sie werden aber meiner Meinung nach viel seltener diagnostiziert. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Borderline hat viele Gesichter, Ausprägungen und Symptome. Es ist nicht einfach, diese zu erkennen, in Bezug zu setzen und am Ende eine gesicherte Diagnose zu stellen.

Hierzu trägt insbesondere bei, dass viele der Symptome ihrem Grunde nach auch in gesunden Menschen angelegt sind, und hier die Intensität und Häufigkeit einen Unterschied in der Diagnostik macht. Außerdem gehen Männer mit ihrem emotionalen Befinden anders um als Frauen.

Ist die Diagnostizierung bei Männern schwieriger, weil Männer seltener über ihren emotionalen Zustand reden?

Suzana: Es ist richtig, dass Männer seltener über ihren emotionalen Zustand reden. Das erschwert zwar den Einblick in sie, ist aber nicht alleine entscheidend dafür, dass Männer seltener diagnostiziert werden als Frauen. Der Grund dafür liegt in den Unterschieden zwischen Männern und Frauen, die ich im Folgenden erläutere:

Männer und Frauen mit Borderline-Persönlichkeit unterscheiden sich erheblich. In dem Zeitraum, in dem die Grundlagen für die Borderline-Persönlichkeitsstörung geschaffen werden, spielt das Geschlecht nur eine unwesentliche Rolle, da es sich um die frühe Kindheit handelt. Trotzdem werden die gleichen Mechanismen im späteren Entwicklungsverlauf zu unterschiedlichem Erleben und Verhalten führen.

Ich gehe davon aus, dass sie sich schon in ihrem emotionalen Erleben unterscheiden. Männer und Frauen werden die gleiche Situation tendenziell sehr unterschiedlich erleben. Sie erleben die Dinge völlig unterschiedlich, obwohl sich die Mechanismen ähneln, die ihnen geholfen haben, im frühen Alter mit negativen Erfahrungen wie Gewalt, Missbrauch etc. umzugehen.

Zudem unterscheiden sie sich darin, wie sie mit ihren Emotionen umgehen. Das nach außen sichtbare Verhalten unterscheidet sich. Männer mit Borderline-Störung neigen eher zu Fremdaggressionen und dissozialem Verhalten als Frauen. Um innere Spannungen abzubauen, neigen Männer zu illegalem Drogen- oder Alkoholkonsum. Deshalb stehen die Suchtproblematik und ein dissoziales Verhalten im Vordergrund. Frauen richten ihre Aggressionen häufig gegen sich selbst.

Und zuletzt unterscheidet sich die Fremdwahrnehmung. Ein unbeteiligter Dritter wird Männern und Frauen bei gleichem Verhalten nicht unbedingt die gleichen Beweggründe und Emotionen unterstellen, sondern er wird – allein wegen des Geschlechts – das Verhalten unterschiedlich interpretieren.

Hierfür gibt es eine Ursache. Männer und Frauen werden immer noch unterschiedlich sozialisiert. Das ist gesellschaftliche Realität, auch wenn sich unsere Gesellschaft im Wandel befindet und die Grenzen langsam aufweichen. Dennoch sind immer noch Unterschiede vorhanden. Bei Jungen werden Eigenschaften wie Autonomie stärker gefördert, bei Mädchen Abhängigkeit.

Bei Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung werden wir zwar häufiger als bei anderen sehen, dass sie sich mehr denjenigen Menschen anpassen, die eine gesunde Entwicklung genossen haben und diese als Vorbilder imitieren, als sich an sozial vorgegebene Rollen anzupassen. Die Grenzen zwischen typisch männlichem und typisch weiblichem Verhalten verschwimmen hier mehr als im gesellschaftlichen Querschnitt. Trotzdem aber bleiben signifikante Unterschiede vorhanden.

Rob: Im Alltag mag es stimmen, dass Männer weniger oder gar nicht über ihre Emotionen sprechen. Man redet, wie in vielen Bereichen des täglichen Lebens, über Ersatzthemen. Das tun Frauen übrigens auch. Um sich zu öffnen, brauchen Männer aber eher als Frauen einen Grund, z.B. ein Schlüsselerlebnis, eine emotionale Krise, ein Burnout oder auch Beziehungsprobleme. Selten reden Männer über Konflikte, die aus dem Elternhaus stammen, da distanzieren sich Männer einfach und versuchen, ihren eigenen Weg zu gehen, was jedoch nicht heißt, dass nicht genau dort die Ursachen für das Entstehen der Borderline Persönlichkeit zu finden sind. Wenn sich nach ersten psychologischen Gesprächen die signifikanten Punkte für eine Anamnese herauskristallisiert haben, gibt es meiner Meinung nach keinen wesentlichen geschlechtsspezifischen Grund, dass für einen erfahrenen und spezialisierten Therapeuten die Diagnose bei Männern schwieriger sein soll. Es gibt lediglich eine Verschiebung in der Verhaltensstruktur zwischen den Geschlechtern, welche jedoch im gesellschaftlichen Kontext und deren Auswirkung auf die Betroffenen zu betrachten ist. Für eine korrekte Borderline Diagnose eines Mannes bedarf es also Offenheit des Betroffenen, Erfahrung des Therapeuten bzw. behandelnden Arztes und die Beachtung des Gesellschaftsumfelds.  

Am Ende bleibt der Schmerz und die Frage WARUM?: Dynamik einer Borderline-Beziehung (Edition Klotz)*
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Wie zeigen sich die Unterschiede im Verhalten zwischen Frauen und Männern, die unter der Borderline-Störung leiden?

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Suzana: Das kann man nicht pauschal sagen. Das liegt daran, dass die Ursachen, die dazu führen, dass sich eine Borderline-Störung entwickelt, vielfältig sind. Biologische, genetische und psychosoziale Erfahrungen fließen sehr komplex in die Entwicklung und die Art des Erlebens und die Gestaltung der Wahrnehmung ein. Erst in ihrem Zusammenspiel führen sie dann im jeweiligen Individuum zu einer Persönlichkeitsstörung.

Man kann wohl davon ausgehen, dass es eine genetisch bedingte erhöhte Vulnerabilität bei einigen gibt, aber diese allein führt nicht zur Persönlichkeitsstörung. Hinzukommen müssen immer auch Umweltfaktoren.

Bei den Umweltfaktoren geht es um Erfahrungen aus der frühen Kindheit. Hier geht es oft um Gewalterfahrungen oder sexuellen Missbrauch oder um emotionalen Missbrauch. Es kann auch eine emotionale Instabilität der Eltern vorliegen, die dazu führt, dass das Kind keine sichere Bindung aufbauen kann.

Das Ganze ist ein multifaktorielles Geschehen. So multifaktoriell wie die Störung ist aber auch die Art, wie die Betroffenen mit ihren Erfahrungen umgehen.

In den letzten 20 Jahren habe ich die Bekanntschaft von vielen Borderlinern, und zwar sowohl männlichen wie auch weiblichen gemacht. Jeder von ihnen geht individuell mit der Störung um. Es gibt nicht den typischen Borderliner und somit kann es auch nicht den typischen männlichen oder den typisch weiblichen Borderliner geben.

Es gibt jedoch tatsächlich geschlechtsspezifische Auffälligkeiten. Männliche Borderliner neigen eher zu dem Komorbiditäten Narzissmus und dissozialem Verhalten, weibliche Borderliner neigen dazu, abhängig zu werden bzw. abhängige (dependente) Verhaltensweisen zu entwickeln. Beides sind Abwehrmechanismen, beide Abwehrmechanismen haben das Überleben gesichert und beide Abwehrmechanismen werden genutzt, aber eben unterschiedlich häufig von Männern und Frauen.

Ich möchte das einmal am Beispiel der frei flottierenden Ängste darstellen. Frei flottierende Ängste sind ein klassisches Symptom der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Die frei flottierenden Ängste sind sehr häufig Auslöser für das von außen unverständliche und irrationale Verhalten. Sowohl Mann als auch Frau spüren die frei flottierenden Ängste.

Männer und Frauen unterscheiden sich aber dabei, wie sie mit diesen Ängsten umgehen, sie jeweilig erleben, und sich dann die automatisch ablaufenden Mechanismen im Verhalten zeigen. Hier gibt es deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede.

Dem komplexen Thema können wir uns über den Begriff des Grundkonflikts nähern. Das handelt sich meiner Meinung nach um einen sehr brauchbaren Ansatz. Sicherlich kann man auch andere Modelle bemühen, aber der Begriff des Grundkonflikts ermöglicht plausible und verständliche Erklärungen.

Ein Konflikt entsteht dann, wenn zwei Ziele möglich sind, diese sich aber gegenseitig ausschließen. Man muss sich also für eines der Ziele entscheiden, kann nicht beide Ziele verfolgen. Bei den Grundkonflikten geht um Fragen von zentraler Bedeutung, um grundsätzliche Fragen. Sie werden auch Ambivalenz-Konflikte genannt. Die Pole, zwischen denen man sich entscheiden kann, will oder muss, liegen weit auseinander.

Der Grundkonflikt ist ein Begriff aus der Psychoanalyse und Tiefenpsychologie. Der Begriff Grundkonflikt beschreibt einen zentralen Konflikt in der Entwicklung des Kindes. Auch später noch wirkt sich der Grundkonflikt aus, wenn er in der Entwicklung nur unzureichend bewältigt wurde. Dann beeinflusst er in Form unbewusster Konflikte das Verhalten und die Bindungen des Menschen.

Nach der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik gibt es acht Konflikttypen:

  • Abhängigkeit versus Individuation
  • Unterwerfung versus Kontrolle
  • Versorgung versus Autarkie
  • Selbstwert versus Objektwert
  • Über- Ich- und Schuldkonflikte
  • Ödipal-sexuelle Konflikte
  • Identitätskonflikte
  • Fehlende Konflikt- und Gefühls-Wahrnehmung

Die meisten psychischen Störungen hängen mit einem Grundkonflikt zusammen. Er verursacht sie oder gestaltet sie aus. Einer dieser Grundkonflikte ist das, was viele als Nähe-Distanz-Konflikt kennen. Er wird u.a. auch als Abhängigkeits-Autonomie-Konflikt oder Zugehörigkeits-Selbstbestimmungs-Konflikt bezeichnet. Der Konflikt liegt in den beiden Grundbedürfnissen Zugehörigkeit und der Autonomie, die sich einander diametral gegenüberstehen. Hierbei handelt es sich um eine der grundlegendsten Bipolaritäten überhaupt. Dieser Konflikt bestimmt auch im weiteren Leben das ganze psychosoziale Verhalten.

Wenn das Kind den Prozess der Individuation (Loslösungs- und Individuationsphase 5. bis 12. Monat) nicht gesund durchlebt hat, bleibt es in dem Grundkonflikt zwischen Autonomie und Abhängigkeit stecken. Bei der Loslösung und Individuation geht es vereinfacht gesagt um die körperliche und kognitiv-seelische Abgrenzung des Kindes, um einen Entwicklungsschritt in dem Übergang der ursprünglich symbiotischen Bindung zur Autonomie. Wird der Entwicklungsschritt nicht erfolgreich bewältigt, so werden Bindung und Individuation nicht ohne weiteres Zutun ins Gleichgewicht gelangen.

Beide Motive (Bindung und Individuation) müssen wir auch später noch ständig gemäß unseren emotionalen Bedürfnissen im Gleichgewicht halten bzw. dieses Gleichgewicht immer wieder aufs Neue herstellen. Das Stichwort für eine gelingende Lösung heißt bezogene Individuation: einerseits Selbstverwirklichung betreiben und dabei gleichzeitig in Beziehung bleiben.

Gehen wir zu Beispielszwecken davon aus, dass ein Junge autoritär erzogen wird in der Form, dass seine Bezugsperson, ergo sein Versorger unbedingten Gehorsam fordert und Übertretungen auch mit Gewalt ahndet.

Einerseits hat der Junge Angst vor der Bezugsperson, denn er muss sich unterwerfen, um zu überleben. Das ist seine abhängige, unterworfene Seite.

Andererseits aber entwickelt er einen Hass gegenüber seiner Bezugsperson und kämpft um Autonomie, um Selbstbestimmung. Das ist sein autonomer, selbstbestimmter Teil.

Über das Unterwerfen identifiziert sich der Junge mit der Bezugsperson. Die Verhaltensweisen des Vaters werden von dem Jungen als gut befunden, weil er nur so psychisch überleben kann. Das ist ein Schutzmechanismus der Psyche. Viele kennen etwas Ähnliches unter dem Begriff des Stockholm-Syndroms, dort haben sich die Geiseln mit dem Täter genauso identifiziert. Es ist ein auf Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein beruhender traumatischer Prozess, der hier passiert. Der Prozess führt dazu, dass die Wertevorstellungen und Verhaltensweisen des Täters als mit den eigenen Werten übereinstimmend übernommen werden, das Trauma ist hier vollendet („Täterintrojekt“).

Durch das Verinnerlichen der Täter-Werte und Täter-Verhaltensweisen wird auch die autonome, selbstbestimmte Seite des Jungen mit ähnlichen Verhaltensweisen „gefüttert“. Das liegt daran, dass die beiden Teile, der unterworfene und der selbstbestimmte Teil voneinander getrennt sind. Der Junge ist niemals unterworfen und gleichzeitig selbstbestimmt, er ist immer nur entweder unterworfen oder selbstbestimmt.

Es geht sogar noch weiter. Der Junge verachtet den unterworfenen, ausgelieferten und abhängigen Teil, die nagende Angst, die Schwäche. Er versucht, nur den autonomen, selbstbestimmten Teil zu leben. Er versucht stark, nicht schwach zu sein.

Es entsteht ein nicht zu lösender Konflikt zwischen Autonomie und Abhängigkeit, Symbiose und Individuation. Je gegensätzlicher die zwei Seiten sind, desto größer ist auch der Konflikt. Bei dem Jungen aus unserem Beispiel sind der autonome Teil und der unterwürfige Teil so gegensätzlich wie Tag und Nacht.

Im unterwürfigen Teil werden Schmerz, Hilflosigkeit, Abhängigkeit, Selbstabwertung, Angst und Scham gespeichert, im autonomen Teil Hass, Aggressionen, Wut, Zorn und Rachegelüste. So entwickeln sich diese zwei Anteile eigenständig und können nicht integriert werden. Das eigene „Ich“ wird nicht entwickelt. Zwischen diesen zwei Anteilen entstehen viele verschiedene Rollen und Persönlichkeitsanteile, die je nach Situation oder Lebensumständen in Erscheinung treten. Diese bieten eine vermeintliche Stabilität, bis sie nicht mehr passen.

Der Junge wird in seiner weiteren Entwicklung versuchen, nur den starken Teil zu leben, aber er wird auch immer wieder in Situationen kommen, in denen der unterwürfige Teil in Erscheinung tritt und sein Handeln steuert.

Der Junge wird versuchen, den unterwürfigen, abhängigen Teil in Schach zu halten, ihn aus seinem Leben fernzuhalten, denn er ist schwach und hat viel Leid ertragen. Es wird auch im weiteren Leben für den Jungen, der nun ein Mann wird, nur schwer bis gar nicht auszuhalten sein, wenn der schwache Teil in Erscheinung tritt. Er wird Mechanismen entwickeln, um diesen Teil weiterhin zu unterdrücken.

Einer dieser Mechanismen heißt „projektive Identifikation“. Durch die projektive Identifikation werden diese schwachen, abhängigen, unterwürfigen Anteile, die man nicht spüren „darf“, da sie eine große existentielle Angst hervorrufen auf andere Menschen projiziert, weil diese Gefühle dann besser kontrollierbar sind. Menschen, die in ihrer frühesten Kindheit an einem Mangel an aufmerksamer Zuwendung und Fürsorge gelitten haben, verwenden diesen unbewussten Mechanismus der Kommunikation, die projektive Identifikation, wesentlich häufiger als andere. Sie sehen sich innerlich oft mit „unverdauten“ Gefühlszuständen konfrontiert. Die projektive Identifikation ermöglicht demjenigen, der sie anwendet, über einen Dritten seine eigenen, dann ausgelagerten Gefühle spürbar zu machen, ohne sie selbst spüren zu müssen.

Gleichzeitig werden die abhängigen, unterwürfigen Anteile im Selbst unterdrückt, so dass man sie selbst nicht mehr spürt. Es ist eine Form externalisierten Fühlens. Im Prinzip wird der andere dazu verwendet, mit den eigenen Gefühlen in einer externalisierten Form klar zu kommen.

Die projektive Identifikation funktioniert mit Ängsten. Sie funktioniert aber auch mit Bedürfnissen und positiven Emotionen. Es gibt durchaus einen Grund, auch positive Emotionen auf andere zu übertragen, nämlich dann, wenn sie Angst in einem auslösen.

Was für das Kind aber der letzte Ausweg war, um emotional zu überleben, führt später im Leben zu Problemen, die Beziehungen und das Arbeitsleben beeinträchtigen.

Durch die ungelösten Konflikte kann keine gesunde Identität entstehen, weil die Persönlichkeitsanteile nur aus „entweder oder“ aber nicht „sowohl als auch“ bestehen und somit nicht integriert werden können. Auch später steht dann dort ein augenscheinlich junger Erwachsener oder ein Mann, dessen emotionale Seite aber zumindest in Teilen durch die traumatischen Ereignisse in der Entwicklung stehen geblieben ist. Im Mann ist immer noch der kleine Junge.

Zunächst wird der Junge, der dann zum Mann reift, Identitäten durch sozialgegebene Rollen suchen, so zum Beispiel im beruflichen Umfeld.

Oder er schließt sich einer Gruppe an, die gegen Autoritäten agiert und „sichert“ sich dadurch eine Zugehörigkeit mit dem Risiko einer Überidentifizierung, die jemand mit einer gesunden Identität nicht in diesem Maße hat.

Wenn die unterwürfige, abhängige Seite von damals angetriggert wird, kann es zu heftigen Reaktionen kommen. Gehen wir beispielhaft davon aus, dass ein Vorgesetzter Kritik äußert.

Ein männlicher Borderliner wird gegenüber dem Vorgesetzten eine Aggression empfinden, er wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch impulsiv reagieren und diese Aggressionen offen zeigen.

Was ist da passiert?

Vorgesetzte äußert Kritik
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Suzana: Der Vorgesetzte äußert Kritik. Aufgrund des Risikos, bei höherrangigen Personen ausgeliefert zu sein, bietet die Beziehung zum Vorgesetzten hier besonderen Sprengstoff, weil schon aufgrund des Hierarchieverhältnisses ein früher und schneller Anlass besteht, Abwehrmechanismen anzuwenden.

Die Unterlegenheit des Borderliners gegenüber dem Vorgesetzten ist strukturell vergleichbar mit der Unterlegenheit gegenüber der früheren Bezugsperson.

Und auf einmal steht der Erwachsene als kleiner Junge dem Vorgesetzten gegenüber.

In den neuronalen Netzwerken, die sich durch frühkindliche Ereignisse gebildet haben, ist noch heute die Angst, ausgeliefert zu sein, die ganze Hilflosigkeit und das Trauma von damals gespeichert. Die Geschehnisse werden durch Zeitablauf nicht ungeschehen, sie sind immer noch vorhanden. Mit der Kritik wiederholt sich in der Wahrnehmung des Borderliners etwas, da der Vorgesetzte in einer überlegenen Position ist.

Nach Meinung des Vorgesetzten hat der Borderliner etwas falsch gemacht

Selbstverachtung, Angst und Hilflosigkeit werden getriggert und schalten sich in die Situation von heute mit der vollen Kraft des damaligen Erlebens ein.

In diesem Moment ist der Borderliner genau mit diesen Emotionen assoziiert . Er hat Angst, ist hilflos, er verachtet sich selbst und empfindet die Situation mit dem Vorgesetzten in einer Intensität, die dem eigentlichen Anlass unangemessen ist. Gefühlt ist für den Borderliner das Heute zum Damals geworden, obwohl der Anlass aus der Sicht von heute klein oder zumindest erträglich ist.

Heute ist der Borderliner zwar erwachsen, aber der der autonome Teil, der ihn damals „geschützt hat“, der Hilflosigkeit verachtet und der sie deshalb auch jetzt nicht zulassen kann, feuert alle Aggressionen auf die Person, die das ausgelöst hat. Das heißt, heute richtet der Borderliner Hass und Aggression nach außen gegen den Vorgesetzten, um der unterwürfigen, mit Angst und Hilflosigkeit assoziierten Seite von Damals zu entfliehen.

Es ist wie ein Kurzschluss, in welchem der unterwürfige Teil und der autonome Teil kollidieren und eine Explosion entsteht. Das ist eine tief verinnerlichte automatisierte Reaktion auf den gesetzten Trigger. Der Borderliner hat über seine emotionalen Reaktionen keine Kontrolle mehr, wenn sie wie hier im Beispiel erfolgreich angetriggert werden. Und indem er sich aggressiv gegen seinen Vorgesetzten wendet, wird auch dieser ihm gegenüber Aggressionen entwickeln. So kann sich binnen kürzester Zeit aus einem fast nichtigen Anlass ein Szenario hochschaukeln, das auch zu einer Kündigung führen kann, je nachdem, wie impulsiv der Borderliner reagiert.

In Beziehungen können die Dinge ähnlich schnell entgleisen.

Die Abwehr funktioniert auch mit dem Mechanismus der projektiven Identifikation. Hierdurch wird die Angst abgewehrt und auf das Gegenüber projiziert. Vereinfacht ausgedrückt „macht“ derjenige, der projektive Identifikation einsetzt (unbewusst), dass sich das Gegenüber so fühlt wie er selbst. So kann jemand, der Angst empfindet, diese durch aggressives Verhalten auf den anderen projizieren. Es gibt aber auch subtilere Möglichkeiten, um das zu erreichen, d.h. manipulative Verhaltensweisen.

Wenn ein Mensch seinen eigenen Schmerz nicht erleben darf, weil er dazu angehalten wurde, ihn als schwach abzutun, wird er ihn in anderen Lebewesen suchen müssen. Ein solcher Mensch wird andere erniedrigen, quälen oder verstümmeln, um des eigenen verdrängten Schmerzes habhaft zu werden. Zugleich wird er dieses Tun leugnen, um seine eigene seelische Verstümmelung zu verbergen.

Arno Gruen

Auch die projektive Identifikation wird von Borderlinern eingesetzt. Die gesellschaftliche Rolle eines Mannes ist mit der Vorstellung von Stärke und Autonomie verbunden. Entsprechend identifiziert sich der autonome Teil des Jungen mit der gesellschaftlichen Rolle eines Mannes. Diese Identifizierung erfolgt vor allem in den Bereichen, in denen er instinktiv weiß, dass er Schwächen hat, also in den Bereichen, in denen er selbst ein unterwürfiges Erleben voller Schmerz und Angst hatte.

Dadurch stärkt er seine „männliche“ Seite. Entsprechend wird die unterdrückte Seite zunehmend nicht spürbar, sie rückt weit weg im Erleben, bis sie gefühlt nicht mehr vorhanden ist. Alles Unerwünschte von damals richtet der Junge als Borderliner im Heute nach außen und bekämpft es dort. Der innere Kampf wird nach außen getragen, er wird externalisiert.

Macht der Borderliner das im Berufsleben, so kann auch dies zu einem Verlust des Arbeitsplatzes führen. Verhält er sich aggressiv, so wird er seinen Arbeitsplatz verlieren. Er wird ihn aber auch verlieren, wenn er subtilere Arten und Weisen der projektiven Identifikation nutzt.

Der Vorgesetzte wird aber i.d.R. die Problematiken mit dem „Borderline-Mitarbeiter“ nicht benennen können. Er wird aber diesen Mitarbeiter nicht behalten wollen, da dessen Gegenwart und Verhalten immer wieder negative Gefühle wie Angst oder Hilflosigkeit bei dem Vorgesetzten oder auch anderen Kollegen erzeugt. Da der Vorgesetzte das wahre Problem nicht kennt, wird er nach Gründen suchen und letztlich Pseudogründe finden, die er dann in seiner Hilflosigkeit benennt. Früher oder später wird der Borderliner seinen Job verlieren oder wegen der zerstörten Beziehung zum Vorgesetzten selbst kündigen.

Ein weiterer Mechanismus zur Kompensation der abhängigen Seite ist Sucht und Abhängigkeit. Mit der abhängigen Seite sind auch hier der Schmerz und die Angst verbunden, die damals wie heute nicht gefühlt werden dürfen, und somit unterdrückt werden müssen. Das geht auch mit Suchtmitteln; dies ist ein Grund, weshalb so viele Borderliner abhängig von Substanzen sind. Es dient alles nur dem Zweck, diese Gefühle klein zu halten und zu verdrängen.

Ein weiteres Muster sind hochriskante Verhaltensweisen. Bei Männern sind etliche der hochriskanten Verhaltensweisen immer noch mehr mit dem Rollenverständnis verbunden als bei Frauen, so z.B. beim Autofahren.

Auch Narzissmus und antisoziales Verhalten dienen dazu, die autonome, selbstbestimmte Seite zu stärken. Das hat dem Jungen das Überleben ermöglicht, und so entwickelt der erwachsene Borderliner diese Störungen als Komorbiditäten zur bestehenden Borderline-Störung.

Es ist ein selbsterzeugter, quasi unabhängiger Modus. Er ist geprägt von der Angst vor Vereinnahmung, wobei der erwachsene Borderliner vor der Vereinnahmung flieht, weil er Nähe unbewusst mit Abhängigkeit und Ausgeliefertsein gleichsetzt. So bemüht er sich, mit diesen Abwehrmechanismen Verbindlichkeiten und Verantwortung aus dem Weg zu gehen.

Beruflicher Erfolg und Wohlstand können als Mittel zur Sicherung der Unabhängigkeit große Wichtigkeit erlangen. Als Gegenüber können wir diese Menschen für ihre Eigenständigkeit anfangs bewundern, aber auch ihre Rastlosigkeit und Vermeidung von ernsthaften Bindungen erahnen oder uns von ihnen zurückgewiesen fühlen.

Der Borderliner selbst erlebt die Abhängigkeit nicht bewusst, weil er sie abgespalten hat.

Damals war es Todesangst, und das führte dazu, dass im traumatischen Prozess die Werte des Täters auf seine autonome Seite übertragen wurden (Täter-Introjekt). Der Borderliner hat sich entschieden, den autonomen, selbstbestimmten Teil zu leben, oft auch unter Verwendung von verbalen oder körperlichen Angriffsmechanismen.

Trotzdem ist auch in dem kleinen Jungen, der heute ein Borderliner ist, ein unterwürfiger Teil zurückgeblieben. Dieser Anteil löst sich nicht durch Zeitablauf auf. In der Kindheit ist er dadurch entstanden, dass der kleine Junge auf die Liebe der Bezugspersonen angewiesen war – um versorgt zu werden, und auch, um körperlich wenigstens halbwegs unversehrt zu bleiben. Wenn Kinder die Ablehnung oder das Desinteresse ihrer Eltern erleben, reagieren sie mit Angst. Autonome Impulse werden unterdrückt, weil sie Selbstbestimmung als Gefährdung ihrer brüchigen Zugehörigkeit empfinden. Der Wunsch, geliebt zu werden, bleibt als eine unerfüllte Sehnsucht bestehen.

In einer Beziehung reagieren Männer genauso impulsiv, wenn sie in Abhängigkeit geraten.

Dieses Verhalten (Mechanismus) nennt sich Idealisierung. Der Idealisierung folgt schon fast zwangsläufig die Unterwerfung. Je mehr der Borderliner seine Partnerin idealisiert, desto leichter ist es für ihn, sich unterzuordnen. Sobald der Borderliner sich aber abhängig fühlt, bekommt er Angst, verschlungen und dominiert zu werden und reagiert dann durch das Ausagieren der autonomen Seite.

Er wird aggressiv oder flüchtet.

Es ist, als wenn man gleichzeitig das Gaspedal drückt und die Handbremse zieht.

Ein Mädchen, das das gleiche erlebt hat, wird hierauf in den Jahren danach mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit anders reagieren. Ein Mädchen wird sich eher schuldig fühlen, sich anpassen und unterwerfen, da ihr diese Abhängigkeit und Identifikation das Überleben sichern.

Aber auch das Mädchen hat einen autonomen und unterwürfigen Teil.

Der unterwürfige Teil wird mit Angst, Schmerz, Trauer, Schuld und auch Scham und Hilflosigkeit vernetzt, so wie bei dem Jungen auch. Auch hier sind die Erlebnisse verbunden mit einer großen, existentiellen Angst, einer Überlebensangst. Der autonome Teil hegt ebenfalls Verachtung und Aggressionen gegenüber dem unterwürfigen Teil.

Das Mädchen wird aber mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit oder Intensität danach streben, den autonomen Teil als Identität auszuleben, da es nicht dem gesellschaftlichen Rollenverständnis entspricht, dass eine Frau ein unabhängiger, freier, starker und aggressiver Krieger sein soll. Sie wird zwar die Täter-Werte verinnerlichen, und hier insbesondere, dass sie bestraft werden muss, aber sie wird die Konsequenzen hieraus innerlich ziehen, sich in der Folge selbst bestrafen, den Konflikt innerlich austragen und nicht nach außen richten.

Dass sie bestraft werden muss, ist der weiblichen Borderlinerin so tief eingebrannt, dass immer wieder Handlungen zur Buße getan werden müssen, sei es auf körperlicher oder emotionaler Ebene. Hier kommen körperliche Selbstbestrafungen durch exzessiven Sport oder Hungern oder gar Selbstverstümmelungen durch Hautverbrennungen in Betracht.

Oftmals erfolgen auch emotionale Selbstbestrafungen durch Selbstvorwürfe und Selbsthass, den abwertenden Blick in den Spiegel, der immer wieder intermittierend ein widerwärtiges Monster zeigt, welches weiter bestraft werden muss.

Das Mädchen, das sexuellen Missbrauch erlebt hat, identifiziert sich mit dem Täter, um zu überleben – eine Trauma induzierte Reaktion, um zu das traumatische Geschehen zu überleben, in dem es sich als ausgeliefert und hilflos wahrnimmt. Sie übernimmt auch die Tätervorstellung (auch hier: Täterintrojekt).

Danach ist sie auch nach ihrem Empfinden nicht mehr rein, nicht mehr ganz.

Sie fühlt, dass sie es war, die den Täter verführt hat, ihm Anlass gegeben hat, mitgewirkt hat und  eine schwere Schuld trägt, da es ihr in ihrer Vorstellung ein Leichtes gewesen wäre, die sexuellen Handlungen zu verhindern. Der sexuelle Missbrauch hat somit ihrer Auffassung nach nur wegen ihr stattgefunden. Sie identifiziert sich mit dem Täter.

Zur Klarstellung: das kindliche Opfer ist das Opfer des Missbrauchs, nicht der Täter. Das kindliche Opfer war beeinflussbar, es kann nichts, aber auch gar nichts dafür, dass die Dinge geschehen sind. Trotzdem glaubt das Mädchen ab jetzt felsenfest daran, dass sie die Verantwortung für den Missbrauch trägt. Das ist die Folge traumatischen Erlebens. Es steht in einem unauflösbaren Widerspruch, dass die liebende Bezugsperson ein Übel tut.

Das verarbeitet die kindliche Psyche nicht, also setzt sich in der Vorstellung des Mädchens der Glaube fest, dass sie die Schuldige ist, weil sie verführt oder zumindest nicht die sexuellen Handlungen verhindert hat. Das ist die traumatische Verarbeitung, das Täter-Introjekt wird also ungefiltert übernommen.

Gleichzeitig teilt sich das Mädchen von dem Schmerz ab, häufig erfolgt eine Phase jahrelanger Dissoziation. Die Erinnerung ist so für Jahre oder gar Jahrzehnte nicht mehr verfügbar, der Schutzmechanismus Dissoziation löscht das Erlebte, bis der Zeitpunkt gekommen ist, wo der Schmerz erinnert werden kann und darf. Unabhängig davon, ob die Ereignisse erinnert werden, richtet die Borderlinerin ihre Aggressionen jedoch gegen sich selbst.

Auch im Falle von körperlicher oder seelischer Gewalt und Hilflosigkeitserfahrungen wird das Täter-Introjekt verinnerlicht. Auch hier steht in einem unauflösbaren Widerspruch, dass die liebende Bezugsperson ein Übel tut, das verarbeitet die kindliche Psyche nicht, also setzt sich in der Vorstellung des Mädchens der Glaube fest, dass es bestraft wird, weil es nicht gut ist.

Es muss bestraft werden, weil es „ein Böses“ ist.

Auch hier zur Klarstellung: das kindliche Opfer ist das Opfer der Gewalt, nicht der Täter. Das kindliche Opfer hat vielleicht einen Anlass für die Bestrafungen gesetzt, aber sicher keinen schuldhaften in diesem Alter, es kann nichts, aber auch gar nichts dafür, dass es so bestraft wurde.

Die Aggressionen des autonomen Teils gegen den unterwürfigen Teil werden sich bei dem Mädchen in Selbsthass, Schuld und Scham manifestieren, sie werden aber kaum an die Oberfläche gelangen. So lernen Mädchen sich anzupassen, in dem sie sich unterwerfen. Sie neigen dann auch in ihrem weiteren Leben dazu, die abhängige Seite zu leben.

Die Angst bleibt hier bestehen, weil die Unterwerfung gelebt wird, sie ist so lange spürbar, so lange sie nicht so stark wird, dass dissoziative Zustände einsetzen, die Angst also wegen der puren Intensität abgespalten wird. Um die Angst nicht zu spüren, werden auch im Erwachsenenalter weitere Mechanismen eingesetzt, die sich in der Regel – anders als bei Männern – nicht gegen Dritte richten, sondern meistens gegen sich selbst. So verletzen sich weibliche Borderliner, sie bestrafen sich körperlich oder auch emotional, z.B. durch Selbstvorwürfe, sie werden depressiv und entwickeln Essstörungen.

Die erwachsene Borderlinerin leidet oft unter inneren Spannungen, wenn ihre unterwürfige Seite assoziiert ist. Das liegt an den Ängsten, die in dem abhängigen Modus nicht komplett ausgeblendet werden können. Um Entlastung von der Spannung zu erzielen, werden erlernte Verhaltensweisen aktiv. Die erwachsene Borderlinerin neigt dann dazu, autoagressiv zu handeln, indem sie sich verletzt, bestraft oder depressiv wird.

Im Gegensatz zu Männern bleiben Frauen im passiven (abhängigen) Modus. In diesem existiert eine als existentiell empfundene Verlustangst. Deshalb erleben Frauen auch den (drohenden) Beziehungsverlust schlimmer als den Tod, was durch Suizidandrohungen führen kann, wenn die Angst besteht, die Beziehung zu verlieren. Diese existentielle Verlustangst führt auch dazu, sich unterzuordnen, um Eigenständigkeit zu vermeiden. Im Gegenüber lösen sie die Beschützerimpulse aus, indem sie starke Bedürftigkeit ausstrahlen.

Wenn die Angst überhand nimmt, kommt es allerdings auch zu dissoziativen und dann auch passiv-aggressiven Verhaltensweisen. So spalten Borderlinerinnen die Ängste auch ab, wenn sie zu viel werden. Sie dissoziieren, ziehen sich emotional zurück und erscheinen eiskalt – nur um diesen unangenehmen Emotionen, die sie an die damals empfundene Todesangst erinnern, zu entkommen.

Um projektive Identifikation zu nutzen, werden Borderlinerinnen eher zu subtilen Verhaltensweisen tendieren als zu offen reflektierten Aggressionen. Dies kann auch ihren beruflichen Fortschritt gefährden.

Dahinter stecken große Ängste, die verschiedene Masken tragen. Es sind die gleichen Ängste bei Männern und Frauen, es handelt sich nur um unterschiedliche Wege, diese zu maskieren und abzuwehren.

Ich möchte mich auch hier von pauschalen Aussagen abgrenzen. Die vorstehend ausgeführten Beispiele sollen unbewusste Vorgänge verdeutlichen. Es bleiben aber Beispiele und sollen keine Generalisierungen sein.

Natürlich gibt es auch Borderlinerinnen, die sich aggressiv und antisozial verhalten, und natürlich gibt es auch Borderline-Männer, die dies nicht tun. Gemeinsam ist bei Männern und Frauen aber stets das Selbstzerstörerische, das Autodestruktive. Das kann auf viele Arten und Weisen ausgelebt werden. Eigentlich könnte man über jeden einzelnen Borderliner ein Buch schreiben.

Rob: Männer und Frauen unterscheiden sich vor allem darin, dass sie ihrem Rollenbewusstsein versuchen zu entsprechen. Männliche Borderliner fühlen sich am ehesten als Antihelden, wobei sich Frauen eher in eine Rolle der Femme fatale hineinbegeben oder die abhängige, bedürftige Seite.

Ein Antiheld wäre John McClane in der „Stirb Langsam“ Filmfolge, welcher von Bruce Willis dargestellt wird. Persönlichkeitsmerkmale, die den Protagonisten umreißen sind: Kettenrauchen, dem Alkohol zugetan, in Scheidung lebend, offener Vorgesetztenkonflikte, immer die letzten Patrone in der Pistole, gerät in lebensgefährliche Extremsituationen und reüssiert beruflich mit Brillanz. Diese Merkmale könnten ohne weiteres als Diagnosepunkte für männliche Borderliner verwendet werden.

Frauen erscheinen tendenziell etwas gesellschaftskonformer. Jedoch gibt es auch männliche Borderliner, die sich nach außen hin gesellschaftskonform verhalten. Dieses Außenbild hat indes keinen Einfluss auch die inneren Konflikte, vielmehr wirkt das angepasste Verhalten gelegentlich wie ein Brennglas auf einem Haufen Schwarzpulver, es explodiert aus heiterem Himmel, vorrangig bei schönstem Sonnenschein.

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Wie gehen Männer mit der inneren Spannung um?

Männer mit der inneren Spannung
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Suzana: Innere Anspannung und Ambivalenzen kosten viel Kraft. Um sie auszuhalten, neigen Männer dazu, Alkohol oder illegale Drogen zu konsumieren oder anderen Süchten zu verfallen, egal ob stofflich oder unstofflich. Außerdem neigen Männer zu Hochrisikoverhalten und Kriminalität.

Man könnte sagen, dass Männer eher „aktiv-aggressiv“ sind als Frauen, die eher zu passiven Aggressionen und autoaggressivem Verhalten (u.a. Selbstverstümmelung und Hungern, s.o.) neigen.

Rob: Das geht von der Betäubung durch Alkohol und Drogen über die Suche nach Extremsituationen bis zur Selbstzerstörung auch in Bezug auf Arbeit, Wohnung oder Beziehung. Durch die Zerstörung kommt es zum Spannungsabbau. Bei einem radikalen Wechsel der Lebensbedingungen (neuer Job, neuer Wohnort, neues Leben) kommt es zum Befreiungsschlag, der auch schon einmal mit dem letzten Rest an Kraft oder Geld – auch auf Kredit – ausgeführt wird. Dies kommt einer Selbstrettung gleich. Manch ein Borderliner mag sich auch „nur“ auf einem wochen- oder monatelangen Rückzug und soziale Isolation begeben, um dann wieder wie Phönix aus der Asche aufzusteigen und wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

In Beziehungen werden innere Spannungen gern erst mal aufgestaut zugunsten einer Harmoniebedürftigkeit, Konflikte werden nicht offen angesprochen und bewältigt, auch, weil häufig Ressourcen zu einer gesunden Konfliktbewältigung nur ungenügend ausgeprägt sind. Bei einem nicht vorhersehbaren Anlass können sich diese Spannungen auch explosionsartig entladen.

Neigen Männer eher dazu, sich selbst zu verletzen?

Suzana: Alle Borderliner neigen letztlich zu selbstschädigendem Verhalten, aber in unterschiedlichen Spielarten.

Männer neigen eher zu Drogen und Alkoholmissbrauch, Spielsucht und Hochrisikoverhalten.

Bei Frauen herrscht autoaggressives Verhalten vor.

Gleichwohl gibt es auch viele männliche Borderliner, die sich schneiden, mit der Faust gegen die Wand schlagen oder sich Zigaretten am Körper ausdrücken. Männer sind aber eher dazu geneigt, solche Verletzungen zu verstecken, auch, weil es nicht zum Rollenverständnis passt.

Rob: Männer neigen dazu, Extremsituationen zum Spannungsabbau zu nutzen, z.B. Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit auf herausfordernden Straßen. Hier gehen Männer meiner Meinung nach viel weiter als Frauen, da diese Aktionen tödlich enden können. Auch sportliche Aktivitäten werden zweckentfremdet, Mountainbike (Downhill) ist dafür prädestiniert, da nimmt man die Kurve mit der Dornenhecke auch mal besonders knapp und kommt mit einem blutenden Oberarm und nem aufgeschlagenen Knie im Tal an. Manche Borderline-Männer neigen auch zu Prügeleien. Natürlich gibt es auch Männer, die sich zum Spannungsausgleich schneiden, jedoch kommt auch ein beherzter Faustschlag gegen Glasscheiben oder Mauern vor.

Kommen Borderline-Männer häufiger in Konflikt mit dem Gesetz, bevor sie psychiatrisch behandelt werden?

Suzana: Ja, leider ist es meistens so, aus vorstehend ausgeführten Gründen. Sie geraten tatsächlich häufiger mit dem Gesetz in Konflikt oder finden sich in einer Suchtklinik wieder, als Frauen.

An dieser Stelle möchte ich Dr. Gunther Schmidt zitieren:

Soziale Logik kommt vor Psycho-Logik. Psychiatrie und Justiz sind die zwei Hauptregelungsinstrumente,

um soziale Regelungen einhaltbar zu machen.“

Rob: Definitiv ja, schon weil Autoritäten nicht geachtet werden. Es beginnt im Kleinen, mit dem Rauchen auf dem Schulklo, oder bei Rot über die Ampel laufen. Der Unrechtsgehalt der Handlungen, die von älteren Borderlinern vorgenommen werden, ist ähnlich. Dennoch sind Borderline-Männer meiner Meinung nach, was größere Delikte betrifft, nicht krimineller als  andere Männer, kommen jedoch durch ihre nicht selten verdächtige Erscheinung schneller ins Visier von Gesetzeshütern. Es eskaliert, der Borderliner wehrt sich, und vielleicht, weil er ein Borderliner ist, etwas zu sehr, und schwups hat der Borderliner eine Anzeige wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt sowie gebrochene Rippen und ein blaues Auge.

Männer die unter Borderline leiden, werden oft mit anderen psychischen Erkrankungen verwechselt. Würdest du dem zustimmen und wenn ja, warum?

Suzana: Ja, dem kann ich zustimmen.

Es besteht ein Nachholbedarf bei der Erkennung und Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung bei Männern.

Meistens wird eine Borderline Störung bei Männern wegen einer anderen Symptomatik übersehen, die akut im Vordergrund steht, wie zum Beispiel Alkohol oder Drogensucht, oder auch aggressives und rücksichtloses Verhalten, was in Gewaltdelikten zum Ausdruck kommt.

Was ein Borderliner als Schutzmechanismus aufgebaut hat (Komorbidität), wird zu einer Diagnose, wie zum Beispiel Alkoholsucht, Narzissmus oder dissoziale Persönlichkeitsstörung.

Rob: Definitiv ja. Es ist mir selbst widerfahren, dass ich mit einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde. Ich habe im Erstgespräch in der Klinik berichtet, dass ich mit einer Borderlinerin zusammen gewesen war und die Ärztin hatte wohl den Wissensstand, dass Borderliner und Narzissten sich häufig finden. Außerdem trat ich trotz meines Zusammenbruchs selbstsicher auf und wies keine äußeren Anzeichen einer Selbstverletzung auf, abgesehen vom aufgeschlagenen Handknochen, der ignoriert wurde.

Genauso gut kann man einem Borderliner, der wiederholt Gesetzesübertretungen begangen hat eine antisoziale Persönlichkeit andichten. Oder ihm aufgrund seiner schlechten gesellschaftlichen Anpassung als Autisten oder Psychopathen darstellen.

Warum ist das so? Es kommt immer darauf an, wie sich der Betroffene zum Zeitpunkt der ersten Gespräche gibt und wer ihm gegenübersitzt. Meiner Meinung nach werden Borderline-Männer aufgrund ihrer im Verhalten liegenden Unterschiede zu Borderline-Frauen häufig in ihren tatsächlichen Leiden nicht ernst genommen und im Stich gelassen, oder an Suchtkliniken verwiesen.

Gibt es andere Therapieansätze bei Borderline-Männern als bei Frauen?

Suzana: Es gibt keine grundsätzlich anderen Therapieansätze für Borderline-Männer.

Wenn symptombezogen gearbeitet wird, wird aber anders behandelt, da bei Männern andere Symptome in Vordergrund stehen. Hier geht es dann zum Beispiel um Therapien für Aggressionabbau und Suchtprävention oder auch Ansätze, um die emotionale Belastbarkeit zu erhöhen und andere Lösungen zu suchen, um Spannungszustände abzubauen. Ein Fokus wird auch auf rücksichtsloses Verhalten mit dissozialen Tendenzen gerichtet. Auch kann mangelndes Einfühlungsvermögen ein Symptom sein, welches in einer Therapie bearbeitet werden kann.

Die Ursachen aber bleiben die gleichen.

Rob: Die meisten Therapien beschränken sich auf Symptombekämpfung. Sie zeigen Alternativen zur Selbstverletzung durch so genannte Skills auf, und es wird versucht, die Impulsivität herunterzufahren. Eine geschlechterspezifische Behandlung wird meiner Kenntnis nach in den Kliniken nicht durchgeführt. Ich persönlich glaube aber, dass ambitionierte und emphatische Therapeuten durchaus die Unterschiedlichkeit zwischen Männern und Frauen mit einer Borderline Persönlichkeit beachten werden. Natürlich kann man einen Mann nicht wie eine Frau therapieren, schon aufgrund ihrer unterschiedlichen Geschlechterrollen.

Danke für das Interview.

Meine persönliche Meinung

Darko Djurin (Der Philosoph): Da der Begriff „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ immer öfter in den Medien aufgetaucht ist, habe ich angefangen, mich mit dem Thema zu beschäftigen und dies hat enormes Interesse bei mir geweckt. Ich habe diesbezüglich viele verschiedene Bücher und Studien gelesen, unter anderem auch Berichte, die von Experten verfasst worden sind. Leider war es für mich als Laie sehr schwierig zu verstehen, welche komplexen Mechanismen eine Borderline-Störung hervorrufen kann. Schließlich bin ich auf ein Interview von Suzana Pavic gestoßen, in welchem sie genau diese komplexen Mechanismen mit sehr guten Beispielen erklärt.

Während meiner Recherche habe ich auch diverse Foren besucht, in denen ich auf viele offene Fragen zu diesem Thema gestoßen bin. Ich fing an, mir all diese Fragen aufzuschreiben. Als Betreiber eines Männermagazins dachte ich mir, es würde sehr vielen Leuten weiterhelfen, wenn es auf genau diese Fragen eine Antwort geben würde. Ich schrieb Suzana Pavic mit all diesen offenen Fragen an. Die daraus entstandenen Antworten könnt ihr in diesen vier Berichten nachlesen:

Buchrezension: Am Ende bleibt der Schmerz und die Frage WARUM: Dynamik einer Borderline-Beziehung

Ich habe dieses Buch innerhalb von ein paar Tagen durchgelesen, obwohl ich ein Lesemuffel bin, hat es mich nicht mehr losgelassen. Es wurden viele reale Beispiele aus dem Alltag einer Borderline-Beziehung erklärt und die psychischen Vorgänge (Denkmuster) von Betroffenen und Angehörigen dargestellt. Nach diesem Buch habe ich ein Gefühl entwickeln können, wie Menschen, die unter einer Borderline-Störung leiden, sich ansatzweise fühlen. Die analytische Darstellung und Erklärung von realen Situationen in einer Borderline-Beziehung haben mir als Laien die Augen geöffnet. Der Fokus des Buches besteht meiner Meinung nach darin, die komplexen Mechanismen einer Borderline-Beziehung zu verstehen, mehr Verständnis dafür aufzubauen und dass nicht nur Betroffene die Krankheit besser verstehen können, sondern sogar Angehörige. Es ist Suzana Pavic sehr gut gelungen, diese Erfahrungswerte und Informationen aus ihrer langjährigen Erfahrung in ein Buch kompakt einzupacken.

Am Ende bleibt der Schmerz und die Frage WARUM?: Dynamik einer Borderline-Beziehung (Edition Klotz)*
Suzana Pavic, Ed Hellmeier - Herausgeber: Westarp - Auflage Nr. 2017 (12.06.2017) - Taschenbuch: 202 Seiten
Derzeit nicht auf Lager

*Anzeige: Affiliate Link / Letzte Aktualisierung am 22.08.2018 / Bilder von der Amazon Product Advertising API

Weitere Informationen findet ihr unter folgenden Link: www.suzana-pavic.de

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Über Der Philosoph 717 Artikel
Darko Djurin (Der Philosoph) wurde am 04.05.1985 in Wien geboren. Er ist diplomierter Medienfachmann und Online Social Media Manager. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Musik Produktion, Visual Effects, Logo- & Webdesign, Portrait und Architekturfotografie und SEO – Suchmaschinenoptimierung. Seine Leidenschaft zum bloggen entdeckte er vor 12 Jahren. Der neue Mann ist nicht nur ein Projekt für ihn vielmehr sieht er es als seine Berufung seine Denkweise und Meinung auf diese Art kundzutun.

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